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30. Januar 2017

Schweizer Ski-Nachhilfe für Kirgistan

Die Bündnerin Edda Hergarten macht in Kirgistan junge Einheimische fit für den Skilehrerjob. Dort gibt es zwar viele Skigebiete und Touristen, aber kaum professionelle Coaches.

Edda Hergarten in Bivio
Entwicklungshilfe – mal ganz anders: Edda Hergarten bildet in Kirgistan Skilehrer aus.

Eigentlich wollte Skilehrerin Edda Hergarten (38) in Kirgistan nur Ferien machen und ihren Bruder besuchen, der in der Hauptstadt Bishkek als Geograf arbeitet. Das war vor zwei Jahren. Heute führt sie im zentralasiatischen Binnenstaat ein bemerkenswertes Hilfsprojekt durch: Sie bildet Skilehrer aus. Den Anstoss dazu gaben alte Skilehreruniformen, die sich in ihrer Schneesportschule in Bivio GR angesammelt hatten. «Ich wusste, dass es in Kirgistan Skigebiete gibt, und dachte mir, warum in den Ferien nicht gleich schauen, ob sich dort jemand über die Uniformen freuen würde?», erinnert sich Hergarten.

Sie reiste ins kirgisische Gebirge, wo Lifte aus der Sowjetzeit Nadelwälder durchschneiden. Hergartens Anfrage kam bei den kirgisischen Sportstudenten und Touris­mus­organisationen gut an. «Sie sagten mir aber auch: ‹Wir können nicht Ski fahren. Kannst du es uns beibringen?›»
Sie dachte zuerst, das sei ein Witz. Doch in Kirgistan gibt es zwar Skigebiete, die Anlagen gehören jedoch oft Ausländern, und die Wintersporttouristen sind fast ausschliesslich Russen oder Kasachen, die ihre Skilehrer gleich miteinfliegen.

40 Prozent der Kirgisen leben in Armut

«Vom Wintersport profitiert die kirgisische Bevölkerung fast gar nicht.» Das nervt Edda Hergarten. «Die Einkünfte fliessen an die reicheren Liftbesitzer oder nach Russland.» Und dies bei einem Winter, der sechs Monate dauert, in einem Land, das zu 94 Prozent aus Gebirge besteht und in dem 40 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze leben. Im Winter ist das Überleben hart. «Der Wintertourismus wäre eine ideale Einnahmequelle für die Bevölkerung», sagt die Projektinitiantin. «Viele Kirgisen gehen nach Russland, um auf dem Bau zu arbeiten. Nur so können sie ihre Familie ernähren.»

Hergartens Gesicht ist von der Wintersonne braungebrannt, der Blick ist offen, der Tatendrang offensichtlich. Sie spricht schnell und voller Enthusiasmus, die Worte sprudeln beim Erzählen nur so aus ihr heraus. Sie hat den Kopf voller Pläne und keine Angst, etwas anzupacken. Schon als Kind hat sie davon geträumt, irgendwann irgendwo einen sinnvollen sozialen Einsatz zu leisten.

Edda Hergarten (l.) und Rakhat Omurbekovar beim Rückwärts-Fahren.
Edda Hergarten (l.) und Rakhat Omurbekovar beim Fakietraining (rückwärts fahren).

Edda Hergarten (l.) und Rakhat Omurbekovar beim Rückwärts-Fahren.

«In Kirgistan kann ich etwas für die Leute tun, ihnen etwas Sinnvolles beibringen. Wissen zu vermitteln, finde ich etwas sehr Schönes.» Und aufs Skifahren sind die Kirgisen ganz wild: «Sie lieben die Schnelligkeit, das Tempo, das Fahren.»

Seit Frühling 2014 ist die Primarlehrerin, die im Berner Jura aufgewachsen ist und seit fast 15 Jahren als Skilehrerin arbeitet, achtmal in das Land gereist. Sie hat Skiausrüstungen ins Land gebracht, in Karakol und Osh Probetrainings und Skikurse durchgeführt. Letztmals im November 2016. Mit dabei: sieben weitere Skilehrerinnen und Skilehrer aus Bündner Wintersportschulen.
Während zweier Wochen brachten sie insgesamt 43 Kirgisinnen und Kirgisen Skifahren, Langlaufen und Snowboarden bei. Ein voller Erfolg: «Die Kirgisen lernen schnell. Sie haben keine Angst, so fasziniert sind sie davon, auf den Brettern den Hang hinunterzusausen.»

Voll und ganz privat finanziert

Ohne das Material aus der Schweiz wäre dies alles nicht möglich gewesen. Im vorletzten Sommer hat Edda Hergarten die alte Ausrüstung der Skischule Bivio selbst nach Kirgistan geliefert und fuhr dafür sechs Wochen in einem Laster, Jahrgang 1994, ohne Klimaanlage durch die drückende Sommerhitze. «Nie wieder!», sagt sie und lacht. Zwar ist sie es gewohnt, auf Luxus zu verzichten, doch diese Fahrt war selbst ihr zu anstrengend.

Die zweite Sammlung – drei ­Tonnen ­Wintersportmaterial – wurde vergangenen Dezember nach langer Vorarbeit und intensiver Auseinandersetzung mit der Büro­kratie in Thusis GR von einem ­kirgisischen ­Lastwagen abgeholt. Die Kirgisen helfen selbst mit, dass das Projekt gelingt. Es wird voll und ganz privat finanziert. Hergarten und ihr Kernteam kümmern sich in ihrer Freizeit darum, Lohn gibt es keinen. Bündner Wintersportschulen unterstützen sie mit Personal und Material, und es gibt Geldspenden von Privaten.

Kritische Stimmen bleiben nicht aus. «Manche finden, das sei ein Luxusprojekt. Weil Skifahren ja Luxus ist. Aber: Die Infrastruktur ist da, Touristen ebenfalls. Bloss profitierten bisher nur diejenigen davon, die schon genug haben», sagt Hergarten. «Dank unserer Kurse haben Einheimische die Chance, im Winter Geld zu verdienen. Und sie können neue Wintersportarten wie etwa Schneeschuhlaufen oder Langlauf aufbauen.»

Mittlerweile kennt man die Skischullehrerin aus Bivio in ganz Kirgistan. Auch das kirgisische Fernsehen hat ihr Projekt schon besucht. Was aber nicht nur gut ist. «Ich habe ausgerechnet einem regierungskritischen Sender Auskunft gegeben.» Sie ärgert sich über sich selbst. «Das war nicht sehr geschickt. Sowas kann jemandem schnell in den falschen Hals geraten.»

Noch vier weitere Trainings sollen ­stattfinden, sagt Hergarten: «Danach sind genug Einheimische so weit, um von uns übernehmen zu können.»

Infos: www.wintersportprojekt.com

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Nicola Pitaro