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25. August 2014

Schweizer Jungdesinger im Vormarsch

Die Schweiz produzierte Mitte des letzten Jahrhunderts Kleider für ganz Europa. Dann verlor die Branche ihre internationale Ausstrahlung. Nun ist sie zurück: Schweizer Jungdesigner können sich auf dem globalen Laufsteg sehen lassen. Das Porträt von Mode-Suisse-Gründer Yannick Aellen lesen Sie im Artikel rechts.

Julian Zigerli in seinem Atelier
Julian Zigerli gehört zu den aufstrebenden Schweizer Jungdesignern.

Die Schweiz war einmal wichtig im globalen Modegeschäft. Hunderte von Einkäufern kamen Anfang der 50er-Jahre zwei Mal jährlich aus der ganzen Welt nach Zürich an die Schweizer Modewoche. Sie wollten all diese mondänen Kleider haben, die inspiriert waren von Stars wie Christian Dior und dem jungen Yves Saint Laurent, aber alltagstauglich gemacht wurden. Die Röcke reichten bis knapp übers Knie, die Ausschnitte waren züchtig. Kleider, mit denen man das kriegsversehrte Europa wieder aufbauen konnte und die gleichzeitig dem neuen noch bescheidenen Wohlstand Ausdruck verliehen.

Die Schweiz war damals der Ort, wo in unzähligen Hinterhöfen vor allem in Zürich Prêt-à-porter entstand, tragbare Mode. Das meiste wurde fürs Ausland produziert. Die Damenkonfektionsindustrie exportierte 1953 Waren im Wert von 16 Millionen Franken, Textilien waren das viertwichtigste Exportgut. Gegen 80 000 Personen arbeiteten in der Textil- und Bekleidungsindustrie. Heute ist es noch ein Bruchteil davon.

Jungdesigner wollen der Welt gefallen – nicht nur der Schweiz

Ab Ende der 50er-Jahre wurden in Paris erste Prêt-à-porter-Kollektionen gezeigt. Und damit begann auch der langsame Abstieg der Schweiz als Modedestination. Während die Leute sich vorher mit den «neusten Schnitten aus Paris» zufriedengaben, wollten sie ab Mitte der 60er-Jahre die Originale der Stars. Die Schweizer Modemacher standen zwar für solides Handwerk und günstige Preise, hatten aber keinen Namen.

Was die Häuser hierzulande konnten, war Kopieren. Designer, die entwerfen wollten, wanderten aus. Und letztlich hatten die Länder in Europa ihre Industrien inzwischen wieder aufgebaut und konnten wieder selber produzieren. Ein Schweizer Modehaus nach dem andern machte dicht. Auch viele Textilfirmen rentierten nicht mehr. Und bald fragte niemand mehr nach Mode à la parisienne, hergestellt in der Schweiz.

Seither gab es immer wieder Versuche, die Jungen zu fördern. An der Gwand in Luzern und der Stella-Fashion-Night in Zürich, den Vorgängerveranstaltungen der heutigen Mercedes-Benz Fashion Days, wurde bis 2011 der Swiss Textiles Award vergeben. Heute wäre es vermutlich einfacher, genügend gute Schweizer Designer für den Preis zu finden, sagt Yannick Aellen (37, siehe Poträt in der rechten Spalte). Er war Mitorganisator der Gwand, heute arbeitet er als Modeschauproduzent und betreut die Plattform Mode Suisse, die er 2010 initiiert hat und seit 2012 von Engagement Migros unterstützt wird.

Dozenten mit internationaler Ausstrahlung

Aellen stellt fest, dass Schweizer Jungdesigner in den letzten Jahren rasant aufgeholt haben und teils durchaus mit der ausländischen Konkurrenz mithalten können. Das führt er unter anderem auf Entscheide der Modehochschulen in Basel und Genf zurück, vermehrt Dozenten mit internationaler Ausstrahlung einzustellen. «Viele Labels in der Schweiz haben heute verstanden, wie der internationale Modemarkt funktioniert», sagt Aellen, der sein Handwerk zum grossen Teil in London und Paris erlernt hat. Die Gunst der Stunde will er nutzen und die Schweizer Mode weiter fördern.

