Archiv
19. August 2013

Schwingen ist zum Eventsport geworden

Adrian Käser ist im Jahr 1989 Schwingerkönig geworden. Im Interview spricht er über die Entwicklung seiner Sportart, wie sich das Publikum an den «Eidgenössischen» verändert hat und wie er noch heute von seinem Erfolg profitiert.

Adrian Käser
Hände hoch: Ex-Schwingerkönig Adrian Käser freut sich diebisch über seinen Titelgewinn im Jahr 1989 (Bild: Keystone).

Adrian Käser, wie und wo verfolgen Sie das Eidgenössische Schwingfest in Burgdorf?

Ich bin als Mitglied des Gabenkomitees direkt beteiligt. Zudem mache ich zusammen mit 40 weiteren Personen Arealführungen für über 7000 Menschen und kommentiere wie schon bei den letzten grossen Schwingfesten live fürs Schweizer Fernsehen.

Freuen Sie sich darauf, oder ist es für Sie als alten Hasen nur noch ein Pflichttermin?

Auf jeden Fall. Das «Eidgenössische» ist immer etwas Spezielles. Ich bin sehr gespannt, wer den Kranz holt und wer schliesslich König wird.

Wer ist Ihr persönlicher Favorit auf den Titel?

Da gibts mehrere. Mein absoluter Favorit ist Matthias Sempach, und zwar nicht weil wir aus demselben Dorf stammen. Ich habe das Gefühl, dass er an den letzten «Eidgenössischen» die nötige Erfahrung gesammelt hat und mittlerweile die nötige Nervenstärke, die technische Vielseitigkeit wie auch körperliche Fitness besitzt. Wie gesagt, kommen aber viele infrage. Die letzten Feste haben gezeigt, dass auch Spitzenschwinger vor Niederlagen nicht gefeit sind.

Ist es heute für Aussenseiter einfacher oder schwieriger, König zu werden?

Die heutigen Möglichkeiten des Internets, die auf verschiedenen Plattformen das Videostudium von anderen Schwingern erlauben, gab es früher nicht. Man musste damals die Konkurrenten vor Ort beobachten. Unerkannt zu bleiben oder sich eine Spezialität anzutrainieren und diese am «Eidgenössischen» anzuwenden, ist heute nicht mehr möglich.

Aktive Schwinger studieren also ihre Gegner am Computer?

Ja, auf jeden Fall.

Bedauern Sie, heute nicht mehr aktiv zu sein? Sie könnten wohl mehr verdienen.

Nein, dem trauere ich nicht nach. In anderen Sportarten, wie etwa dem Fussball, ist das sicher ähnlich: Dort kann heute auch mehr verdient werden als früher. Ich bin gesund, mir geht es gut: Damit bin ich eigentlich zufrieden.

Heute sind gute Schwinger Personen der Öffentlichkeit, Prominente. Sehen Sie einen Unterschied im Vergleich zu Ihrer Zeit?

Schon im Jahr 1989, nach meinem Sieg, standen viele Zeitungen Schlange. Aber kurz danach wurde es relativ schnell wieder ruhiger um meine Person, das stimmt. Heute ist die Nachfrage nonstop da. Jedes Jahr gibts mindestens einen Grossanlass, der Medien und Zuschauer gleichermassen interessiert.

Ist diese Entwicklung für den Sport grundsätzlich positiv, oder gibt es auch negative Aspekte?

Beides. Aber wenn man Entwicklungen bremst oder nichts Neues ausprobiert, herrscht Stillstand. Allerdings finde ich gut, dass der Schwingerverband nicht jeden Trend mitmacht. In den Augen der anderen mag das konservativ wirken. Aber ich glaube, es ist besser, sich Gedanken zu machen vor der Umsetzung neuer Ideen.

Müssen sich Schwinger heute anders vorbereiten als Sie damals?

