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12. Mai 2014

Schwerer Abschied vom Haustier

Wenn der vierbeinige Freund stirbt, ist das für Kinder sehr traurig. Immer öfter werden Haustiere würdevoll bestattet und betrauert, das erleichtert den Kindern den Abschied. Lesen Sie rechts auch, was Kindern sonst noch hilft.

Rahel und Annalaura am Grab ihrer Katze Perka auf dem Tierfriedhof in Läufelfingen. Mit dabei ist Hündin Chivas.
Rahel und Annalaura am Grab ihrer Katze Perka auf dem Tierfriedhof in Läufelfingen. Mit dabei ist Hündin Chivas.

Zweieinhalb Jahre alt war Elvis geworden, das herzige Meerschweinchen mit den kleinen Kulleraugen und der neugierigen Schnauze. Zweieinhalb Jahre lang war er ein Teil von Rea Zigerligs Leben gewesen, sie hatte ihn gefüttert, gestreichelt, den Stall ausgemistet, die Trinkflasche aufgefüllt und mit ihm gespielt. Jeden Tag war die elfjährige Rea für ihn da und er für sie. Es war ganz plötzlich passiert. Er bekam Schnupfen, ass kaum mehr. Die Familie brachte ihn zur Tierärztin. Die versuchte, ihn mit Rüeblibrei und frischem Gras aufzupäppeln. Doch sein Gesundheitszustand besserte sich nicht, er schlief bald darauf ein.

Die Tränen flossen reichlich, Rea hatte ihren kleinen täglichen Begleiter verloren, den sie so gern mochte, der zu ihrem Leben gehörte und an den sie oft und gern zurückdenkt – und den sie manchmal auch vermisst. «Ich hätte ihn gern im eigenen Garten beerdigt», sagt Rea. «Schade, haben wir ihn kremiert.» Einen Moment lang spielten sie mit dem Gedanken, ihn am Waldrand zu begraben. Doch sie fanden schnell heraus, dass man Tiere nicht auf öffentlichem Grund im Wald vergraben darf.

Doch wohin mit ihrem Elvis? Ihn zur Tierkadaverstelle zu bringen, kam nicht in Frage. Elvis war Teil der Familie. «Er hat es verdient, dass er würdevoll beerdigt wird», sagt Reas Mutter Brigitte Zigerlig (51). Sie fanden den passenden Ort. In Rüti ZH, in unmittelbarer Nähe des Fotoateliers von Reas Vater Rino (54), befindet sich das Tierkrematorium Dicentra. Es war ein Mittwochnachmittag, als Reas Vater Rino sein Töchterchen und ihre Schulkollegin Cristina mit dem verstorbenen Elvis hierherbrachte. «Wir haben ihn auf ein schönes Strohbett gebettet», erinnert sich Rea.

Sibylle Egloff (43), Mitarbeiterin bei Dicentra, empfing die beiden Mädchen und führte sie in den Abschiedsraum, dort hatte sie Kerzen angezündet. Sie legten Elvis auf den Wagen, mit dem die Tiere jeweils vom Auto in den Abschiedsraum und weiter ins Krematorium transportiert werden. Hier hat man Zeit, sich von seinem Haustier zu verabschieden. Die beiden Mädchen hatten frisch gepflückte Blumen mitgebracht, machten Zeichnungen und schrieben einen Abschiedsbrief. Diese Dinge gaben sie Elvis auf seine letzte Reise mit.

Die Kinder haben keine Scheu, im Krematorium Fragen zu stellen

Sibylle Egloff schaute vorbei, brachte ein Glas Sirup. Rea hatte unzählige Fragen. Sie wollte wissen, was mit Elvis passiert, wie eine Kremierung vor sich geht, wann sie die Asche erhält.

Kinder sind sehr offen und haben keine Scheu, alles zu fragen, was sie wissen wollen. Sie haben oft auch keine Mühe zu weinen. Rea und ihre Freundin liessen sich viel Zeit, um sich zu verabschieden. Fast zwei Stunden waren die beiden Mädchen im Abschiedsraum. «Es ist wichtig, sich gut zu verabschieden», weiss Egloff. Sie hakt jeweils nach, ob die Kinder alles gefragt haben, ob es noch etwas gibt, was ihnen auf dem Herzen liegt. Das Kind soll alle Sorgen dort lassen. Noch heute denkt Rea oft an Elvis. Sie weiss, dass er nun als Schutzengel im Himmel ist und sie von dort aus weiterhin jeden Tag begleitet.

