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15. August 2016

Die Schweizer rüsten weiter auf

Die Schweiz gehört zu den Ländern mit den meisten Schusswaffen in Privatbesitz. Im letzten Jahr hat die Zahl der Gesuche für Waffenerwerbsscheine nochmals deutlich zugenommen. Ein Grund ist die Angst vor Terrorattacken.

Waffen
Mehr Schusswaffen führen in der Regel zu mehr Toten – in der Schweiz vor allem bei Beziehungsdramen und Suiziden.

Wie viele Schusswaffen in der Schweiz im Umlauf sind, weiss niemand so genau, denn registriert werden müssen sie erst seit 2008. Der Bundesrat ging 2015 in einer Schätzung von zwei Millionen aus. Die Nichtregierungsorganisation Small Arms Survey in Genf kam 2014 in einer Studie auf 3,4 Millionen. Das wäre die vierthöchste Waffendichte pro 100 Einwohner nach den USA, Serbien und Jemen.

2015 nun haben die kantonalen Polizeistellen eine deutliche Zunahme von Gesuchen für Waffenerwerbsscheine registriert, landesweit sind sie gegenüber 2014 um 17,2 Prozent gestiegen. Wer über 18 Jahre alt und Schweizer oder Ausländer mit C-Bewilligung ist sowie keine mehrmaligen Vorstrafen hat, kann ein solches Gesuch stellen (abgesehen von Bürgern einiger weniger Staaten).

Für die in diversen Medien zitierten Waffenhändler ist der Grund der Zunahme klar: Die Käufer kommen nicht zuletzt, «weil sie Angst vor Terrorattacken haben und sich schützen wollen», sagt Daniel Wyss aus Burgdorf BE im «Blick». Er ist Präsident des Schweizerischen Büchsenmacher- und Waffenfachhändlerverbands und hört Ähnliches auch von anderen Mitgliedern.

Kritiker wiederum verweisen auf Statistiken und betonen, dass mehr Schusswaffen im Land nicht zu mehr Sicherheit, sondern zu mehr Toten führen. Das gilt für die USA ebenso wie die Schweiz, die in einem OECD-Report aus dem Jahr 2013 bei der Zahl der Schusswaffen­­toten pro 100 000 Personen an vierter Stelle steht.

DAS EXPERTENINTERVIEW

Martin Boess (51) ist Leiter der Schweizerischen Kriminalprävention.
Martin Boess (51) ist Leiter der Schweizerischen Kriminalprävention.

«Jede Waffe, die im Umlauf ist, ist eine zuviel»

Martin Boess, wie schätzen Sie diese Zahlen steigender Waffenkäufe ein? Steht dahinter tatsächlich eine wachsende Angst vor Terror?

Es scheint eine plausible Erklärung zu sein; Büchsenmacher und einzelne Sicherheitsberater der Polizei hören solche Begründungen.

Was könnten weitere Gründe sein?

Die leichte Verfügbarkeit sowie neue Waffen, die Sportschützen und Waffenliebhaber gerne haben möchten. Aber damit lässt sich ein so starker Anstieg nicht erklären.

Die Schweiz hatte ja schon bisher vergleichsweise viele Waffen in privaten Händen. Woher kommt das?

Schweizer haben eine spezielle Beziehung zu ihren Waffen; das stammt aus der Zeit, wo noch jeder Mann im Militär war und alle ihre Waffen mit nach Hause nahmen und auch wussten, wie man mit ihnen umgeht. Insgesamt haben wir deshalb ähnlich viele Waffen bei Privaten wie in den USA oder in Südafrika, wo die Bevölkerung sehr stark bewaffnet ist. Aber es kommt zu vergleichsweise wenig Todesfällen durch sie. Wohl auch, weil ein Teil dieser Waffen seit Jahren kaum mehr funktionsfähig in irgendwelchen Kellern herumliegt.

Wobei die Schweiz verglichen mit anderen OECD-Staaten eine hohe Zahl an Schusswaffentoten hat.

Ein grosser Anteil davon dürften allerdings Suizide sein – die Schweiz ist weltweit einsame Spitze bei Selbsttötungen mit Schusswaffen. Eine weitere wichtige Kategorie sind Beziehungsdramen. Was in der Schweiz selten ist, sind Gewaltakte mit Schusswaffen, bei denen sich Täter und Opfer nicht kennen.

Machen mehr Menschen mit Waffen ein Land sicherer?

Ganz klar nicht. Jede Waffe, die im Umlauf ist, ist eine zuviel, das zeigt auch die Statistik der Schusswaffentoten. Wenn man sich aus Angst vor Räubern oder Terror bewaffnet, treibt das nur die Gewaltspirale an. Es gibt deshalb Polizeikorps, die Gesuche verweigern, wenn ein Antragsteller als Grund Unsicherheit angibt, weil es die Lage eher gefährlicher macht.

Eine Waffe zu haben, macht nicht sicherer. Gescheiter ist es, zum Telefon zu greifen und die Polizei zu alarmieren.

Viele glauben aber, mit einer Waffe seien sie sicherer.

Das ist ein Trugschluss. Es braucht enorm viel Übung, eine Waffe in einer Notsituation einzusetzen. Man muss sie blind und blitzschnell richtig verwenden, dazu muss sie nicht nur geladen und greifbar sein, sondern man muss die Situation trotz Panik richtig einschätzen. Das schaffen die wenigsten. Eine Waffe zu haben, macht nicht sicherer. Gescheiter ist es, zum Telefon zu greifen und die Polizei zu alarmieren.

Wieso ist das vielen so schwer zu vermitteln?

Die Mentalität, die dahinter steht, wird in den USA vorgelebt. Die Idee, sich aus der Distanz gegen eine Bedrohung wehren zu können, ist sehr verführerisch. Nur stimmt sie nicht.

Sind Ihnen Fälle bekannt, wo sich jemand so schützen konnte?

Persönlich nicht. In den Medien liest man es ab und zu, aber eher selten.

Wie stark bedroht der Terror die Menschen hier im Vergleich zu anderen Formen der Kriminalität?

Die potenzielle Bedrohung durch Terrorismus hat wohl zugenommen, aber steht in keinem Verhältnis zu anderen Gefahren: Häusliche Gewalt passiert tagtäglich und hat schwere Folgen; auch Einbrüche und Raub sind Alltag und können stark belasten.

Was raten Sie dem Einzelnen, um sich vor Gefahren zu schützen?

Der Terror löst auch deshalb Ängste aus, weil es kaum Wege gibt, sich davor zuverlässig zu schützen. Am besten lebt man weiter, wie wenn nichts wäre. Zur Prävention von Delikten wie häusliche Gewalt oder Einbrüche findet man auf unserer Website viele nützliche Tipps .

Martin Boess (51) ist Leiter der Schweizerischen Kriminalprävention.

Autor: Ralf Kaminski