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03. November 2014

Schwul, schwarz und verfolgt

In über 80 Ländern wird Homosexualität mit Gefängnis oder sogar mit dem Tod bestraft. In der Schweiz nehmen Asylgesuche von Personen zu, die aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung verfolgt werden. Auch Jonathan und David aus Uganda warten auf einen Entscheid.

Homosexuelle in Uganda demonstrieren für ihre Rechte
Im August dieses Jahres demonstrierten Homosexuelle in Uganda für ihre Rechte.

Jonathan (26) und David (29)* sind Kuchus. In ihrer Heimat Uganda ist das die umgangssprachliche Abkürzung für die weltweite Bezeichnung LGBTI: Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intersexuelle. In Uganda ein Kuchu zu sein bedeutet, kein lebenswertes Leben zu haben. Dort werden Kuchus wie Hexen zu Zeiten der Inquisition gejagt und öffentlich angeprangert. David und Jonathan mussten das am eigenen Leib erleben und sind deshalb in die Schweiz geflüchtet.

David, ehemaliger Journalismusstudent, merkte mit 22, dass er schwul ist. Für die Studentenzeitung verfasste er einen Beitrag, in dem er Rosseau zitierte: «Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten.» Bald darauf wurde er beim Sex mit seinem Freund im Studentenheim erwischt und von der Polizei verfolgt. Die Schulleitung informierte seine Eltern darüber, «wer» er eigentlich sei. Später erzählte man David, sogar seine jüngste Schwester habe seinen Tod gefordert.

Er floh in sein Heimatdorf, wo ihn bald darauf der Geheimdienst aufspürte. Er sei gefangen genommen, mit heissem Wasser gefoltert und an den Geschlechtsteilen verletzt worden, erzählt David mit Nachdruck. Ihm ist es wichtig, über die Ereignisse in Uganda zu sprechen. Sein Ex-Freund hat die Flucht organisiert. Sie endete in einem Auffangzentrum im Waadtland. An vieles erinnert sich David nur verschwommen. Ob er ursprünglich nach Paris oder Genf geflogen ist, weiss er nicht mehr genau. Während der ganzen Zeit sei er wie betäubt gewesen. Hauptsache weg.

Haftstrafen für «fleischliche Beziehungen wider die Natur»

In einem Asylzentrum im Kanton Luzern lernte er Jonathan aus Uganda kennen. Auch ihm war es nicht anders ergangen. Schon als 15-Jähriger merkte Jonathan, dass er sich zu einem Mitschüler hingezogen fühlte. Jahre später wurde er in einer Bar festgenommen. Nach seiner Festnahme sei er 43 Tage im Gefängnis gesessen, geschlagen und vergewaltigt worden. Ein ehemaliger Freier, ein Engländer, habe ihm zur Flucht verholfen.

Jonathan starrt ins Leere, muss die Tränen zurückhalten, wenn er von seinen Erlebnissen erzählt. Er hat immer noch Albträume, schlaflose Nächte, geht regelmässig zu einem Therapeuten. Er habe sein Herz verschlossen, sagt Jonathan. Er habe jeden Abend gebetet, man möge ihm diesen «bösen Zauber» wegnehmen.

David und Jonathan wurden in Uganda wegen ihrer Sexualität verfolgt.
David und Jonathan wurden in Uganda wegen ihrer Sexualität verfolgt.

Der ugandische Präsident Yoweri Museveni hat im Februar 2014 ein neues Gesetz gegen Homosexuelle unterzeichnet. Zu den Medien sagte er, dass «diejenigen, die unsere Kinder rekrutieren, um sie zu Homosexuellen zu machen, hart bestraft werden» müssen. Das Gesetz sah bis Juli 2014 vor, Homosexuelle mit lebenslanger Haft zu bestrafen. Auch wer LGBTI unterstützt oder homosexuelles Verhalten von Bekannten nicht anzeigt, riskiert ein Gerichtsverfahren. Im Juli erklärte das ugandische Verfassungsgericht das Gesetz auf internationalen Druck hin für ungültig, das Parlament will aber erneut darüber abstimmen.

Strafbar ist und bleibt Homosexualität in Uganda seit der Kolonialzeit: Paragraf 149 im ugandischen Strafgesetzbuch schreibt lange Haftstrafen für «fleischliche Beziehungen wider die Natur» vor. Die staatlich unabhängige Boulevardzeitung «Rolling Stone», mittlerweile eingestellt, hatte mit «Hang them» eine eigene Rubrik, in der Fotos von Homosexuellen abgedruckt wurden, die Zeitung «Red Pepper» zog mit der Liste «Entlarvt!» nach.

