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13. Juli 2015

«Schwule meines Alters sind lange schlecht behandelt worden»

Als Gandalf in «The Lord of the Rings» und Magneto in «X-Men» wurde er zum Filmstar. Nun spielt Ian McKellen in «Mr. Holmes» den bekanntesten Detektiv der Welt. Ein Gespräch mit dem langjährigen britischen Schwulenaktivisten über seine Theaterleidenschaft, schwule Hochzeiten und späten Ruhm.

Ian McKellen
Wurde 1990 von der Queen geadelt: Sir Ian McKellen, britischer Schauspieler und Schwulenaktivist (Quelle: KEYSTONE/CAMERA PRESS/Pip).

Ian McKellen, was hat Sie am neuen Film über Sherlock Holmes gereizt?

In erster Linie der Regisseur Bill Condon, mit dem ich schon 1998 für «Gods and Monsters» zusammengearbeitet habe. Er rief mich an und sagte, er werde einen Film machen und hätte mich gerne dafür. Ich sagte Ja, bevor ich wusste, um was es ging (lacht). Wäre der Detektiv Sherlock Holmes eine reale Figur wie es Filmregisseur James Whale in «Gods and Monsters» war, könnte man sogar sagen, dass die beiden Filme sich recht ähnlich sind. Sie zeigen Männer am Ende ihres Lebens, die zurückschauen – teils mit gewissem Bedauern, teils aber auch mit Stolz.

Ian McKellen liess sich bei der Darstellung des 93-jährigen Sherlock Holmes von seiner Stiefmutter inspirerien, die 100 wurde (Quelle: KEYSTONE/CAMERA PRESS/Pip).
Ian McKellen liess sich bei der Darstellung des 93-jährigen Sherlock Holmes von seiner Stiefmutter inspirerien, die 100 wurde (Quelle: KEYSTONE/CAMERA PRESS/Pip).

Holmes wurde schon so oft gespielt. Haben Sie sich andere Darstellungen angesehen oder das sogar bewusst vermieden?

Ich habe schon viele oft gespielte Figuren dargestellt: Hamlet, Macbeth, King Lear, Romeo. In diesem Fall ist es ein bisschen anders, weil bei Holmes immer wieder andere Geschichten erzählt werden. Und ich konnte mit den Erinnerungen der Menschen an andere Holmes-Darstellungen spielen, ihre Existenz ist also ein Vorteil für mich. Ausserdem ist mein 93-jähriger Holmes eine Version, die es noch nie gab. Gleichzeitig konnte ich in den Rückblenden aber auch den klassischen Detektiv spielen, wie man ihn kennt. Und natürlich fragt man sich dann: Soll ich mir die anderen anschauen oder nicht?

Und, haben Sie?

Nein. Aber dieselbe Frage stellt sich mir im Moment für mein nächstes Projekt «The Dresser». Da geht es um einen alten Schauspieler und seinen Ankleider, ich spiele den Ankleider, Anthony Hopkins den Schauspieler. Ich habe die Rolle übernommen, weil ich gerne mal mit Hopkins spielen wollte. Aber auch da gibt es schon eine Filmversion von 1983 mit Albert Finney und Tom Courteney, und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich online danach suche und mich frage, ob ich mir nicht doch ansehen sollte, wie Tom mit dieser oder jener Szene umgegangen ist. Es ist einfach da, und ich müsste nur die Taste drücken … vermutlich werde ich es irgendwann tun. Aber letztlich will man ja nie das Klischee spielen, bei keiner Rolle. Man versucht also, sich eine oft dargestellte Figur auf besondere Weise anzueignen. Es wäre ja auch albern, wenn ich versucht hätte, Holmes so zu spielen wie Benedict Cumberbatch, Basil Rathbone oder Robert Downey Jr. Das könnte ich auch gar nicht.

Letztlich will man nie das Klischee spielen. Man versucht also, sich eine oft dargestellte Figur auf besondere Weise anzueignen.

Wie war es denn für Sie, einen 93-Jährigen zu spielen?

Viel zu einfach! Ich bin ja nur noch 20 Jahre davon entfernt. Meine Stiefmutter war 100, als sie starb, und mit 93 lebte sie noch immer selbständig, ging einkaufen und war recht gut beieinander. Sie war also eine gewisse Vorlage. Und als Schauspieler interessieren mich die Körper meiner Figuren genauso sehr wie ihr Charakter. Deshalb hat jede meiner Figuren einen anderen Gang. Viele Schauspieler achten nicht auf so was, aber mir ist das wichtig, denn jeder Mensch geht anders, achten Sie mal darauf. Mein 93-jähriger Holmes hat also diesen bestimmten, leicht gebückten Gang. Und es hat Spass gemacht, den dann für den 60-jährigen Holmes in der Rückblende zu adaptieren.

Apropos Benedict Cumberbatch: Verfolgen Sie die TV-Serie «Sherlock»?