Nun weht ein globaler Wind durch die Ateliers der Designer. Aus dem aufstrebenden Schweizer Markt heraus erobern sie die internationalen Laufstege. Die Welt ist ihr Massstab, das Internet ihre Verbindung und die internationalen Messen ihre Plattform. Es gäbe sicher ein Dutzend vielversprechender Labels zu porträtieren. Wir haben uns für vier entschieden, von denen man hoffentlich noch viel hören wird.

Unverwüstlich Erhabenes

Sandro Marzo designt Kleider aus Naturtextilien, die nicht nur bedecken, sondern auch schützen sollen.
Sandro Marzo designt Kleider aus Naturtextilien, die nicht nur bedecken, sondern auch schützen sollen.

Name: Sandro Marzo

Label: sandro marzo, seit 2012

Alter: 28

Ausbildung: Bachelor Modedesign Basel

Verkauf: Schweiz, Italien, über den Onlinestore weltweit

Stoffe: Italien, Japan, Schweiz

Kosten: Hose 300 Franken, Pullover ca. 450 Franken.

Sandro Marzo hat sich nach Abschluss seines Studiums genau überlegt, wo er sich als Designer positionieren will. Er recherchierte, schaute sich Dutzende Labels an und glaubt nun, eine Nische gefunden zu haben: da, wo das Erhabene auf Luxus trifft. Marzo will nichts designen, was in einem halben Jahr niemand mehr tragen will. Für die schnelllebige Mode hat er nichts übrig. Jungdesigner, sagt er, «müssen ein Zeichen setzen, sodass sich die Industrie ändert». Und so ein Zeichen setzt er.

Wärme und Schutz:Sandro Marzo designt Kleider aus Naturtextilien: Leine, Wolle, Leder. Beim Designen denkt der Basler daran, wie die Materialien am besten zur Geltung kommen. Seine Schnitte sind eigenwillig, haben fast schon etwas Sakrales. Die Kleider, so der Eindruck, sollen nicht nur bedecken, sondern auch schützen.

Die Stoffe, aus denen Sandro Marzo seine Kollektionen fertigt, kommen aus Fabriken mit langen Traditionen. Kaschmir, Leine, Baumwolle, alles von der besten Sorte. Denn seine Kleider sollen halten, «am liebsten jahrelang». Er hat Familienbetriebe aufgestöbert, hat sich bis in die Chefbüros raufgeredet und gebeten, mit ihm zusammenzuarbeiten. Sie könnten ja nicht wissen, ob nicht der Christian Dior der Zukunft vor ihnen stehe. Damit konnte er sie alle überzeugen. Eigene Wege geht Marzo auch bei der Finanzierung: Das Geld für die Sommerkollektion 2015 organisierte er sich über eine Crowdfunding-Plattform.

Marzo denkt während des Entwerfens oft daran, wie er diese Materialien, von der Geschichte und der Qualität erhaben, am besten präsentiert. Er gibt ihnen Raum bei seinen sakralen, fast mystischen Outfits: lange Hemden, wie Muslime sie tragen, weite Hosen, Sakkos mit Stehkragen.

Die Proportionen sind eigenwillig und auch uneindeutig. Frauen können genauso Sandro Marzo tragen wie Männer. Der Designer will gesellschaftliche Codes infrage stellen. Sein Unternehmen wirkt fast wie eine Mission, die er um den Erdball verbreiten will.

www.sandromarzo.com

Urban Feminines

Stefanie Biggel designt bürotaugliche Kleider für die Frau.
Stefanie Biggel designt bürotaugliche Kleider für die Frau.

