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19. Januar 2015

Schweizer Macherin: Marlies Kornfeld

Sie sind mehr als nur edle Spenderinnen: Die Mäzeninnen von heute treiben ihre Projekte mit persönlichem Einsatz voran. Wie die Berner Kunstsammlerin Marlies Kornfeld. Sie hat ein Hilfswerk ins Leben gerufen und in Nepal eine Schule mit Wohnheim aufgebaut. Weitere Kurzporträts finden Sie unter «Schweizer Mäzeninnen – Bewegte Frauen» (rechts) – kennen Sie weitere Beispiele? Verraten sie sie in einem Kommentar.

Marlies Kornfeld unter nepalesischen Schulkindern
Ein Herz für nepalesische Schulkinder: Marlies Kornfeld. (Bild: Eleanor Bentall)

Ein roter Stuhl steht im Lift, an den Wänden hängen farbige Handabdrucke und ein gemalter Pferdekopf. «Hier waren meine Enkel am Werk», schmunzelt Marlies Kornfeld (75). Ihr helles modernes Haus am Egelsee in Bern mutet an wie eine bewohnte Galerie: Bilder und Skulpturen auf Schritt und Tritt, sorgfältig arrangiert. In einem Stuhl sitzt «Caroline», eine lebensgrosse Figur der Schweizer Künstlerin Eva Aeppli. Marlies Kornfeld drapiert die Puppe liebevoll neu. «Als ich sie vor Jahren in Zürich gekauft habe, schnallte ich sie auf dem Beifahrersitz an und fuhr so mit ihr nach Bern. Schade eigentlich, dass ich nicht in eine Verkehrskontrolle geraten bin.»

Eine Prise Verrücktheit hat sich die kultivierte Bernerin bewahrt. Ebenso ihren «Sturkopf», ihre direkte Art, ihre Entscheidungsfreude. Die Liebe zur Kunst begleitet sie seit ihrer Kindheit, schon der Vater war ein begeisterter Kunstsammler. Hegte er Zweifel, ob er ein Bild kaufen sollte oder nicht, lud er einen Kunsthistoriker zum Abendessen ins stattliche Landgut in Bolligen BE ein.

Marlies Kornfeld in ihrer bewohnten Galerie in Bern
Marlies Kornfeld in ihrer bewohnten Galerie in Bern. (Bild: Marco Zanoni)

«Das waren Sternstunden», erinnert sich Marlies Kornfeld. Zum Studium der Kunstgeschichte ist es da nur ein kleiner Schritt. Später wechselt sie an die Handelsschule, lernt Steno in drei Sprachen, besteht das Englisch-Zertifikat Proficiency. Dann kommt eine neue Liebe: der international bekannte Galerist und Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld (heute 92). Die beiden heiraten, bekommen drei Kinder, gehen bei namhaften Künstlern ein und aus. Bei Small Talks mit Cüpli verschwindet sie schnell – viel lieber ist ihr der Austausch mit jungen Künstlern, die sie noch immer gern unterstützt. 1993 trennt sich das Paar.

Das Bild, das ihr Leben verändert hatte, entstand in ihrem Kopf

Heute hat Marlies Kornfeld vier Enkel und viele Kunstwerke, dabei sammelt sie eher nebenbei. Doch das Bild, das ihr Leben verändert hat, hängt an keiner Wand. Es entsteht 1981 im Kopf, als sie mit einer Freundin nach Indien ins Tibetan Children's Village reist und dort die Not der tibetischen Flüchtlingskinder sieht. «Man muss etwas machen», denkt sie – und macht.
Sie aktiviert ihr Netzwerk, gründet mit vier Frauen und zwei Männern den Verein Tibetfreunde, übernimmt das Präsidium, organisiert Patenschaften, sammelt Geld, spendet selber. Immer wieder fliegt sie nach Indien, schläft gelegentlich auf dem nackten Holzboden, bei 35 Grad, die Moskitos schwirren ihr um die Ohren. «Ich bin da reingeschlittert, es war ein einziges Learning by doing», schaut sie zurück.