Nein, nie gesehen. Und eigentlich darf ich das so laut gar nicht sagen, weil mein geliebter Hobbit Martin Freeman dort ja Dr. Watson spielt … (lacht)

Der langjährige Schwulenaktivist wundert sich, wie Eltern ihre Kinder vor die Tür setzen können, nur weil sie schwul sind (Quelle: KEYSTONE/CAMERA PRESS/Pip).
Der langjährige Schwulenaktivist wundert sich, wie Eltern ihre Kinder vor die Tür setzen können, nur weil sie schwul sind (Quelle: KEYSTONE/CAMERA PRESS/Pip).

In dieser Serie gibt es immer wieder mal Figuren, die in Holmes und Watson ein schwules Paar vermuten …

… oh, diese Schwulen, man entkommt ihnen nirgends …

… wie sehen Sie das? Läuft da was ­zwischen den beiden?

(überlegt) Nein, ich denke nicht. Ich glaube, Sherlock Holmes ist beziehungsunfähig. Und Dr. Watson heiratet ja später, zieht ­weiter und lässt Holmes einsam zurück. ­Irgendwo tief in sich wird er diesen Verlust wohl spüren, auch wenn er es sich nicht anmerken lässt. Aber sexuell ist Holmes, wenn überhaupt, an Frauen interessiert.

Sie sind ja einer der prominentesten schwulen Schauspieler Hollywoods und hatten ihr Coming-out bereits 1988, als es noch sehr viel schwieriger war, offen schwul zu sein. Sind Sie glücklich darüber, wie viel sich seither geändert hat?

Natürlich. In Grossbritannien hat es gewaltige Fortschritte gegeben, man kann geradezu von einer kompletten Umkehrung sprechen: Es gibt kein Gesetz mehr, das Schwule und Lesben benachteiligt. Aber natürlich ist noch längst nicht alles gut. Es kommt noch immer vor, dass Jugendliche von ihren Eltern aus dem Haus geworfen werden, wenn sie sich ihnen offenbaren. Wie Eltern so was tun können, verstehe ich nicht, aber sie tun es. Jedenfalls leben deshalb allein in London 220 junge Schwule auf der Strasse. Aus anderen Teilen der Welt hören wir regelrechte Horrorgeschichten. Etwa über jenen schwulen Syrer, der vom höchsten Gebäude seiner Stadt geworfen wurde. Weil er dies überlebte, steinigte man ihn anschliessend zu Tode. Es gibt immer noch viel zu tun.

Heterosexualität ist ja so ein faszinierendes Phänomen …

Hätten Sie sich 1988 vorstellen können, dass Sie 25 Jahre später ganz legal Ihren Freund heiraten können?

(schmunzelt) Die Gruppe, bei der ich damals engagiert war, hätte das nicht mal gewollt. Schwule wurden so lange als «andere» behandelt, dass sie selbst daran zu glauben begannen. Und in der Gruppe damals fühlte man sich nicht nur anders, man fühlte sich überlegen, frei von Konventionen und Beschränkungen. Man dachte, diese Art zu leben sei die Zukunft, für alle. So richtig habe ich daran allerdings nie geglaubt. Der schwule Filmregisseur Derek Jarman sagte nach meinem Coming-out: Ian McKellen ist ein Heteromann in schwuler Kleidung. Er fand, ich sollte ein schwuler Künstler werden wie er; aus seiner Sicht war die sexuelle Orientierung allen anderen Persönlichkeitsmerkmalen übergeordnet. Ich aber fand: Ich kann doch nicht aufhören, Macbeth zu spielen, nur weil der heterosexuell ist. Zudem ist Heterosexualität so ein faszinierendes Phänomen … (lacht) Aber wie auch immer: Wenn die Leute heiraten ­wollen – natürlich, nur zu!

Und Sie?

Ich bin derzeit single, aber ich glaube, heute würde ich es vielleicht tun. Und sei es nur, um jene zu sticheln, die damit immer noch Probleme haben.

Gemeinsam mit Derek Jacobi spielen Sie in der TV-Serie «Vicious» ein altes schwules Paar. Allerdings ist es nicht unbedingt die beste Werbung für die Ehe…

(lacht) Das stimmt. Es ist natürlich eine Farce, eine Komödie, aber die zwei sind schon ziemlich fürchterliche Leute, ich würde nicht unbedingt Zeit mit ihnen verbringen wollen. Allerdings muss man sehen, dass Schwule meines Alters von der Gesellschaft sehr lange schlecht behandelt worden sind. Entsprechend entwickelt sich der Charakter: Man wird vielleicht etwas grantig und zum Kämpfer. In gewisser Weise sind die beiden sogar recht heroisch, sie haben das alles überlebt und sind zusammengeblieben, über 50 Jahre. Und am Ende der zweiten Staffel heiraten sie dann ja sogar. Für den letzten Drehtag dieser Staffel hatten wir schwule Paare eingeladen, die seit 50 Jahren zusammen sind. Die scheinen sich wiedererkannt zu haben. (lacht)

Mit Magneto in «X-Men» (2000) und Gandalf in «The Lord of the Rings» (2001) wurden Sie in gesetztem Alter recht plötzlich zum Superstar.

