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10. Juni 2013

Vermitteln, schlichten, beraten

Die Schweizer Truppen in Kosovo leisten eine wichtige Arbeit – praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Strassensperre am oberen Ende der Austerlitzbrücke in Mitrovica
Die Strassensperre am oberen Ende der Austerlitzbrücke in Mitrovica (Nordkosovo) trennt die albanischstämmigen Kosovaren von den Kosovo-Serben ab.

Was tun die Schweizer Soldatinnen und Soldaten eigentlich, die zurzeit in Kosovo im Einsatz sind? Das Migros-Magazin hatte exklusiv die Gelegenheit, den Chef der Armee, Korpskommandant André Blattmann, sowie zwei Nationalräte bei einer Truppenvisite in Kosovo zu begleiten. Ein Besuch in einer noch lange nicht befriedeten Region.

Korpskommandant André Blattmann
Für André Blattmann, Chef der Armee, ist der Einsatz in Kosovo sehr wichtig, denn die Schweiz bringt sich ein.

Von oben sieht die Welt oft etwas friedlicher aus, als sie in Wirklichkeit ist. So auch in Kosovo. Beim Flug mit dem Superpuma der Schweizer Luftwaffe von Pristina Richtung Norden wirkt alles irgendwie aufgeräumt und sauber. Unter uns präsentiert sich eine ländliche Region, fast wie im Entlebuch oder in der Ostschweiz. Kleine Weiler, ein fein gesponnenes Netz von Strässchen und einige grosse Kohleabbaugruben. Fast nichts deutet darauf hin, dass Kosovo immer noch eine unbefriedete Region Europas ist, in der plötzlich wieder ethnische Unruhen aufflammen. So zum Beispiel vor anderthalb Jahren, als Serben den Grenzübergang nach Kosovo in Flammen steckten.

Oberst Christoph M. Fehr
Oberst Christoph M. Fehr

«DIE KFOR IST IM GANZEN KOSOVO SEHR GUT AKZEPTIERT»Das Interview mit Christoph M. Fehr, Kommandant der Verbindungs- und Beobachtungsteams der KFOR in Nordkosovo, über die neuen Spannungen in Nordkosovo und die Akzeptanz der Schweizer Truppen vor Ort. Zum Artikel

Seit 1999 sorgt eine internationale Truppe unter dem Namen KFOR (Kosovo Force) in der von Albanern (92 Prozent) und Serben (8 Prozent) besiedelten Gegend des Balkans für mehr oder weniger Ruhe. Die Truppe hat drei grundsätzliche Aufgaben: Sie soll Rechtssicherheit schaffen, sie soll mithelfen, eine staatliche Ordnung aufzubauen, und sie soll für wirtschaftliche Sicherheit sorgen.

All dies ist unabdingbar, wenn Kosovo je wirtschaftlich prosperieren soll. Nur Rechtssicherheit und verlässliche staatliche Organisationen schaffen die Basis für Investitionen, für Handel und Produktion.

Seit 1999 ist auch die Schweiz in dieser Friedenstruppe mit dabei. Der Einsatz basiert auf einem Bundesratsentscheid vom 23. Juni 1999. Der Bundesrat entschied damals, dass sich die Schweiz basierend auf der Uno-Resolution 1344, an der friedensfördernden KFOR-Mission beteiligen soll. Im Frühling 2011 hat das Parlament einer Verlängerung des Mandats bis Ende 2014 zugestimmt.

Die Kosovo-Karte
Die Kosovo-Karte mit dem Einsatzgebiet der Schweizer Kfor-Truppen im Norden.

In fünf Regionen ist Kosovo mit 11'000 Quadratkilometern aufgeteilt. Die Schweiz ist in einer dieser fünf Regionen militärisch führend – in der umstrittensten. Als Commander Joint Regional Detachment North ist Oberst Christoph M. Fehr mit der heiklen Aufgabe betraut, im ethnisch durchmischten Norden die Kommunikation mit der Bevölkerung zu garantieren. Das ist nicht einfach: Das Misstrauen, geschürt in Jahrzehnten der Streitereien, Kriegshandlungen und Fehden ist gross. Säuberungen, Druckversuche, Clanwirtschaft haben die öffentliche Ordnung zerstört, nur ganz langsam gewöhnen sich die Menschen wieder an das Gefühl, im Gegenüber nicht gleich einen potenziellen Gegner zu sehen.

Oberleutnant Raphael Thomann
Oberleutnant Raphael Thomann ist in Malishevo stationiert. Dort ist er Anlaufstelle für die regionale Bevölkerung.

