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09. Mai 2016

Schwimmbäder sparen beim Badmeister

Bald eröffnen viele Badis die Sommersaison. Doch dieses Jahr ist etwas anders: Mehrere Freibäder verzichten aus finanziellen Gründen auf Badmeister. Das könnte sie im Unglücksfall teuer zu stehen kommen. Der Anlagechef des Berner Marzili, wo kein Mangel an Rettern mit Brevet herrscht, nimmt Stellung.

Schwimmbad Marzili Bern
Bald eröffnen viele Badis die Sommersaison. Im Bild das Berner Marzili, wo noch kein Mangel an Badmeistern herrscht.

Obwohl die Gewässer vergangene Woche noch ziemlich kalt waren, haben viele der rund 600 Schweizer Freibäder ihre Sommersaison bereits eröffnet – ein paar mit Misstönen. Die aargauische Badi Schmied­rued-Walde in der Nähe des Hallwilersees hat keinen Badmeister mit Rettungsschwimmerbrevet angestellt, wie die «Aargauer Zeitung» schreibt. Auch in Bottenwil AG und Beromünster LU fehlen Vollzeit-Badmeister. Während man in Schmiedrued-Walde zu den Motiven schweigt, begründen die beiden anderen Orte ihre Massnahmen damit, dass ihnen das Geld für eine professionelle Aufsicht fehlt.

Sibylle Rykart (52), Geschäftsstellenleiterin des Schweizerischen Badmeisterverbands in Küttigen AG, sagt: «Massgebend sind die Normen des Verbands Hallen- und Freibäder (VHF). Eine Missachtung kann im Unglücksfall für den Betreiber oder den Eigentümer wie eine Gemeinde harte Strafen nach sich ziehen.»

Eine VHF-Norm verlangt, «die Besucher von öffentlichen Bädern vor vermeidbaren Gefahren zu schützen und bei Unfällen eine schnelle Rettung sicherzustellen». Thomas Fellmann (60), Rechtsanwalt und VHF-Berater, erklärt: «Wenn eine Badi Eintritt verlangt, geht sie mit dem Gast einen Vertrag ein. Dieser darf dann von einer Betreuung ausgehen.» Ist der Badibesuch gratis, fällt der Anspruch auf einen Badmeister weg.

So oder so lohnt es sich, bei diesen Temperaturen vorsichtig in die Saison zu starten, nach dem Sonnenbad zu duschen und erst dann ins kühle Nass zu springen.

«Gefährlich wird es, wenn jemand in der Badi den Helden spielen will»

Beat Wüthrich

Beat Wüthrich (39) ist seit 2012 Anlagechef des Marzilibads in Bern, das mit bis zu 13'000 Badegästen pro Tag schweizweit am meisten Besucher zählt.

Beat Wüthrich, die Badis von Bottenwil AG, Beromünster LU und Schmiedrued-Walde AG haben diese Saison keinen Vollzeitbadmeister. Was halten Sie davon?

Grundsätzlich ist das nicht meine Sache. Jeder Betrieb soll so fuhrwerken, wie er will. Es bestehen aber Richtlinien, die eigentlich jeder Badbetreiber einhalten sollte. Im Marzili gibt es fünf festangestellte Badmeister und eine festangestellte Badmeisterin. Während der Sommersaison beschäftigen wir weitere Badmeister.

Ein Freibad ohne professionelle Aufsicht ist doch fahrlässig.

Ja, es ist fahrlässig und verantwortungslos. Ich als Betreiber würde dieses Risiko nicht auf mich nehmen und ohne Badmeister arbeiten. In allen Stadtberner Badebetrieben stehen wir zur Seite, sobald jemand im Wasser ist.

Wie oft haben Sie Leben gerettet?

Ich hatte viele Fälle, und die waren sehr stressig. Im Marzili haben wir ja noch zusätzlich die Aare, und wenn ich da eine Person herausholen muss, treibt das den Pulsschlag stark in die Höhe. Dann steht für mich die Rettung im Vordergrund, und ich funktioniere nur noch wie eine Maschine. Vor zwei Jahren mussten wir ein kleines Kind aus dem Becken retten und reanimieren. Zum Glück hat es überlebt. Aber letztes Jahr fanden wir einen Schwimmer erst zwei Tage später – tot – in der Aare.

Was war passiert?

Ein Mann aus einem anderen Kulturkreis wurde von Frauen gefragt, ob er schwimmen gehen möchte. Er konnte nicht Nein sagen, obwohl er Nichtschwimmer war. Die Frauen und der Mann sind von einem Steg gesprungen. Seinen leblosen Körper fand man an einer anderen Stelle in der Aare.

Vier von fünf Opfern waren letztes Jahr Männer. Warum?

Im Marzili waren alle, die wir 2015 retteten, Männer. Schuld daran ist die Selbstüberschätzung. Wenn jemand nicht schwimmen kann, hat er weder im Fluss noch im Becken etwas zu suchen. Männer sind halt anfälliger, sich zu überschätzen.

Wie kann man Unfällen vorbeugen?

Gerade in diesen Tagen ist das Wasser noch sehr kalt. Die Gefahr von Unterkühlung und Krämpfen entsprechend gross. Für die ganze Saison gilt: Nach dem Sonnenbad ­zuerst duschen und erst dann ins Wasser springen – aus Gründen der Hygiene und damit sich der Körper an die kühlere Wassertemperatur gewöhnen kann. Falsch ist es, den Helden zu spielen. Das kann tödlich enden. Geben Sie lieber zu, wenn Ihnen das Wasser zu kalt ist.

Worauf ist sonst noch zu achten?

Bei Flüssen ist es wichtig, die Fliessgeschwindigkeit, die Temperatur und die Wassertrübung anzuschauen. Wenn einer der drei Punkte verdächtig ist, legt man seine Längen besser im Schwimmbecken zurück.

2015 sind schweizweit 50 Menschen ertrunken, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Was sind die Gründe?

Die Wärme – wir hatten einen Pracht­sommer – und Leichtsinnigkeit.

Das Basler Frauenbad Eglisee verbietet weite Burkinis. Welche Regeln hat das Marzili?

Unsere Gäste gehen nicht mit Strassenkleidern in die Bassins, sondern in Badehosen, Shorts oder Bikinis. Oder sie schwimmen in einem Burkini, der fürs Wasser zugelassen ist. Nur ­können wir das optisch nicht unterscheiden. Wir suchen in solchen Fällen das Gespräch mit den Gästen.

Welches ist Ihre Lieblingsbadi?

Neben dem Marzili das Aarebad von Muri bei Bern. Dort wohne ich. Ich gehe gern mit Kollegen am Abend auf einen Schwumm. Oder ich weiche auf den Neuenburgersee aus.

Autor: Reto E. Wild, Anne-Sophie Keller