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16. Dezember 2013

«Ich will niemandem erklären, woran er glauben muss»

Seit 1997 ist Walter Meier Seelsorger am Flughafen Zürich. Über die vielen berührenden und emotionalen Momente hat er ein Buch geschrieben. Im Interview verrät der 61-Jährige, was ihn mit dem Fluglotsenmörder Witali Kalojew verbindet und wie er Weihnachten feiert.

Walter Meier im Andachtsraum des Flughafen Zürich
Walter Meier im Andachtsraum: Alle Religionen sind willkommen. Das Kreuz ist eine Projektion und lässt sich per Knopfdruck ausschalten.
Zirkuspfarrer Ernst Heller
Zirkuspfarrer Ernst Heller.

ÜBERRASCHENDE SEELSORGER
Ausserdem zum Thema: Pfarrer, wo man sie nicht erwartet. Spezielle Orte und ihre Seelsorger: zum Artikel

Walter Meier, Sie widmen Ihr Buch «Flughafengeschichten» Ihren beiden Enkelkindern. Schenken Sie es ihnen zu Weihnachten?

Da beide noch nicht lesen können, werde ich ihnen das Buch später schenken. Ich bin erst seit 2012 Grossvater.

Ihre Geschichten sind sehr berührend. Welche Emotionen löste das Schreiben des Buchs bei Ihnen aus?

Heitere und ernste Gedanken: Manchmal musste ich schmunzeln, manchmal kamen mir fast die Tränen. Wahrscheinlich half mir das Schreiben, das Erlebte zu verarbeiten.

Welche Erlebnisse berührten Sie besonders?

Was mich emotional besonders aufwühlte, war der Tod eines zwölf Tage alten Kindes am Flughafen Zürich. Es litt an einem schweren Herzfehler, und die Eltern wollten, dass ich den toten Buben taufe. Auch schwer war, die Angehörigen der Opfer von Luxor zu begleiten. Das ging mir sehr nah – mit den bekannten Symptomen wie Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie Albträumen. Ebenso reagierte ich auf die Flugzeugabstürze von Halifax, Nassenwil und Bassersdorf.

Sie mussten nach den Flugzeugabstürzen Menschen trösten, die ihre Liebsten verloren hatten. Wie kann man bei einer solchen Tragödie überhaupt helfen?

Jemand, der so etwas Tragisches erlebt hat, braucht zuerst einmal menschliche Zuwendung. Die kann jeder geben. Natürlich erhielten wir als Mitglieder des Care-Teams eine Einführung durch Fachleute. Neben diesem Rüstzeug hilft es, wenn wir behutsam und aufmerksam zuhören oder mitschweigen, wenn die Betroffenen im Moment der Trauer lieber stumm bleiben.

Gibt es Rituale, die nach einem Flugzeugabsturz für die Angehörigen besonders wichtig sind?

Wir stellten fest, dass ein Teil der Angehörigen möglichst schnell und nahe zum Unfallort gehen will. Als im Januar 2000 eine Crossair-Maschine in Nassenwil ZH abgestürzt war, führten wir die Trauernden in kleinen Gruppen zur Unfallstelle. In Sichtdistanz zum Krater konnten die Angehörigen ihre Blumen niederlegen, Kerzen anzünden, und wir sprachen ein Gebet. Der Polizeipsychologe füllte vor Ort eine Handvoll Erde in Plastiksäcke ab, die wir dann den Angehörigen mitgaben. Sie waren sehr dankbar.

Was gibt Ihnen persönlich Kraft?

Jedes Mal, wenn ich merke, dass das Gespräch gelungen ist. Und das ist dann der Fall, wenn der Mensch mir gegenüber sichtlich erleichtert und dankbar ist.

Eine Szene in Ihrem Buch ist lustig. Wir denken da an den Hilfssigristen …

Stimmt. Ein Obdachloser hat mir bei einem Gottesdienst als «Sigrist» geholfen. Er verteilte die Gesangsbüchlein, und beim Empfang des Kelchs beim Abendmahl sagte er: «Prost».

Sie wechselten 1997 von einem normalen Pfarramt zum Flughafen. Was sind die grössten Unterschiede in der täglichen Arbeit?

Die Unterschiede sind nicht gross. Die Atmosphäre am Flughafen ist internationaler. Aber die Seelsorge für Menschen gestaltet sich gleich wie in der Gemeinde: aufmerksam und zugewandt zuhören, den Menschen ernst nehmen und ihm Wertschätzung vermitteln.