Rea bei der Gemeinschaftsurne vor dem Krematorium in Rüti. Hier ist ihr Meerschweinchen Elvis begraben.
Rea bei der Gemeinschaftsurne vor dem Krematorium in Rüti. Hier ist ihr Meerschweinchen Elvis begraben.

«Kinder sind ihren Haustieren oft sehr verbunden», sagt Marlies Mörgeli (57). Sie führt mit ihrem Mann Urs den Tierfriedhof in Läufelfingen BL. Sie hat oft Familien mit ihren Kindern auf dem Friedhof und weiss, dass Kinder viel weniger Mühe haben, ihre Emotionen zuzulassen. Der Friedhof liegt auf einer Anhöhe, blumengeschmückte Gräber stehen dicht, auf Grabsteinen sind Bilder von Hunden eingraviert, es drehen Windräder, farbige Tierfiguren stehen inmitten von Blumen, Zwerge und Kerzen sind aufgestellt.

Hier wurden auch die Tiere der drei Schwestern Rahel (14), Salome (11) und Annalaura (5) bestattet. Erst vor ein paar Monaten haben sie die Katze Java begraben, im Jahr zuvor ihr Büsi Perka. Besonders schlimm war es für die Kleinste, Annalaura. Perka war ihr Lieblingstier. «Sie hat Zeichnungen gemacht und ins Grab mitgegeben», sagt Mutter Christina Bütschi (44), während sie ihrer Kleinen übers Haar streicht. «Noch heute macht sie manchmal Zeichnungen oder sammelt Blümchen für sie.» Annalaura nickt scheu, drückt sich an ihr Mami, sie selbst mag jetzt gerade nicht reden. «Nachdem Java gestorben war, haben wir sie noch einen Tag bei uns behalten», erzählt Rahel. Sie hat mit ihren Schwestern das Büsi schön gebettet, ringsum Kerzlein angezündet. Und Salome hat ihr bei der Beerdigung ein Plüschtierli mit ins Grab gegeben.

Auch Hündin Luna haben sie hier beerdigt. Das war vor drei Jahren. Luna war Rahels Hündin, sie hat ihr ihren Teddy und die Plüschfigur Trudi mitgegeben. Das Tier war bei einem Unfall ums Leben gekommen. Rahel hatte mit ihr im Hundesport noch einiges vorgehabt. Über das Abschiednehmen sagt sie: «Es ist wichtig, sich nichts vorzumachen und sich einzugestehen, dass das Tier nicht zurückkommt. Auch Luna ist nun im Himmel.»

Christina Bütschi ist mit ihren Kindern sehr ehrlich, verheimlicht nicht, wenn ein Tier sterben muss. «Ich erkläre ihnen alles: Sage, warum das Tier zum Tierarzt muss, wie krank es ist, und auch, dass der Tierarzt macht, dass es stirbt.» Sie bindet ihre Töchter von Beginn an in den Akt des Abschiednehmens ein. «So können sie sich verabschieden. Kein Kind ist zu klein dafür», sagt sie. Marlies Mörgeli bestätigt: «Wir wollen die Kinder oft schützen, doch das ist falsch. Sie können nämlich mit dem Tod umgehen.» Sie erlebt oft, dass die Kinder ihr Tier im Aufbahrungsraum ein letztes Mal streicheln wollen und beim Dekorieren des Grabs mithelfen. Es ist für sie ein natürliches Ritual, das zum Abschiednehmen gehört.

Die Expertin für Tierbestattungen staunt immer wieder, wie schnell und mit welcher Leichtigkeit Kinder nach den vielen Tränen und der Beerdigung wieder zurück in den fröhlichen Kinderalltag finden. «Kinder versinken nicht in Trauer. Sie haben eine Natürlichkeit, mit dem Tod umzugehen: Sie wissen intuitiv, er gehört zum Leben. Nachdem das Grab geschmückt ist, spielen sie miteinander, rennen herum, blödeln und lachen.»

Bütschis kommen im Sommer recht häufig auf den Friedhof. «Unsere Tiere sind Teil der Familie», sagt Rahel. «Wir reden auch oft über die verstorbenen Tiere. Sie sind jetzt im Himmel.»

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Gabi Vogt