Name: Stefanie Biggel

Label: Stefanie Biggel, seit 2012

Alter: 30

Ausbildung: Bachelor Modedesign Basel

Stoffe: Schweiz, Grossbritannien, Italien

Produktion: Bulgarien

Verkauf: Europa, Katar, Malaysia

Kosten: Jupe ca. 450 Franken, Mantel 1000 Franken

Für Stefanie Biggel sind Kleider etwas Emotionales. «Kleider», sagt sie, «verschaffen einem einen Auftritt.» Und deshalb überlege man sich gut, was man anziehe. Sie selber trägt oft dasselbe: schwarze Hosen, dunkles Oberteil. Und immer wieder etwas von sich selber. Der Auftritt in den Prototypen, die sie für ihre Kollektionen näht, ist jedenfalls so gut, dass immer wieder Leute sie fragen, wo man die Sachen kaufen könne. Das zeigt Stefanie Biggel, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen hat.

Mit Stefanie Biggel ist man angezogen. Die Schnitte sind grafisch, ohne dass das Feminine dabei vergessen geht. Stefanie Biggel entwirft für die urbane Frau, für Frauen also, wie sie selber sagt, die am Tag mehr als eine Emotion durchleben: am Morgen beim Kaffee die Freundin trösten, am Mittag die Lohnverhandlung und am Abend sehen und gesehen werden an der Vernissage. Die klaren, minimalistischen Schnitte sind ein Ruhepol in einem hektischen Leben.

Anzug für die Frau:Stefanie Biggels Kleider sind bürotauglich, die Schnitte grafisch. Biggel reiht sich in die Reihe von Designern ein, die für die Frau zu schaffen sucht, was es für Männer schon gibt: den Anzug – ein Äquivalent also, das für jede Gelegenheit passt, bei dem die Individualität aber nicht verloren geht.

Als Biggel angefangen hat mit ihrem eigenen Label, hat sie einfach «ihr Ding durchgezogen», nicht daran gedacht, wem das gefallen könnte. Und nun ist sie so etwas wie der Archetyp der neuen Schweizer Designergeneration, deren Websites auf Englisch sind (und oft nur auf Englisch), und die von Anfang an nicht den Schweizer, sondern den globalen Markt anstreben.

So konnte man Teile von Biggels diesjähriger Sommerkollektion auch in Katar und Kuala Lumpur kaufen. Die asiatischen Einkäufer haben Stefanie Biggel an der Modemesse in Paris entdeckt und gleich bestellt. Im Herbst zieht Stefanie Biggel nach London, näher zu den Kunden und näher an den Puls der Mode.

www.stefaniebiggel.com

Erfrischend Freches

Julian Zigerli in seinem Atelier.
Julian Zigerli in seinem Atelier.

Name: Julian Zigerli

Label: Julian Zigerli, seit 2011

Alter: 30

Schule: Studiengang Mode an der Universität der Künste Berlin

Produktion: Bulgarien, Ungarn und Belgien

Verkauf: Europa, China, USA, Australien und Japan.

Preise: Hose ca. 180 Franken, Jacke ca. 400 Franken

Zigerli kreiert mit seinen Kollektionen nicht nur Kleider, sondern Welten. Stoff, Schnitte, die Show und der Film, der zu jeder Kollektion entsteht – durch alles zieht sich eine Linie. Und dass da etwas stimmig daherkommt, hat auch Giorgio Armani erkannt. Er hat Zigerli im Rahmen seines Förderprogramms diesen Januar eingeladen, seine Kollektion an der Männermodewoche zu präsentieren.

Eine Soloshow in Mailand, das hatte noch kein Schweizer Herrendesigner. Fünf Monate später, im Juli, stellte Zigerli ohne Armanis Hilfe eine Show in Mailand auf die Beine. Und kurz darauf eröffnete er die Fashion Week in Berlin.

Kleider mit ZusatznutzenWas der Zürcher kreiert, ist praktisch. Er verwendet unter anderem Sporttextilien, die schlicht daherkommen, aber immer auch ein gewisses Extra haben. Mit seinem Jackenrucksack ist er bereits in der Modeschule aufgefallen. So etwas hatte noch nie jemand designt.

