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19. März 2012

Schweizer Solartechnik erobert die Welt

Im September 2010 brach das Schweizer Schiff «Tûranor» zur Weltumrundung auf, angetrieben nur von Solarenergie. Nun neigt sich das Projekt «Planet Solar» dem Ende entgegen. Das letzte Abenteuer war der gefährliche Golf von Aden. Doch der ehemalige Schweizer Armeechef Christophe Keckeis lotste die Crew sicher durch die Piratengewässer.

«Tûranor»
Ein Deck mit 38'000 Solarzellen: Die «Tûranor» vor der Küste von Abu Dhabi.

Einmal nur kamen die Piraten so nahe heran, dass die Besatzung der «Tûranor» sie gesehen hat. Aber das Boot drehte rasch wieder ab — zu abschreckend waren die sechs bewaffneten Uniformierten und der Stacheldrahtwall an der Reling des seltsamen Gefährts. «Es waren noch viel mehr Piratenschiffe in der Region unterwegs», sagt Christophe Keckeis (66), Sicherheitsberater der «Tûranor» und ehemaliger Chef der Schweizer Armee. «Aber dank der Vorsichtsmassnahmen konnte unser Boot immer genügend Abstand halten.» Das war entscheidend. «Alleine während die Crew zwischen Abu Dhabi und Djibouti unterwegs war, wurden um sie herum fünf Schiffe von Piraten gekapert.»

Keckeis kam erst relativ spät und aus heiterem Himmel zum Projekt «Planet Solar». «Der Initiator Raphaël Domjan ist ein früherer Flugschüler von mir. Letzten Oktober meldete er sich plötzlich aus Sri Lanka von der ‹Tûranor› und bat um Hilfe. Sie hätten das Thema Sicherheit unterschätzt», erzählt Keckeis. «Ich habe alles stehen und liegen lassen und mich die nächsten Monate nur noch mit den Piraten am Horn von Afrika beschäftigt.»

Für Raphaël Domjan war Keckeis ein Glückstreffer. Der 40-jährige frühere Ambulanzfahrer und Ingenieur aus Neuenburg weibelt seit 2004 für seine Idee zu beweisen, dass es möglich ist, mit einem allein durch Sonnenenergie angetriebenen Boot die Welt zu umrunden. Am 4. Mai ist es so weit: Dann soll die «Tûranor» in Monaco eintreffen, wo sie am 27. September 2010 mit ihrer vierköpfigen Besatzung aufgebrochen ist.

Ex-Armeechef Keckeis aktivierte seine Kontakte in aller Welt und stellte freudig fest, dass sein Netzwerk noch funktionierte und die Hilfsbereitschaft gross war. «Das gefährliche Gebiet wird sehr genau überwacht. Wir erfahren sofort, wenn gerade ein Schiff überfallen wird.» Keckeis stellte eine Karte mit den Positionen der Piraten her, die laufend aktualisiert wurde. Sie ging an den Kapitän der «Tûranor», der dann situativ entscheiden musste, welches die beste Route ist: jene mit mehr Sonne oder jene mit genügend Abstand zu den Piraten.

Christophe Keckeis (links) im Gespräch mit Jens Langwasser. Der frühere Armee-Chef half der Crew, sich gegen Piratenangriffe zu schützen.
Christophe Keckeis (links) im Gespräch mit Bootsmann Jens Langwasser. Der frühere Armee-Chef half der Crew, sich gegen Piratenangriffe zu schützen.
Für die Fahrt durch den gefährlichen Golf von Aden wurden auf der «Tûranor» besondere Sicherheitsmassnahmen getroffen.
Für die Fahrt durch den gefährlichen Golf von Aden wurden auf der «Tûranor» besondere Sicherheitsmassnahmen getroffen.

Keckeis verbrachte beim Halt in Abu Dhabi einige Zeit an Bord, um die Situation zu rekognoszieren und die rund 200 Sicherheitsunternehmen, die sich für den Schutz beworben hatten, zu evaluieren. Ein Sicherheitsmann kostet 1000 Franken, pro Tag. «Unser Fokus lag auf der Abschreckung, damit es gar nicht erst zu einem Angriff kommt. Bis heute wurde noch nie ein Schiff gekapert, das derart mit Waffen geschützt war», erklärt Keckeis. Entsprechend martialisch wirkte die «Tûranor» auf ihrem gefährlichsten Streckenabschnitt, dem Golf von Aden.

Insgesamt stand der frühere Armeechef dreieinhalb Monate zu 100 Prozent für die «Tûranor» im Einsatz, dies mit einigem Herzblut, war er doch schon vor «Planet Solar» ein Befürworter erneuerbarer Energien. «Ich sehe es als eine Chance für die Schweiz, wenn das Projekt gelingt.»

Für den Initiator begann die Arbeit allerdings schon viel früher: «Die grösste Herausforderung war nicht die Fahrt selbst, sondern die Finanzierung der Idee», sagt Raphaël Domjan. «Ich war schliesslich ein Nobody ohne Geld oder viel Erfahrung in dem Bereich.» Inspiriert hat ihn ein Solarboot, das während der Expo.02 auf dem Bielersee unterwegs war. Eine Reise nach Island 2004 wühlte ihn dann so stark auf, dass er sich ernsthaft mit dem Plan befasste. «Elf Jahre zuvor war ich schon mal dort gewesen, auf einem riesigen Gletscher, der nun komplett verschwunden ist.»

