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20. Juni 2016

Schweizerin bietet US-Filmchefs die Stirn

Als angehende Mathematikprofessorin ging Kim Dang in die USA. Doch dann sattelte sie um und wurde Filmproduzentin. Mit ihrer Arbeit will sie das Frauenbild in der Filmbranche verändern – vor und hinter der Kamera.

Kim Dang
Sie kam als Mathematikerin, nun jedoch dreht sie Filme: Kim Dang lebt in New York ihren beruflichen Traum.

Kim Dang liebt Herausforderungen. An der Universität Zürich ihre Lieblingsfächer Publizistik und Filmwissenschaft zu studieren, reichte der Schweizerin mit vietnamesischen Wurzeln nicht. Stattdessen wagte sie sich in ein Gebiet, das sie eigentlich eher abschreckte: Mathematik. Das lief so gut, dass sie doktorierte und daraufhin von der amerikanischen Eliteuniversität Yale das Angebot bekam, Assistenzprofessorin für Mathematik zu werden.

2012 übersiedelte sie in die USA, arbeitete ein paar Jahre als Professorin und gründete dann 2015 mit zwei weiteren Frauen eine Filmproduktionsfirma – im vollen Wissen, wie schwierig es ist, in dieser Branche Erfolg zu haben. «Ich finde solche Schritte zwar auch beängstigend, aber ich habe gemerkt, wie sehr mich das anspornt», sagt Dang. «Um sein Gehirn in Gang zu halten, muss man immer wieder über seinen Schatten springen. Man lernt enorm viel dabei.» Auch mit ihrem ersten Spielfilm «Everything is Wonderful», der zurzeit in New York gedreht wird, hat die 33-Jährige Grosses vor: Er soll auf die Spielpläne der renommierten Filmfestivals Sundance und Berlinale kommen.

Eigentlich wollte sie Schauspielerin werden

Dangs Eltern stammen aus Vietnam, gingen nach dem Krieg zum Studieren ins Ausland und lernten sich Ende der 1970er-­Jahre in Deutschland kennen – in einem Deutschkurs. 1990 zog die junge Familie nach Zell LU, wo der Vater nach seinem Studium als Bauingenieur einen Job gefunden hatte. Dort wuchs Kim auf, spielte schon in der Schule nebenher im Jugendtheater Willisau und später im Theater an der Sihl in Zürich. Sie wollte unbedingt Schauspielerin werden. «Meine Eltern aber waren dagegen, da gebe es keine Jobs, ich würde es schwer haben, mich über Wasser zu halten, fanden sie. Also studierte ich halt.»

Als Kind mochte sie Mathematik gar nicht, aber ihr Vater setzte sich mit ihr hin und half ihr. «Ich hasste es, aber er bestand drauf und sagte, man könne nicht schlecht sein in Mathe, das sei das Einfachste auf der Welt.» So hatte sie in der Schule dann immer recht gute Noten. Dennoch wählte sie später das Mathematikstudium nicht aus Begeisterung für das Fach, sondern weil sie etwas suchte, dass sie an ihre Grenzen bringen würde. Irgendwie blieb dann auch noch Zeit, Theater zu spielen und drei weitere Jobs nebenher zu machen – etwa in der Programmation der Kurzfilmtage in Winterthur.

Dabei knüpfte sie viele Freundschaften, die ihr heute nun sehr nützlich sind. Etwa zu Dieter Kosslick, dem Direktor der Berlinale, oder zu Regisseur Oli Rihs, über dessen Verbindungen sie erste Jobs in der New ­Yorker Filmbranche ergatterte – unter anderem als Produktionsassistentin für das Filmdrama «Custody» (2016) mit Stars wie Viola Davis und Hayden Panettiere.

2012 jedoch startete sie erst mal ihren ­Uni-Job in Yale – mit Fokus auf der ­Quantenphysik. «Ich liebe Mathematik», sagt Kim Dang, «aber das Leben in der Forschung ist hart und relativ einsam. Und irgendwann realisierte ich, dass ich mich extrem anstrengen müsste, um mehr als Mittelmass zu sein.»

Kaum Chefinnen in der Filmbranche

Ihre Begeisterung für den Film hingegen war weiterhin gross, und als sie eine Deutsche und eine Amerikanerin kennenlernte, die beide in der Filmbranche arbeiteten, entstand die Idee, gemeinsam einen Film zu realisieren. «Einen mit starken Frauenfiguren, der uns die Chance gibt, eine gute Stellung in der Branche zu erarbeiten.»

Schnell war klar: Genügend kreative Freiheit und Kontrolle hatten sie nur, wenn sie ihre eigene Produktionsfirma gründeten. «Es gibt in der Filmindustrie kaum Frauen in höheren Positionen. Das Risiko war einfach zu gross, auf Männer zu stossen, die uns vorschreiben, was wir zu tun haben.»

So entstand 2015 die Wonderfilm Productions , deren Ziel es ist, von starken Frauenfiguren angetriebene Filme zu drehen, die ein breites Publikum ansprechen, zum Nachdenken anregen und Stereotypen brechen.

