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14. März 2016

Meisterschaft der Wortakrobatik

Ein Text, fünf Minuten Zeit: Beim Poetry Slam buhlen Poeten um die Gunst des Publikums. Fünf Nachwuchstalente verraten, wie sie am Finale der Schweizer Meisterschaften punkten wollen und slamen exklusiv fürs Migros-Magazin im Video.

Slam Poetry.
Bild: Pierre Lippuner

Poetry Slam hat die Lyrik in die Jugendkultur zurückgebracht. Slam kann sein wie Rap, der ohne Musik und Beats auskommt», sagt der 19-jährige Joël Perrin. «Die Sprache selbst ist zugleich Politik, Poesie, Musik und Beat.» Joël Perrin ist Slampoet respektive Poetry Slammer.

Wie Sarah Altenaichinger, Hannes Schraner, Mia Ackermann und Ladina Bösch steht er in der Kategorie U20 im Finale der Schweizer Poetry-Slam-Meisterschaften – im Wettkampf der Bühnendichter. Seit über 15 Jahren gibt es auch in der Schweiz eine Slamszene, und an Nachwuchs mangelt es ihr nicht.

Die Bühne dient den jungen Poeten nicht nur als Plattform zur Unterhaltung eines Publikums, sie ist auch ein Forum, in dem sie sich kritisch mit politischen Themen aus­einandersetzen und die eigene Generation unter die Lupe nehmen können – innerhalb eines Zeitlimits von nur wenigen Minuten.

Rassismus, Umweltschutz, Meinungsfreiheit, Rebellion oder Geschlechterrollen sind nur einige der Themen, über die die Nachwuchskünstler sich den Kopf zerbrechen – um dann «selbstbewusst auf der Bühne zu stehen und dem Publikum klarzumachen: Hier stehe ich nun und sage euch meine Meinung», wie der erst 15-jährige Hannes Schraner die Auftritte beschreibt.

Ihre Botschaften verpacken die Slampoeten nicht etwa in stumpfe Stammtischparolen, vielmehr vermitteln sie ihren Standpunkt mit sprachlicher Finesse und virtuoser Wort­akrobatik – und mit dem Herzen auf der Zunge.

Ladina Bösch (18), St. Gallen

«Schon als Kind habe ich Kurzgeschichten geschrieben. Das Schreiben hilft mir, Ordnung in meine manchmal übersprudelnde Gedankenwelt zu bringen. Zudem spiele ich gern Theater. Beim Poetry Slam kann ich die Ausdrucksformen gut verbinden. Oft verarbeite ich in den Texten Dinge, die mich gerade umtreiben oder auch nerven. Meine Texte sind meist nachdenklich; eher selten wage ich mich auch an humorvolle Themen. Ich halte es für eine hohe Kunst, geistreich und witzig zugleich zu schreiben.

Manchmal ist es für mich beängstigend, in einer Generation aufzuwachsen, die erkennt, dass vieles falsch läuft, und doch nicht weiss, was sie ändern soll. Das einzige System, das uns zurzeit zu einen scheint, ist das kapitalistische, kommer­zielle. Das stört mich – und die Slam-Bühne ist ein guter Ort, um dies auszudrücken.

Es wäre schön, wenn ich das Publikum mit meinen Texten zum Nachdenken bringen könnte. Gespannt bin ich jeweils auf das Feedback nach meinem Auftritt. Zum Glück ist die Energie bei den Poetry Slams meistens gut, und ich kann auch mit Ironie gefärbte Texte vor­tragen. Es gibt tolle Mundartwörter, die schon fast vergessen sind. ‹Chodder› ist so ein Wort. Das klingt schon so ‹gruusig›.»

Joël Perrin (19), Männedorf ZH

«Sprache ist ein wichtiges Thema: Mein Vater ist Sprachwissenschaftler, beide Eltern haben als Journalisten und Moderatoren gearbeitet. Zudem hatte ich am Gymnasium einen sehr guten Deutschlehrer, der mit uns einen Schul-Poetry-Slam durchführte – den ich gewann. Slamen kann poltern, kann laut sein, auch mal Schenkelklopfhumor – aber was mir daran so gefällt, ist die Tiefe, das Wechselspiel mit leisen Tönen.

‹Slam› für schlagen, ‹Poetry› für Dichtkunst: Ich kann den Menschen einen Gedankenanstoss geben. Meine Texte sind oft politisch, mal hinterfrage ich den Rassismus, mal die Meinungs- und Redefreiheit. Ein Text ist zum Beispiel im Nachhall des Arabischen Frühlings entstanden und soll daran erinnern, dass es nicht selbstverständlich ist, auf der Bühne Poesie vorzutragen.