Entscheidend für die Realisierung war die Unterstützung des schwerreichen deutschen Unternehmers Immo Ströher, der ganz auf die Förderung erneuerbarer Energien fokussiert ist. 2008 gelang es Domjan, Ströher mit an Bord zu holen, gemeinsam konnten sie weitere Sponsoren gewinnen. Und schon bald machte sich ein internationales Team von Physikern, Ingenieuren und Schiffsbauern ans Werk. Der Bau der «MS Tûranor Planet Solar» im deutschen Kiel dauerte 18 Monate. Sie ist 35 Meter lang, 23 Meter breit, 95 Tonnen schwer, verfügt über 38'000 Solarzellen auf 537 Quadratmetern und die grösste je konstruierte mobile Batterie. Den Namen hat Bootsbesitzer und «Lord of the Rings»-Fan Immo Ströher gewählt: «Tûranor» bedeutet ‹Sieg› oder ‹Kraft der Sonne› in einer der von J.R.R. Tolkien entwickelten Elfensprachen. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf rund 25 Millionen Franken. 95 Prozent des Geldes kam von privaten Investoren.

Viel Arbeit, aber auch etwas Komfort

Neben Domjan gehört noch ein weiterer Schweizer zur Crew: der Elektroingenieur Christian Ochsenbein aus Thun. Er hatte zuvor bei einer kleinen Firma gearbeitet, wo er vor allem mit Elektromotoren zu tun hatte. «Die Motoren hier funktionieren sehr ähnlich.» Seine Fachkompetenz und ein gewisser Abenteuergeist qualifizierten den 28-Jährigen für den Job.

«Ich bin zwar kein Seemann, aber mit Booten auf Schweizer Seen aufgewachsen, das hat geholfen.» Dennoch habe der Entscheid, für fast zwei Jahre alles stehen und liegen zu lassen, etwas Zeit in Anspruch genommen. Bereut hat er es keine Sekunde. Und nach ein paar Tagen war auch die Seekrankheit einigermassen überwunden. Neben seinem Hauptjob als Bordingenieur macht er alles, was so anfällt: Kochen, Boden schrubben, Nachtwachen. «Bei so einer kleinen Crew geht das gar nicht anders.»

Ein entspannter Moment an Bord: Raphaël Domjan, Christian Ochsenbein, Bootsmann Jens Langwasser und Captain Erwann Le Rouzic (von links).
Ein entspannter Moment an Bord: Raphaël Domjan, Christian Ochsenbein, Bootsmann Jens Langwasser und Captain Erwann Le Rouzic (von links).

Auch wenn jeder seine eigene Kabine hat und der Komfort durchaus mit einer Jacht vergleichbar ist, ist das Leben an Bord kein Zuckerschlecken. Die Crew arbeitet 24 Stunden am Tag, sieben Tage pro Woche, in Schichten. Jeder ist gefordert, selbst wenn er krank ist. Dazu kommt der limitierte Platz, Phasen ohne frische Lebensmittel, die Trennung von Freunden, Partner und Familie. «Es ist manchmal schon hart», sagt Domjan. «Aber es ist eine einmalige Lebenserfahrung.» Entsprechend wichtig war es, die Crew sorgfältig auszusuchen. «Mit diesem Team sind wir für alle Eventualitäten gewappnet.»

Es gab mehrmals heikle Situationen: andere Piratengewässer in Asien, stürmisches Wetter mit hohen Wellen in Australien und beschädigte Schiffspropeller. Aber es gab auch viele schöne Momente: wenn plötzlich Delfine mit dem Boot schwammen, traumhafte Sonnenuntergänge oder auch der Besuch einer Insel bei den Philippinen, deren Bewohner noch nie Weisse gesehen hatten — geschweige denn ein solches Gefährt.

Die Crew hat also einiges erlebt und viele Menschen getroffen. «Am meisten beeindruckt hat mich die Reaktion der Leute auf unser Boot», erzählt Domjan. «Wir hatten Minister und sogar Könige und Präsidenten an Bord. Und alle reagierten gleich: Erst staunten sie, dann waren sie begeistert, als sie realisierten, das funktioniert tatsächlich.»

Schlechtes Wetter ist übrigens kein Problem für das Solarboot. Selbst bei bewölktem Himmel können die Zellen an Bord Strom erzeugen, zudem ist die gewaltige Batterie in der Lage, Energie für bis zu drei Tage zu speichern. Das Energiemanagement ist der grösste Unterschied zu einer Weltumrundung mit einem regulär angetriebenen Boot. «Da kümmert man sich nicht gross um den Treibstoff und kaum um das Wetter. Man zieht einfach los.»

Nach dem Ende der Reise soll die «Tûranor» kommerziell genutzt werden. Laut Raphaël Domjan wäre eine Möglichkeit, sie als Touristenboot bei den Galapagosinseln einzusetzen. Aber letztlich sei es Immo Ströhers Entscheid, wie es mit der «Tûranor» weitergehe.

Domjans grosses Ziel war die Weltumrundung — aber dahinter steckt mehr. «Wir neigen dazu, immer nur die Probleme zu sehen. Ich wollte zeigen, dass es Lösungen gibt und wir die notwendigen Fähigkeiten bereits haben. Ich wollte mit der «Tûranor» demonstrieren, dass wir optimistisch sein können: Schaut her, Veränderung ist möglich.»

Wer symbolisch Teil der Expedition werden möchte, kann die letzten paar 1000 Meilen der «Tûranor» noch mitsponsern. Weitere Informationen: http://www.planetsolar.org/de/folgen-sie-uns/solarmeilen

Fotograf: Planet Solar