Für ihr erstes Werk «Everything is Wonderful» konnten die drei Filmemacherinnen ein paar bekannte Namen gewinnen, darunter die deutsche Schauspielerin Hannah Herzsprung und das frühere Bond-Girl Tonia Sotiropoulou («Skyfall»). Das Budget beträgt 180 000 Dollar, 40 Prozent haben sie durch eigenes Geld und dank privater ­Investoren bereits zusammen, eine Crowdfunding-Kampagne und Sponsorendeals sollen den Rest bringen.

Auch die Schweiz ist dabei

Inzwischen ist noch die Asien-Schweizerin Emiko Alexejew zur Firma gestossen, und auch im Film gibt es diverse Bezüge zur alten Heimat. So kommen etwa Produkte der Schweizer Designerin Nina Egli zum Einsatz, es wird unter anderem in den New Yorker Restaurants Louie&Chan und L’Antagoniste gedreht, die von Schweizern geführt werden, ein Teil der Filmmusik stammt von der Luzerner Band Silver Firs, und für das Marketing ist die Floid AG in Zürich zuständig.

Kim Dang und ihr Team für das erste Filmprojekt: Pia Mechler (rechts) ist Regisseurin und Mitbegründerin der Wonderfilm Productions, Pia Aung (Mitte) fungiert als Kostümdesignerin.
Kim Dang und ihr Team für das erste Filmprojekt: Pia Mechler (rechts) ist Regisseurin und Mitbegründerin der Wonderfilm Productions, Pia Aung (Mitte) fungiert als Kostümdesignerin.

Dang beschreibt die Story als Mischung aus «Thelma and Louise» und «Girls», ein Mix auch aus Drama und Komödie. «Es geht um die Freundschaft von zwei Frauen, die eine Woche lang austicken und ihre Grenzen ausloten, um herauszufinden, was sie wollen im Leben und was Glück wirklich für sie bedeutet.» Die Story soll zum Nachdenken anregen, es geht dem Team aber auch darum, neue Stellen für Frauen im Filmbusiness zu schaffen. «Frauen arbeiten anders, gehen anders miteinander um. Die wenigen Regisseurinnen, die es gibt, haben es zum Beispiel oft schwer, sich gegenüber den Kameramännern durchzusetzen, die meistens ziemliche Alphatiere sind. Sobald die nur wittern, dass eine Regisseurin technisch nicht ganz so versiert ist, passieren seltsame Machtspiele am Set.» Die Frauen von Wonderfilm Productions wollen daran arbeiten, solche Mechanismen zu verändern.

Finanzielle Durststrecken gehören dazu

Das Übersiedeln in die USA ist Kim Dang leicht gefallen. «Das Einleben als städtisch geprägtes, Hochdeutsch sprechendes und asiatisch aussehendes Mädchen in Zell war schwieriger», sagt sie. In New Haven und später in New York hat sie sich rasch zu Hause gefühlt. Inzwischen ist sie auch verheiratet. Ihr Mann ist sieben Jahre jünger, früheres Ford-Model, Highschool-Lehrer sowie Sohn der Schauspielerin Tonya Pinkins ( in der TV-Serie «Gotham» zu sehen als Assistentin des finsteren Arkham-Doktors Hugo Strange).

Das Paar teilt sich eine Wohnung in Manhattans Lower East Side, einem eher teuren Pflaster. «Ich bezog diese Wohnung, als ich noch mein Yale-Salär hatte, damals liess sie sich einfacher finanzieren als heute. Es ist nicht immer leicht, genug Geld hereinzuholen, um die Miete zu zahlen.» Eine Durststrecke beim Start in der Filmbranche sei jedoch normal, hat sie von vielen gehört. Sie ist zuversichtlich, dass sich ihre finanzielle Situation bald wieder bessern wird.

Weniger wohl ist ihr, wenn sie den aktuellen Wahlkampf um die US-Präsidentschaft verfolgt. «Donald Trumps Einwanderungsfeindlichkeit passt so gar nicht zu diesem Land, in dem ja alle irgendwie Nachkommen von Einwanderern sind – inklusive er selbst und seine Frau.» Sie selber erlebt im kulturellen Schmelztigel New York keinerlei Skepsis gegenüber Migrantinnen und Migranten. «Hier wundert sich auch kaum jemand, dass ich aus der Schweiz komme, aber asiatisch aussehe. Das fällt gar nicht auf.»

Sie hat noch immer regen Kontakt mit Familie und Freunden in der Schweiz und könnte sich vorstellen, irgendwann wieder heimzukehren. Denn sie vermisst in den USA das Gefühl der Geborgenheit, das sie in der Schweiz jeweils verspürt. «Als ich das letzte Mal dort war und wieder abreiste, kamen mir fast die Tränen.» Aber derzeit sieht sie in den USA bessere Berufschancen. «Es ist leichter, hier etwas zu wagen, etwas Neues auszuprobieren. In der Schweiz ­verhindert die Angst vor dem Scheitern ­viele interessante Projekte.» 

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Cyrill Matter