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06. März 2017

Gestrandet im Seemannsheim

Über ein halbes Jahrhundert lang fuhr der Schweizer Kapitän Jürg Niklaus zur See. Dann wollte er in die Heimat zurück. Doch die Seefahrerei liess ihn einfach nicht los: Heute lebt er am Hamburger Hafen.

Jürg Niklaus im Seemannsheims Krayenkamp
«An Land ist man plötzlich mit so vielem konfrontiert»: Jürg Niklaus im Aufenthaltsraum des Hamburger Seemannsheims Krayenkamp.

Vor ein paar Monaten wollte er einen Schnitt machen. Über 50 Jahre seines Lebens hatte Jürg Niklaus, Kapitän a. D., auf den Weltmeeren verbracht: mit Holz, Eisen und Milchpulver vollbeladene Frachter durch Stürme navigiert, bestechliche Zöllner beschwichtigt, Kenterwinkel berechnet und die Besatzung bei Laune gehalten. Seine Heimat, das Seeland, schien Lichtjahre entfernt, eine Welt mit anderen Regeln und Gepflogenheiten.

Als Reedereien den heute 72-Jährigen nur noch fürs Mittelmeer anheuern wollten, beschloss er, in die Schweiz zurückzukehren. In Basel-Kleinhüningen mietete er eine Dreizimmerwohnung, mit dem Hafen direkt vor der Tür. «Dort fahren zwar nur Rheinschiffe, aber immerhin», ermutigte er sich.

20 Quadratmeter plus Gemeinschaftsküche

«Gefixt» hat er es dann trotzdem nicht. Fixen – das englische Wort stammt aus der Seefahrt und meint wörtlich «etwas befestigen», etwa ein Tau, das sich gelöst hat. Ein Fixmann ist ein guter Seemann – wie Niklaus, der das Wort oft benutzt. Mit dem Auto machte er sich damals von Hamburg auf den Weg nach Basel. Doch in Mannheim bekam er kalte Füsse. «Eigentlich war es ja perfekt. Aber drei leere Zimmer: Womit sollte ich die füllen? So viel Platz hatte ich noch nie. Das war beeindruckend. Und gleichzeitig beängstigend.»

Seit August 2016 bewohnt Jürg Niklaus 20 spartanische Quadratmeter plus Gemeinschaftsküche im Hamburger Seemannsheim Krayenkamp. Das unscheinbare Backsteingebäude direkt neben dem Michel, dem Wahrzeichen der Stadt, bietet 83 Zimmer für Seeleute. Rund 300 Euro zahlen sie pro Monat, während sie auf die nächste Heuer warten. Ausserdem gibt es 25 Dauerbewohner, «Gestrandete», wie Niklaus sie nennt: Seeleute im Pensionsalter, die auf die Rente warten oder sich nichts anderes leisten können. Niklaus kann, will sich aber nichts anderes leisten: Das Asketische passt zu ihm. Am wichtigsten ist der nur einen Steinwurf entfernte Containerhafen. «Fernweh lässt sich nicht abstellen», sagt er.

Für den Bauernsohn aus der Gemeinde Müntschemier BE spielte Wasser von klein auf eine grosse Rolle. Sein Vater war von den Seefahrerabenteuern des britischen Schriftstellers C. S. Forester fasziniert und steckte den Sohn damit an. Schon als 16-Jähriger heuerte Niklaus als Messejunge auf dem Rhein an, um bald darauf zu internationalen Reedereien zu wechseln. Die weite Welt lockte. Er arbeitete sich zum Leichtmatrosen hoch, erwarb den Matrosenbrief, wurde dritter, zweiter, erster Offizier und schliesslich Kapitän. Immer auf Frachtern, 9 bis 18 Monate lang, dazwischen wenige Wochen zu Hause. «Man bleibt sehr lange fort», sagt er. «In dieser Zeit kommt manchmal ein Kind zur Welt.»

Die Sehnsucht nach dem Seemannsleben

Wie vermittelt man Daheimgebliebenen, was man auf hoher See erlebt? Das Gefühl, in der Strasse von Malakka zwischen Malaysia und Sumatra über Bord zu gehen und 30 Minuten lang um sein Leben zu schwimmen? Westafrika anzusteuern, von wo der Wind noch auf See Sand an Bord treibt? Oder in Shanghai von Bord zu gehen und nach wochenlanger Alkohol­abstinenz die turbulente Fahrt mit Brandy zu begiessen – wie damals, 1965?

Heute kann man dank moderner Medien mit der Familie einigermassen Kontakt halten. Aber früher, als Niklaus noch den sporadischen Funkkontakt für die Besatzung organisierte, wurde er oft Zeuge trauriger Dialoge: «Menschen, die aneinander vorbeiredeten. Er erzählte von Stürmen auf hoher See, sie vom kaputten Kühlschrank.» Auch Niklaus versuchte, bürgerlich zu leben. Er heiratete, arbeitete in Bern, eine Tochter kam zur Welt. Doch nach zwei Jahren war die Ehe am Ende und Niklaus’ Sehnsucht nach dem Seemannsleben gross. Er heuerte wieder an.

Gleiche Disziplin, andere Gedanken

Seither hat sich in der Seefahrt viel verändert: Besatzungen sind deutlich kleiner, Reedereien sparen an Personal, Jobs werden von Maschinen erledigt. Und Seeleute heuern meist nicht mehr wegen des Fernwehs an, sondern um ihre Familien zu ernähren.

Jürg Niklaus bewältigt seinen Alltag mit der gleichen Disziplin, mit der er früher tonnenschwere Frachter navigierte: Er nimmt um acht Uhr die Fähre nach Finkenwerder, mit Blick auf Containerschiffe und Werften, und läuft anschliessend die grünen Villenhügel von Blankenese hoch, um fit zu bleiben. Ein paar Bücher sind stets dabei: Mathematik, Sprachen. «Man muss sich ja weiterbilden.» Er hat angefangen, Schwedisch zu lernen, seine sechste Sprache. Sie liegt ihm zwar nicht, aber aus Disziplin bleibt er dran.

Gibt es Vorteile an Land? Der Kapitän a. D.überlegt lange. «Vielleicht mehr Kon­takt mit Menschen.» Seine Tochter, die am ­Thunersee lebt, sieht er nun häufiger. «Auf See macht man sich keine Gedanken übers Alter», sagt er. «An Land ist man plötzlich mit so vielem konfrontiert.»
Wichtig ist ihm: «Ich will alles noch selbst fixen.» Als er kürzlich wieder in Basel war, wurde ihm klar: «Ich bin da irgendwie daheim. Mein Grab muss dort sein.» Deshalb will er den Umzug noch mal versuchen. Ein guter Seemann gibt nicht auf. 

Autor: Kristina Reiss

Fotograf: Christian Kerber