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29. Oktober 2012

Sechzehn Rollen und ein filmreifer Salto

Für den Film «Eine dunkle Begierde» wurde die Zürcher Klinik Burghölzli kurzerhand nach Konstanz verlegt. Von Arbon gelangt man mit den Inlineskates in rund drei Stunden dem Bodensee entlang zum Filmschauplatz.

Unterwegs nach Konstanz, wo der Film über C.G. Jung und seine faszinierende Patientin 
gedreht wurde.

Sportliches Vergnügen: Weitere Inlineskate-taugliche Routenvorschläge von SchweizMobil.

Jetzt volle Konzentration: Es geht bergab, weiter vorne macht die Strasse eine scharfe Linkskurve, wer die nicht erwischt, landet im kalten, seichten Wasser des Bodensees. Also: linkes Knie leicht anwinkeln, die Spitze des rechten Fusses hochziehen, sodass der Bremsgummi hinten an den Inlineskates quietschend über den Betonboden raspelt. Viel langsamer wirds aber nicht, ein Steinchen, eine falsche Bewegung, und dann: eine Pirouette, gefolgt von einem Überschlag. Anfängerpech. Skaten gehörte bis jetzt nicht zu meinen Interessen.

Skaten will gelernt sein.
Skaten will gelernt sein.

«Was haben Sie für besondere Interessen?», fragt der Anstaltsleiter der Psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich die neue Patientin Sabina Spielrein. «Selbstmord und interplanetarische Ausflüge», antwortet die 19-jährige Russin schnippisch. Sie wurde von ihren vermögenden Eltern wegen Hysterie in die Klinik eingewiesen. Ihr behandelnder Arzt dort ist der 29-jährige Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung. Der Hollywood-Streifen «Eine dunkle Begierde» erzählt diese wahre Geschichte, die sich zwischen 1904 und 1912 zugetragen hat. Dabei geht es um eine Amour fou zwischen dem Familienvater Jung und seiner überaus intelligenten Patientin, um die Anfänge der Psychoanalyse und um den Bruch der Freundschaft zwischen Jung und dem österreichischen Psychiater Sigmund Freud. Originalschauplatz der Geschichte ist Zürich, gedreht wurden die entsprechenden Szenen jedoch im deutschen Konstanz am Bodensee. Zu zersiedelt sei das Ufer des Zürichsees, hiess es von Seiten der Filmemacher; vielleicht lag es aber auch daran, dass das Bundesland Baden-Württemberg gut eine halbe Million Euro Filmfördergelder springen liess. Wir sind auf dem Weg zum Drehort Konstanz, immer dem Bodensee entlang. Auf Rollen.

Der Weg verläuft in Seenähe, gesäumt von Villen und Plantagen

Der Weg nach Konstanz verläuft meist dem Seeufer entlang, aber nicht immer sieht man den See.
Der Weg nach Konstanz verläuft meist dem Seeufer entlang, aber nicht immer sieht man den See.

Gestartet sind Hans Schneeberger, Chefredaktor des Migros-Magazins und passionierter Inlineskater, und ich im schweizerischen Arbon TG. Schon nach wenigen Kurven erreichten wir den Hafen, durchquerten einen kleinen Park direkt am Ufer des Bodensees und liessen das 14'000-Einwohner-Städtchen bald hinter uns. Der Weg bis nach Konstanz verläuft meist nahe dem Seeufer — was aber nicht heisst, dass man den See auch immer sieht. Mal nimmt einem die natürliche Vegetation die Sicht, mal eine Badeanlage und sehr oft sind es die stattlichen Villen mit Seeanstoss und ihren hohen, blickdichten Ligusterhecken. Dafür zeigt sich die andere Seite des Wegs um so abwechslungsreicher: Wir rollten vorbei an stattlichen Bauernhöfen, Feldern, sterilen Campingplätzen, einem Tipi-Zeltlager und immer wieder an fast endlosen Niederstammplantagen. Kein Wunder, der Kanton Thurgau ist das grösste Obstanbaugebiet der Schweiz, besonders für Äpfel. Dies ist der eine Grund, warum die Gegend auch «Mostindien» genannt wird. Der andere: Der Umriss des Kantons ähnelt jenem von Indien.

Über Nacht wurde der Dampfer zur Filmkulisse umgebaut

In Romanshorn TG passierten wir den Hafen, wo gerade der Raddampfer «DS Hohentwiel» unter grossem Schnauben ablegte. Das nostalgische Ausflugsschiff diente schon öfter als Filmkulisse, einmal bei den Dreharbeiten für den James-Bond-Streifen «Ein Quantum Trost», dann für «Eine dunkle Begierde». In einer hektischen Nachtschicht wurde das Schiff für den Film umgebaut, und weil dieser eigentlich in Zürich spielt, musste noch schnell die österreichische Flagge am Heck durch eine schweizerische ersetzt werden.

Dank Helm und Knieschonern ist nichts Schlimmes passiert

Wir rollen weiter in Richtung Uttwil — bis … «My goodness! Are you alright?», fragt mich eine englische Ausflugsgruppe, die auf ihren E-Bikes herangesurrt kommt. Vom Sturz noch etwas benommen, nicke ich nur und winke beruhigend ab. Dann die Bestandesaufnahme: leichte Prellungen am Handballen und der Schulter sowie eine zerrissene Hose. Dank Helm, Ellenbogen-, Knie- und Handschützen ist alles glimpflich ausgegangen. Vorsichtig rolle ich das letzte Stück des Strässchens in Uttwil hinunter zum See. Leise schlagen die Wellen ans Ufer, noch liegt Dunst über dem Wasser, ein einsames Segelboot dümpelt auf dem Wasser, und das deutsche Ufer dahinter ist nur zu erahnen. Wir holen wieder Schwung und kommen in stetigem Rhythmus gut voran.

Der Sturz beschert Üsé neben Prellungen eine zerrissene Hose.
Der Sturz beschert Üsé neben Prellungen eine zerrissene Hose.
In Konstanz angekommen, ruhen Üsé Meyer (links) und Hans Schneeberger die müden Beine aus.
In Konstanz angekommen, ruhen Üsé Meyer (links) und Hans Schneeberger die müden Beine aus.

Kilometer um Kilometer legen wir zurück und rollen schliesslich über die Landesgrenze nach Konstanz. Hier im regen Stadtverkehr wird es, zumindest für mich als Anfänger, nochmals fordernd. Nach einigen rettenden Laternenumarmungen sitzen wir vor dem Eingang des Humboldt-Gymnasiums — einem der Drehorte von «Eine dunkle Begierde». Viel musste die Filmcrew hier nicht verändern, um die Zuschauer ins Jahr 1910 zu versetzen. Am Seeuferweg und der Glärnischstrasse, zwei weiteren Hauptdrehorten, hingegen schon: Strassenlaternen wurden durch alte Gaslaternen ersetzt, Parkplatzschilder abmontiert, Blumenbeete versetzt oder neu bepflanzt, und in den Strassen wurde Splitt ausgebracht, um einen Schotterweg zu imitieren. Wir indes ruhen im kühlen Wind am Seeufer die müden Skaterbeine aus und blicken über das leicht gekräuselte Wasser in die Ferne zum Alpsteinmassiv mit den Gipfeln von Altmann und Säntis. Ein einnehmendes Panorama, das von genau dieser Stelle auch Schauspielerin Keira Knightley als Sabina Spielrein und Michael Fassbender als C.G. Jung genossen haben.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Paolo Fiore