In dieser Situation die Kommunikation zwischen allen aufrechtzuerhalten, ist nicht einfach. Wie gehen die internationalen Truppen hier vor? «Wir müssen den Kontakt zu Schlüsselpersonen herstellen, müssen ihr Vertrauen gewinnen und uns als faire Verhandlungspartner beweisen», sagt Christoph M. Fehr. Man müsse transparent sein, neutral, aber durchaus auch hartnäckig.
Erschwert wird die Aufgabe zusätzlich, da die meisten Schweizer nur ein halbes Jahr in Kosovo im Einsatz sind. Kaum haben sie sich ein Netz an Gesprächspartnern aufgebaut, müssen sie den Auftrag bereits wieder weitergeben. Natürlich versuchen die Verantwortlichen, Swisscoy-Angehörige in solchen Positionen zu überzeugen, ein zweites Halbjahr anzuhängen. Das ist jedoch oft nicht so einfach, manchmal stehen Ausbildungen auf dem Programm, ein neuer Job oder gar eine Heirat.

Zurzeit sind insgesamt 223 Personen für das 28. Swisscoy-Kontingent im Einsatz, davon haben nur 67 mehr als einen Dienst hinter sich. 10 Prozent der Truppe ist weiblich, etwa gleich viel stammen aus der Romandie.

Die aktuelle politische Lage macht die Aufgabe für die Schweizer im Norden nicht einfacher. Die Weigerung der Gemeindevorsteher, mit Kosovo zu kooperieren (zu dem sie gehören), hat die Lage für alle wieder verschärft. Nun sollen im Rekordtempo gar offizielle Beitrittsverhandlungen zu Serbien durchgeführt werden. Serbien jedoch ist nicht erpicht darauf, die renitenten Kosovo-Serben aufzunehmen, denn die Beziehungen zur EU stehen auf dem Spiel.

Wie es weitergeht? Das kann auch Oberst im Generalstab Fehr nicht sagen. Die Situation ist momentan schlicht zu verworren, als dass man sie abschliessend beurteilen könnte. Trotzdem: Dass die kleine Schweizer Einheit in Kosovo in der 5500 Mann starken Nato-Truppe überhaupt wahrgenommen wird, hat mit der souveränen Arbeit des JRD Nord in der so umstrittenen Region nördlich von Mitrovica zu tun.

Delegation mit Nationalrätin Corina Eichenberger und Migros-Magazin-Chefredaktor Hans Schneeberger
Die Delegation mit Nationalrätin Corina Eichenberger-Walther (FDP, AG, 2.v.l.) und Migros-Magazin-Chefredaktor Hans Schneeberger (r.).

Je weiter man in Kosovo Richtung Süden kommt, desto entspannter präsentiert sich die politische Lage. In Malishevo etwa, hat die Swisscoy ein «offenes Haus» eingerichtet. Es dient dem intensiveren Kontakt mit der Bevölkerung. Ein offener Raum im Erdgeschoss ist als Sitzungszimmer eingerichtet. Die Einheimischen können für ein Gespräch hereinschauen und um Hilfe, Unterstützung oder eine Kontaktvermittlung bitten. In einer Region, in der das gesamte gesellschaftliche Leben clanmässig organisiert ist, eine schwierige Aufgabe. Raphael Thomann und seine Kameraden versuchen, den Kontakt zu Gemeindebehörden, lokalen Schulbehörden, zu Nachbarn und Gewerbetreibenden in der 45'000 Einwohner zählenden Grossgemeinde zu halten. Ihnen kommt zugute, dass die Schweiz und ihre Soldaten in Kosovo einen guten Ruf geniessen. Sie gelten als fair, neutral und nicht korrupt. Etwas frustrierend in der täglichen Arbeit der Truppe vor Ort: «Am Schluss geht es halt doch meistens um Finanzielles», sprich um Geldmangel um unbezahlte Rechnungen oder finanzielle Forderungen. Natürlich werden solche Forderungen von der Swisscoy nicht erfüllt, was oft wieder für Frust sorgt.

So oder so: Der Job, den die sieben Personen in Malishevo leisten, ist anspruchsvoll, psychologisch wie auch menschlich. Insbesondere für so junge Menschen, die oft einfach ein halbes Jahr Pause vor einem Studium eingelegt haben und nun in einer Welt arbeiten, die nur an der Oberfläche mit derjenigen in der Heimat vergleichbar ist. Die Soldaten im LMT haben sich selber gut eingerichtet. Sie kochen selber im Turnus, sie sorgen für ihre eigene Wäsche, und sie gehen auch selber einkaufen.

Sogar in einer grundsätzlich befriedeten Gegend wie derjenigen um Malishevo ist das Leben für die einheimische Bevölkerung nicht einfach. Öffentliche Ämter werden nach Parteizugehörigkeit vergeben. Wechselt die Macht, werden ganze Milizorganisationen ausgetauscht. Verträge werden umgeleitet, Aufträge neu vergeben, öffentliche Gelder kommen plötzlich ganz anderen Menschen zugute. Wenig erstaunlich, dass in einer derart unsicheren Situation Investitionen in die lokale Wirtschaft rar sind. Man wurstelt sich durch, und wer etwas über das Notwendige hinaus verdient, versteckt es sofort.

Swisscoy möchte noch weitere derartige Gebäude einrichten. Sie sollen als nichtmilitärische Stützpunkte ihrer friedensfördernden Arbeit dienen.

Einer Arbeit, die noch lange nicht getan ist.