«Homophobie ist in Uganda ein Lied, das jeder singt», sagt eine Protagonistin im Dokumentarfilm «Call me Kuchu». Das Lied der Homophobie ist auch für Jonathan und David zu einer eingängigen Melodie geworden. Zu oft haben sie den Refrain gehört. So haben sie auch in ihrer neuen Heimat, der Schweiz, Angst davor, ihre Homosexualität offen auszuleben. Darauf angesprochen, ob sie ein Paar seien, drucksen die beiden herum.

Irgendwie schon, vielleicht auch nicht. Sie bezeichnen sich als «boyfriends», eine Beziehung wollen sie es aber nicht nennen. Zu sehr sei der Gedanke in ihnen verankert, dass es gegen die Natur ist. Sie haben Angst, ihre Freunde zu verlieren, haben genug vom Getuschel anderer. Und so gehen sie als Kumpel in den Ausgang, schlendern durch die Stadt. Kein Händchenhalten, keine Küsse in der Öffentlichkeit. All das passiert hinter verschlossenen Türen im Asylheim. Am liebsten verbringen die beiden ihre Zeit in der Bibliothek und lesen englischsprachige Bücher.

Jonathan und David werden von Queeramnesty unterstützt, einer Unterorganisation von Amnesty International. Aus Spendengeldern finanziert die Organisation ÖV-Abos für sie, bietet Deutschkurse und Freizeitbeschäftigungen an. Jeden Freitag steht für die beiden zum Beispiel Yoga auf dem Programm.

Die Ugander warten auf einen Asylbescheid. Seit den 80er-Jahren anerkennen Behörden und Gerichte weltweit, dass Verfolgung aufgrund von Homosexualität ein Asylgrund sein kann. In der Schweiz herrscht jedoch keine einheitliche Regelung, wie diese Asylgesuche behandelt werden. «Die Haltung der Schweizer Behörden ist relativ restriktiv. Es wäre wünschenswert, dass die überholte Praxis in Bezug auf das Erfordernis, die sexuelle Orientierung im Verborgenen leben zu müssen, überdacht wird», sagt Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Das heisst, bis vor Kurzem wurden Homosexuelle mit dem Rat zurückgeschickt, ihre Sexualität versteckt zu leben.

LGBTI-Asylgesuche werden immer häufiger

Martin Reichlin vom Bundesamt für Migration (BfM) bestätigt: «In den letzten Jahren haben die Asylgesuche aufgrund Verfolgung betreffend sexueller Orientierung zugenommen.» Das BfM führt keine Statistik über LGBTI-Asylgesuche, im Asylgesetz gehören sie zur Gruppe der «geschlechtsspezifischen Gründe». Der Jurist Martin Bertschi geht in einer eigenen Erhebung davon aus, dass es zwischen 1993 und 2007 90 Asylgesuche von Homo- und Transsexuellen gab. Er schätzt, dass nur jedes vierte Gesuch bewilligt wurde. Davids Asylgesuch wurde 2011 bereits einmal abgelehnt, er hat ein Wiedererwägungsgesuch gestellt. Jonathan hat noch nichts von den Behörden gehört.

In den Interviews mit dem BfM mussten sie ihre Geschichte erzählen, immer und immer wieder. Jakob Keel arbeitet als Freiwilliger bei Queeramnesty und weiss: «Für jemanden, der aus einer Kultur kommt, in der Homosexualität ein Tabu ist, ist das Gespräch mit den Behörden schwierig.» Viele seien traumatisiert und wollen auch im Geiste nicht mehr an diesen dunklen Ort zurückgehen.

Früher behalfen sich Migrationsämter bei der Beurteilung dieser Fälle mit Klischees wie dem Aussehen. In Tschechien wurden homosexuelle Asylsuchende bis 2009 gar mit Schwulenpornos getestet. Heute werden die Mitarbeiter des BfM speziell geschult.

Für LGBTI-Asylsuchende gilt das Gleiche wie für andere Asylbewerber: Sie müssen glaubhaft darlegen können, dass sie verfolgt werden, ob vom Staat oder von Drittpersonen. Genau das ist das Problem bei David: Er hat keine Papiere und kann nicht glaubhaft belegen, dass er von den ugandischen Sicherheitsbehörden verfolgt worden ist. Das Bundesverwaltungsgericht urteilte, in seinem Fall bestünden Hinweise auf Verfolgung. Nun wartet David auf einen weiteren Entscheid, Jonathan auf den ersten. Auch in ihrer neuen Heimat haben sie Träume: David würde gern Chauffeur werden. Jonathan möchte studieren. Marketing zum Beispiel. Er will wieder über eine Tätigkeit definiert werden. Und nicht darüber, ein Kuchu zu sein.

* Namen der Redaktion bekannt.

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Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Herbert Zimmermann