Archiv
27. Dezember 2011

Schwester Louise, übernehmen Sie!

Statt Krankenschwestern sollen bald Computer die Patienten betreuen – sehr zum Leidwesen der Pflegefachverbände.

Schwester Louise
Wann muss ich meine Tabletten nehmen? Ein Computerprogramm informiert - wenn nötig immer wieder. (Bild: Northeastern University)

Louise ist nie ungeduldig oder genervt. Sie erklärt, wie man den Blutdruck korrekt misst und einen Verband wechselt. Selbst kann sie das allerdings nicht tun. Louise ist eine virtuelle Krankenschwester, entwickelt von Informatikern der Northeastern University in Chicago.

Für Krankenschwestern brechen harte Zeiten an. Computer machen ihnen die Pflege streitig, und zwar den spannenden Teil: «Die Maschine spricht mit dem Patienten, klärt ihn auf, und die Pflegerin macht die Fliessbandarbeit», formuliert es eine Teilnehmerin auf einem Krankenschwestern-Blog.

Die virtuelle Krankenschwester ist geduldig (Bild: Northeastern University, Reuters).
Die virtuelle Krankenschwester ist geduldig. (Bild: Northeastern University)

Nicht ganz so schwarz sieht es Elsbeth Wandler, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner. Auch wenn sie zugeben muss, dass der finanzielle Druck auf das Gesundheitswesen und die Pflege enorm ist, Zeit für persönliche Gespräche Luxus sind. Doch ersetzen könne eine virtuelle Stimme die Pflegefachfrau nie. «Computer können höchstens Informationen wiederholt abgeben und so zusätzlich informieren.» Genau das ist die Aufgabe der virtuellen Krankenschwester. Louise bereitet Patienten auf die Entlassung aus dem Spital vor, erklärt ihnen beispielsweise, welche Tabletten sie künftig einnehmen sollen. Wer etwas nicht verstanden hat, kann nachfragen.

Das Programm könnte bei jungen Patienten gut ankommen

Bisher wurde das Programm nur am Bostener Medical Center an Patienten getestet, die aber sehr zufrieden waren. Patientenschützerin Margrit Kessler kann sich gut vorstellen, dass junge Patienten diese Form von Unterhaltung schätzen. Bei betagten Menschen hat sie allerdings ihre Zweifel. «Betagte wünschen sich Menschen zum Anfassen, die sich ihrer Probleme annehmen.» So wie das eben die Krankenschwester macht. «Sie ist ausserdem Übersetzerin des Ärztelateins», sagt Elsbeth Wandler. Und das kann kein Computer — noch nicht.

Autor: Thomas Vogel