Wichtig ist nicht, was jemand glaubt, sondern dass jemand glaubt.

Ein Unterschied zwischen der Arbeit eines Flughafenpfarrers und einem Pfarramt ist, dass Ihre Schäfchen oft auf den nächsten Flug müssen. Wie gelingt es Ihnen, das Gespräch trotzdem abzuschliessen?

Am Anfang bereitete mir das Mühe, weil ein Seelsorgegespräch seine Zeit braucht. Entweder kann ich das Gespräch mit einem kurzen Gebet beenden oder dem Menschen wenigstens einen Reisesegen mitgeben.

Ihre Arbeit besteht vor allem aus Zuhören. Warum ist ein offenes Ohr so wichtig?

Der berühmte Pfarrer und Dichter Jeremias Gotthelf schrieb: «Bekanntlich verliert die schwerste Bürde die Hälfte ihrer Last, wenn man davon reden kann.» Als Seelsorger haben wir das Privileg, Zeit zum Zuhören zu haben. Dazu können wir einen geschützten Rahmen und Ambiance anbieten, eventuell eine Kerze anzünden, um das Licht, die Lösung zu versinnbildlichen.

Wie oft kommt es zu sprachlichen Verständigungsproblemen?

In den diversen Betrieben des Flughafens Zürich arbeiten Menschen aus aller Herren Länder. Da ist es nicht schwierig, jemanden zu finden, der die Sprache eines Hilfesuchenden spricht. Ansonsten verständige ich mich mit Händen und Füssen.

Sie haben mit Menschen diverser Religionen zu tun. Wie wichtig ist Ihnen der christliche, der reformierte, Glaube?

Aus meinem Glauben schöpfe ich ein Grundvertrauen als Basis. Das ist für mich sehr wichtig, um nicht an den traurigen Nachrichten, die ich höre, zu verzweifeln. Doch ich bin kein Missionar, der einem Menschen erklären will, woran er glauben muss, um sein persönliches Problem zu lösen. Der Mensch muss vielmehr spüren, dass ich ihn mit seinen Fragen und Nöten ernst nehme.

Haben Sie als Flughafenpfarrer Elemente anderer Religionen angenommen?

Das kann ich nicht beurteilen und interessiert mich auch nicht. Was ich aber mit Überzeugung sage, obwohl das vielleicht nicht alle Mitchristen gerne hören: Wichtig ist nicht, was jemand glaubt, sondern dass jemand glaubt.

Sie schreiben von Christen, die sich am stilisierten Kreuz im Andachtsraum stören. Wie oft begegnen Sie Fundamentalisten?

Selten. Einmal kam ein muslimischer Passagier in den Andachtsraum, als ich mit einer Schulklasse da war, um das Flughafenpfarramt vorzustellen. Die Schülerinnen und Schüler kamen mit ihm ins Gespräch und konnten Fragen stellen. Es war ein sympathischer Austausch. Am Schluss dankte ich dem Herrn und sagte, letztlich würden wir alle an den gleichen Gott glauben. Die Religionen seien nur verschiedene Wege, die zu diesem einen Gott führen. Der Muslim entgegnete: «Non, non Monsieur, il n’y a qu’un seul chemin.» Ich war froh, dass er aufs Flugzeug musste und mir ein Streitgespräch ersparte. (lacht)

Sie sprachen von Tod und Trauer. Mussten Sie während Ihrer Arbeit auch weinen?

Ich bin nah am Wasser gebaut. Aber das stört mich nicht mehr. Es gibt Situationen, in denen es enorm schwierig ist, sich zu beherrschen. Ich denke an das zwölf Tage alte Kindchen, das am Flughafen unerwartet gestorben ist. Da stand mir das Augenwasser zuvorderst. Auch habe ich jene Familie begleitet, deren Tochter auf ihrem ersten Flug als Flight Attendant in Halifax umgekommen ist. Ihr Vater war MD-11-Kommandant, den ich durch meine Zeit als Freelance-Flugbegleiter gut kannte. Er starb vor drei Jahren. Ich stand vor der Trauergemeinde in der Kirche, zusammen mit dem Ortspfarrer, und es gab einen Moment, als ich nicht mehr weiterreden konnte.

Wo finden Sie in traurigen Momenten Trost?