Seit mehr als 40 Jahren wird immer wieder von Neuem erzählt, dass der neue Schwingerkönig den Sport revolutioniert habe. Das hat es schon im Jahr 1966 bei Ruedi Hunsperger geheissen, weil dieser zum ersten Mal Krafttraining gemacht hat. Schwingen ist aber auch heute immer noch Schwingen. Und wenn ich mich zurückerinnere: Ich habe immer gern und viel trainiert, etwa fünf bis sechs Mal pro Woche – also genau gleich viel wie heutige Spitzenschwinger.

Haben Sie damals parallel zum Training gearbeitet?

Ja, ich musste Vollzeit arbeiten. Denn bis 1998 war Werbung im Schwingsport gänzlich verboten, und deshalb fand kein Schwinger einen Sponsor. Heute ist Sponsoring zwar immer noch nur begrenzt möglich, aber wenn ein Spitzenschwinger alles ausnützt, was der Verband zulässt, kommt er auf ein gutes Einkommen.

Wie hat sich Ihr Leben mit dem Königstitel verändert?

Es hat viele Einladungen zu Autogrammstunden und Eröffnungen gegeben, und man ist früher oder später überall erkannt worden. Aber das ist positiv: Ich habe solche Dinge immer gerne gemacht.

Also hat der Titel Ihnen auch einen finanziellen Erfolg gebracht.

Eine direkte finanzielle Folge hatte der Königstitel nicht, indirekt nützte er mir aber sicher etwas. Zu der Zeit hatte ich einen einzigen Ausrüster, der mir Sportkleider zur Verfügung stellte. Einen anderen Sponsor gab es nicht. Zudem hätte eine Reduktion des Arbeitspensums für mich finanzielle Einbussen bedeutet, die mir niemand gedeckt hätte. Deshalb arbeitete ich immer Vollzeit.

Was hat sich am meisten verändert, wenn Sie Schwingfeste von damals und heute vergleichen?

1989 in Stans waren bereits 44'000 Zuschauer vor Ort, also nur unwesentlich weniger als 2010 in Frauenfeld. Der Unterschied ist simpel: Wenn früher geschwungen wurde, sassen alle Zuschauer auf ihren Plätzen, heute sind sie über das ganze Festareal verteilt und verfolgen das Geschehen auch auf Grossleinwänden. Die Unterschiede zwischen Pause und Schwingen bemerkt man vor Ort nicht mehr.

Die Anzahl von Nicht-Schwing-Experten an den Anlässen ist also deutlich gestiegen …

Das stimmt. Früher gingen nur die echten Schwingfans an die Feste, heute ist es ein grosser Event, der auch andere Menschen anzieht. Einen negativen Einfluss auf die Sportler hat das allerdings nicht. Ich finde es schön, dass der Altersdurchschnitt merklich gesunken ist. Zudem finde ich die Atmosphäre vor Ort nach wie vor bemerkenswert. Das fällt mir besonders im Gespräch mit Leuten auf, die von anderen Sportarten zum Schwingen kommen.

Warum ist das so? Woher rührt diese Entwicklung?

Ich glaube, dass Tradition wieder einen gewissen Stellenwert hat und Menschen sich vermehrt überlegen, wo ihre Wurzeln sind. Früher war das Ausland, speziell Amerika, ein Traumziel. Heute besinnt man sich eher wieder auf die Werte der Schweiz. Ich empfinde das als eine enorm schöne Entwicklung. Und je mehr junge Menschen zum Schwingen kommen, desto höher ist das Potenzial, auch wieder Jungschwinger zu finden.

Was würden Sie denn einem potenziellen Jungschwinger raten? Weshalb soll er ins Sägemehl, statt auf den Fussballplatz?

Es ist eine schöne, kameradschaftliche Sportart. Junge Schwinger brauchen Fleiss und Hartnäckigkeit. Und ganz wichtig ist die Freude am Sport. Zwischendurch tut es zwar ab und zu ein bisschen weh, aber das ist in jeder Kampfsportart so. Rückblickend würde ich alles genau gleich machen und mich nochmals fürs Schwingen entscheiden.

Autor: Reto Vogt