Es fühlt sich einfach gut an, wenn ich in den Gesichtern der Leute lesen kann, dass meine Texte sie berühren. Seit ich mit 15 Jahren meinen ersten Text geschrieben habe, ist die Szene ständig gewachsen – und professioneller geworden, internationaler. Mittlerweile kann ich mir ein Leben ohne Poetry Slam nicht mehr vorstellen. Auch weil Kreativität ein guter Ausgleich zum Medizinstudium ist.»

Sarah Altenaichinger (19), Basel

«Mit 15 Jahren trat ich erstmals bei einem Poetry Slam auf. Es lief von Anfang an gut – 2012 wurde ich Vize-Schweizer-Meisterin. Damals profitierte ich wohl noch vom Anfängerbonus. Mittlerweile muss ich zusehen, dass ich nicht im Mittelfeld untergehe. Aber ich mache mir keinen Druck. Wichtig ist, dass ich meinen Auftritt, meinen Text und meinen Stil selber gut finde. Das gibt mir Selbstvertrauen, das ich auch ausserhalb der Bühne nutzen kann.

Hilfreich ist bestimmt, dass ich früher Theater gespielt habe und es gewohnt bin, auf der Bühne zu stehen. Zudem kenne ich meine Texte ziemlich gut und weiss, ob und wie sie beim Publikum ankommen.

Im Gegensatz zu anderen Slam-Poeten bin ich keine Rampensau, die selber völlig ausflippt. Das würde auch nicht zu mir und zum lyrischen und lautmalerischen Stil meiner Texte passen. Ich spiele mit der Sprache, und ich versuche, mit einfachen Geschichten Bilder in den Köpfen der Zuhörer entstehen zu lassen, an denen sie entlanggleiten, in die sie eintauchen können.

Ich werde vermutlich Germanistik und Psychologie studieren; definitiv entschieden habe ich mich noch nicht. So oder so werde ich aber weiterhin als Slam-Poetin auf­treten. Die Szene ist sehr familiär. Deshalb nennen wir uns auch ‹Slamily›.

Hannes Schraner (15), Wiedlisbach BE

«Als 15-Jähriger habe ich noch kein Stimmrecht, was ich sehr doof finde. Poetry Slam ist eine gute Möglichkeit, politisch Stellung zu beziehen. Der derzeit vorherrschende Rassismus etwa macht mir zu schaffen. Oder ich thematisiere, wie die Gesellschaft mit den Geschlechterrollen umgeht: Ich habe lange Haare und werde manchmal für eine Frau gehalten, was ich sehr lustig finde.

Humor ist ein wichtiger Bestandteil meines Auftritts. Ich kann mich hinter dem Humor immer etwas verstecken. Zugleich glaube ich, dass ich die Leute mit dieser Form gut erreiche. Wenn jemand über meine Pointen lachen kann, obwohl er eigentlich eine andere Meinung vertritt, ist schon ein grosser Schritt getan – er überdenkt dann womöglich seine eigene Position. Präzises Vortragen ist dabei extrem wichtig. Die ­Betonung muss stimmen, sodass die Pointe nicht einfach überlesen wird. Und: Man darf sich nicht hinter dem Mikrofon verstecken.»

Mia Ackermann (16), St. Gallen

«Ich bin ein sehr politischer Mensch und deshalb auch bei den Jungsozialisten. In meinen Poetry-Slam-Texten verarbeite ich Themen, die mich und meine Generation betreffen – zurzeit etwa die Legalisierung von Cannabis oder Umweltschutz. Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, dass es toll wäre, eine Revolution anzuzetteln. Aber keiner scheint gross Lust darauf zu haben. Wir reden immer davon, alles verändern zu wollen, aber letztlich sitzen wir faul und lustlos rum.

Auch ich brauche manchmal etwas Druck: Viele meiner Texte entstehen in einer Nachtschicht ein bis drei Tage vor dem Slam. Meist sind es Wortspiele und Reime zu ernsten ­Themen; auf der lustigen Schiene fahre ich selten. Ich bin ein Mittelpunktsmensch, der jeden Moment auf der Bühne geniesst. Am liebsten würde ich nach dem Auftritt ­jeweils noch länger stehen bleiben. Ich finde es faszinierend zu beobachten, welche Emotionen die Texte beim Publikum wecken.»

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Basil Stücheli

Video: Basil Stücheli