Es fühlt sich aber nicht unbedingt so an. Auch heute bekomme ich nicht einfach automatisch tolle Rollen angeboten. Ausserdem sehe ich mich auch gar nicht ausschliesslich als Filmschauspieler.

Mehr als Mann des Theaters?

Ja, eigentlich schon. Ich habe gerade zwei Stücke am Broadway in New York gespielt, eines davon kommt später nach London. Vor allem aber bin ich ein besserer Theater- als Filmschauspieler. Sagen wir es so: Es gibt grossartige Filmschauspieler, und ich denke nicht, dass ich einer von ihnen bin.

Film, das sind nur Schatten auf einer Leinwand. Theater ist für mich erfüllender.

Wieso sind Sie auf der Bühne besser?

Ich habe viel mehr Erfahrung dort, das habe ich mein ganzes Leben lang getan. Zudem habe ich als Schauspieler auf der Bühne die Kontrolle, es ist live, man arbeitet direkt mit dem Publikum. Ich bevorzuge deshalb auch kleinere Theater. Im Film trägt man bei zum Ergebnis, aber die Kontrolle hat der Regisseur. Film, das sind nur Schatten auf einer Leinwand. Theater ist für mich erfüllender.

Dennoch: Die Filme brachten Ihnen eine grosse Berühmtheit.

Das ist so.

Als Gandalf in «The Lord of the Rings» (Quelle: KEYSTONE/AP Photo/New Line Productions, Pierre Vinet).
Als Gandalf in «The Lord of the Rings» (Quelle: KEYSTONE/AP Photo/New Line Productions, Pierre Vinet).

Ahnten Sie, dass das passieren könnte, als Sie diese Rollen annahmen?

Überhaupt nicht. Ein guter Freund, Bill Condons Partner, nahm mich damals zur Seite und sagte: Dein Leben wird nie wieder dasselbe sein! Ich war skeptisch. Und so stark hat es sich auch gar nicht verändert. Klar, wenn ich irgendwo auf der Welt eine Strasse entlanggehe, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass mich jemand erkennt. Aber was bedeutet das schon? Nicht viel. Was allerdings bemerkenswert ist: 2014 war ich der finanziell erfolgreichste Filmschauspieler der Welt, dank meiner Rollen in «X-Men: Days of Future Past» und «Hobbit: Battle of the Five Armies». Ian McKellens Filme haben mehr Geld gemacht als die von Tom Cruise oder Johnny Depp.

Höre ich da ein bisschen Stolz heraus?

(schmunzelt) Ich zitiere nur Fakten. Und es bedeutet nicht viel. Ich kann mit meinem Namen auch heute keinem Film die Finanzierung sichern. Und ich bin auch nicht so reich wie die erwähnten Kollegen. Aber natürlich gehöre ich zu den Mitspielern in der Filmwelt, und das macht schon Spass. Vieles hat jedoch mit dem Glück zu tun, die gleiche Sprache zu sprechen wie die Amerikaner. Es gibt auch in vielen anderen Ländern tolle Schauspieler, die nie die Anerkennung bekommen werden, die ihnen zustünde, einfach weil sie kein Englisch sprechen.

Wen spielen Sie denn nun lieber: den weisen Zauberer Gandalf oder den kompromisslosen Mutanten Magneto?

Hmmm … Gandalf.

Als Magneto in «X-Men» (Quelle: ©20thCentFox/courtesy Everett / Everett Collection).
Als Magneto in «X-Men» (Quelle: ©20thCentFox/courtesy Everett / Everett Collection).

Sie bevorzugen also den Guten.

Oh ja. Wobei: Magneto ist eigentlich auch ein Guter. Seine Ziele sind ja durchaus ehrenhaft. Über seine Mittel lässt sich streiten. Vielleicht kann man sagen: Er ist ein guter Mann auf falschen Wegen.

Haben Sie eigentlich irgendeine Beziehung zur Schweiz?

Nur eine. Der erste Film, bei dem ich je mitgespielt habe, hiess «The Bells from Hell go Ting-a-ling-a-ling» und spielte in der Schweiz. Er wurde 1966 in Gstaad gedreht, mit Gregory Peck in der Hauptrolle. Die Organisation war jedoch sehr schlecht, er hätte im Sommer spielen sollen, aber der Schnee kam so früh, dass das alles aus der Bahn warf. Der Film wurde letztlich nie beendet. Das ist meine glückliche Erinnerung an die Schweiz. (lacht) Aber: Nicht nur hatte ich die Gelegenheit, mit Gregory Peck zu spielen und wurde in Gstaad wie ein echter Filmstar behandelt, man zahlte mir für die Rolle auch 4000 Pfund, damals sehr viel Geld. Und das gab mir für einige Jahre die finanzielle Freiheit, meine Rollen nach Lust und Laune auszuwählen. Ich habe also durchaus positive Gefühle für die Schweiz.

Autor: Ralf Kaminski