1995 ist sie in Nepal unterwegs, im ersten Durchgangsland für tibetische Flüchtlinge. Und merkt: Hier herrscht eine noch grössere Not. Ein zweites Bild prägt sich ihr ein: bildhübsche, ernste Kinder, die geduldig in einer endlosen Schlange stehen. «Sie warten auf einen Schulplatz», wird ihr beschieden. Da kauft sie ein grosses Stück Land an bester Lage oberhalb von Nepals Hauptstadt Kathmandu und lässt eine Schule mit Wohnheim bauen: Das Bright Horizon Children's Home garantiert 180 nepalesischen Mädchen und Buben zwischen fünf und 18 Jahren aus ärmsten Verhältnissen sowie 70 externen Schülern aus dem Dorf ein sicheres Zuhause und eine solide Schulbildung.

Etwas bewegen zu können, macht mich glücklich.

Sie, die Ästhetin, sorgt persönlichdafür, dass es ein schönes Gebäude wird. «Wieso brauchen arme Kinder ein schönes Haus?», fragen die Landesminister prompt. «Wieso sollen arme Kinder kein schönes Haus brauchen?», fragt Kornfeld zurück. Jahr für Jahr reist sie nach Nepal, ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Und in Bern sucht sie unermüdlich Paten, die das Schulgeld für ein Kind übernehmen.

Warum tut sie das? Was bringt es ihr? Sie lacht. «In erster Linie viel Arbeit.» Es sei vergleichbar mit dem Muttersein: «Man kümmert sich einfach, wenn es nötig ist», sagt sie, die ab dem vierten Lebensjahr ohne Mutter aufgewachsen ist und das Gefühl des Umsorgtwerdens nur von der Grossmutter kennt. Zu sehen, wie diese Kinder sich entwickeln, wie sie eine Perspektive erhalten, «macht mich glücklich. Etwas bewegen zu können, bereitet mir eine physische Freude. Ich weiss, dass ich da privilegiert bin.» Damit spielt sie auf das Geld ihres Vaters an, das sie in den Bau von Children's Home gesteckt hat. Marlies Kornfeld ist eine moderne Mäzenin, wobei sie sich selbst nie so nennen würde. «Ich habe einfach immer gemacht.»

Weibliches Mäzenatentum hat eine lange Tradition

Kein Widerspruch für Elisa Bortoluzzi Dubach (56). Die Co-Autorin hat für ihr Buch «Mäzeninnen: Denken − Handeln − Bewegen» Marlies Kornfeld und 19 weitere Mäzeninnen porträtiert (siehe Seite 15). «Heutige Mäzeninnen sind Macherinnen», sagt sie. «Bei den Recherchen sind wir auf Frauen gestossen, die Projekte im sozialen Bereich mit persönlichem Einsatz voranbringen.»
Hierzulande haben Mäzeninnen eine lange Tradition: Ohne Anna Seiler, die 1354 ihre Stiftung lancierte, wäre zum Beispiel die Universitätsklinik am Berner Inselspital nicht entstanden. Und Anna Seiler hat immer mehr Nachahmerinnen: Im letzten Jahrzehnt wurden 43   Prozent aller Stiftungen in der Schweiz von Frauen gegründet. Für Elisa Bortoluzzi Dubach steht das Mäzenatentum heute an der Schwelle einer neuen Zeit, in der Frauen und Männer gemeinsam grosse Projekte realisieren – wie Bill und Melinda Gates.

Auch für Marlies Kornfeld könnte eine neue Zeit anbrechen. Sie denkt öfter darüber nach, ihre Aufgabe weiterzugeben. «Ich bin nicht mehr die Jüngste», bemerkt sie und sieht dabei mit ihren bald 75 Jahren unverschämt jung und sportlich aus.
Gut möglich, dass sie als grosszügiges «Nani» bereits ihre Grosskinder inspiriert hat. Denn als sie dem ältesten Enkel vor drei Jahren «einen rechten Batzen» schenkte, überwies dieser die Hälfte an ein Hilfswerk. «Das hat mich so berührt.»

www.bright-horizon.ch

DAS BUCH
Elisa Bortoluzzi Dubach, Hansrudolf Frey: «Mäzeninnen: Denken ‒ Handeln ‒ ­Bewegen», Haupt Verlag, bei Ex Libris für Fr. 39.20

Autor: Franziska Hidber