Ein Beispiel einer seiner Welten ist die letztjährige Sommerkollektion. Sie hiess «My Daddy Was a Military Pilot». Das war Zigerlis Vater tatsächlich. Zigerli hat der Fliegerwelt die Overalls und die Strenge der Militäruniformen abgeschaut und diese in zeitgemässe und tragbare Mode umgesetzt. Und auch seine Jacke mit integriertem Rucksack passte da bestens rein und wirkte wie die Fallschirme am Rücken der Piloten. 2009 hatte Zigerli den Jackenrucksack für seine Abschlusskollektion entworfen.

Für die diesjährige Sommerkollektion konnte Julian Zigerli die deutsche Airbrush-Künstlerin Katharina Grosse als Stoffdesignerin für sich gewinnen. Eigentlich eine Nummer zu gross für Zigerli, der sich aber nicht scheute, «sie einfach zu fragen». So ist er: ein wenig frech, dazu ein guter Vermittler. So gelingt ihm, was essenziell ist für seinen Erfolg: Zusammenarbeit.

www.julianzigerli.com

Apart Zartes

Evelyn Huber und Ramona Keller.
Evelyn Huber und Ramona Keller.

Namen: Evelyn Huber, Ramona Keller

Label: Lyn Lingerie, seit 2010

Alter: 29 (Evelyn), 31 (Ramona)

Ausbildung: Schneiderlehre, Modedesign Textilfachschule Zürich (Evelyn); Buchhändlerin, Modedesignschule Zürich (Ramona)

Stoffe & Zutaten: Schweiz

Verkauf: Schweiz

Kosten: BH ca. 250 Franken, Slip 150 Franken.

Einen BH herstellen, das kann man nicht lernen. Das ist Tüftelei. Ausprobieren, anprobieren, anpassen. Nach vier Jahren haben Ramona Keller und Evelyn Huber den Dreh raus. Letzten Herbst ist ihr neustes Modell in ihren Laden im Zürcher Kreis 4 gekommen: BHs, bei denen man nicht nur die Träger verstellen kann, sondern auch Riemchen, um den Brustumfang anzupassen. Denn «nichts ist schlimmer, als Unterwäsche, die nicht sitzt», sagt Ramona Keller, welche die Schnitte erarbeitet. Evelyn Huber kümmert sich um die Verarbeitungstechnik, schaut, wo Tüll und Spitze nicht nur schön wirken, sondern auch nützlich sind. Doch so strikt ist ihre Arbeitsteilung nicht, das meiste machen sie sowieso gemeinsam.

Spitze aus der SchweizDie Unterwäsche von Lyn Lingerie ist nicht nur made in Switzerland, viele Zutaten kommen auch aus der Schweiz. Oberste Maxime ist nicht Sexiness, sondern dass die Modelle bequem sind.

Evelyn Huber hat schon für ihre Abschlussarbeit Korsetts genäht. Ihre Stücke waren damals noch romantischer. Lyn Lingerie ist nun schlichter. Die Designerinnen denken beim Entwerfen an die Frauen. Gut fühlen sollen sie sich in der Wäsche, verführerisch und schön. Und nur, was sie selber getestet haben, entwickeln sie weiter. In Evelyn Hubers Schneideratelier machte Ramona Keller 2007 einen Nähkurs. Die beiden freundeten sich an und merkten, dass sie sich ideal ergänzen.

Alles, was Keller und Huber verkaufen, stellen sie in Handarbeit her. Bisher blieb Lyn Lingerie klein, ganz bewusst. Doch mit der Fertigkeit ist auch das Selbstbewusstsein gewachsen. Die Designerinnen treffen vermehrt Einkäufer. Und die Kombination aus Handwerk, Komfort und Schweizer Spitze könnte selbst im Ausland ankommen.

www.lynlingerie.ch

Autor: Erika Burri

Fotograf: Sara Merz