Ich rede mit meiner Frau, die Pfarrerin und Psychiaterin ist, oder mit meinen Arbeitskolleginnen. Am Flughafen arbeite ich mit einer römisch-katholischen und einer christkatholischen Kollegin zusammen. Aber auch ich zweifle manchmal. Das gehört zum Glauben.

Was ist Ihre Antwort?

(seufzt) Es gibt tatsächlich Dinge und Ereignisse, da fehlen mir die Worte.

Weshalb lässt Gott das zu?

Zu diesem Thema haben sich eine ganze Reihe von Theologen und Philosophen Gedanken gemacht. Abgekürzt gesagt, ist die christliche Antwort der Verweis auf das Kreuz: Gottes Sohn stirbt selbst einen schlimmen Tod und solidarisiert sich so mit der Menschheit.

Der Fluglotsenmörder Witali Kalojew hat beim Absturz bei Überlingen Frau und Kinder verloren und wollte von Gott nichts mehr wissen. Sie haben ihn am Gate abgeholt und nach Überlingen begleitet. Konnten Sie ihn zum Glauben zurückführen?

Ich habe seine Meinung akzeptiert, obschon ich ihm sagte, dass Gott ihm beisteht. Zwischen Witali Kalojew und mir gab es eine besondere Konstellation, denn sein verunglückter Sohn hiess gleich wie mein Sohn Konstantin, sein verunglücktes Töchterchen Diana wie meine Frau, und es hatte erst noch am selben Tag wie sie Geburtstag. Als uns das bewusst wurde, kamen uns die Tränen. Mehr als zehn Jahre sind seit dem Unglück vergangen. Kalojew ist wieder zu Hause und hat letztes Jahr wieder geheiratet. Es gehe ihm gut, habe ich gehört – und Gott sei Dank gilt das auch für die Familie des getöteten Fluglotsen.

Weniger glücklich sind all die Obdachlosen, die zeitweise am Flughafen Zürich leben. Weshalb gibt es in Kloten so viele von ihnen?

Der Flughafen ist rund um die Uhr geöffnet und im Winter geheizt. Das zieht Menschen an, die kein Obdach haben. Zudem ist am Flughafen immer etwas los. Man kann sich ablenken und in der Anonymität untertauchen. Frau R., über die ich in meinem Buch schreibe, wohnte über zehn Jahre am und um den Flughafen. Einerseits hatte sie ein gutes Netzwerk von Menschen, die ihr beistanden, anderseits fiel sie kaum auf.

Wie viele Obdachlose und Gestrandete halten sich im Schnitt am Flughafen auf?

Pro Nacht schlafen vielleicht zwischen 50 und 80 Personen am Flughafen. Darunter hat es aber auch Passagiere, die am nächsten Tag einen Flug haben und sich die Hotelübernachtung sparen.

Was bedeutet die Weihnachtszeit für das Flughafenpfarramt?

Im Advent verschicken wir eine Karte mit einem besinnlichen Text. In der Zeit vor Weihnachten sind wir oft im Betrieb unterwegs, um den Angestellten schöne Feiertage zu wünschen. Am Abend des vierten Adventssonntags feiern wir jeweils einen Gottesdienst, den vor allem Flughafenangestellte besuchen. Am Weihnachtstag um zwölf Uhr werde ich im Andachtsraum die Weihnachtsgeschichte vorlesen.

Wie feiern Sie selbst Weihnachten?

Ganz traditionell: Zusammen mit meiner 89-jährigen Mutter und meiner 84-jährigen Schwiegermutter sitzt die ganze Familie an Heiligabend um den Christbaum. Zuvor kocht meine Frau ein feines Menü. Ich helfe ihr dabei. Da die Enkel schon laufen können, müssen wir darauf achten, dass sie nicht die Kugeln vom Baum reissen oder den Kerzen zu nahe kommen.

Lesen Sie aus der Bibel vor?

Meist die Weihnachtsgeschichte aus Lukas 2. Und es wird viel gesungen. Die Familie meiner Frau ist sehr musikalisch. Die Schwiegermutter oder meine Frau setzen sich ans Klavier und begleiten die Lieder. Die Söhne, die Nichte und der Neffe spielen Klavier, Trompete und Saxofon. Ich freue mich sehr auf das Fest.

Walter Meier: «Flughafengeschichten», 21.60 Franken bei Ex Libris.

Autor: Reto E. Wild, Andrea Freiermuth

Fotograf: Gerry Nitsch