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16. November 2015

Schweizer sind in Englisch schlechter als Rumänen

Unser Land hinkt bei den Englischkenntnissen der Spitze hinterher. Das Ergebnis eines Tests in 70 Ländern beunruhigt Experten nicht. Die Bildungswissenschaftlerin Annelies Kreis findet, wir seien auf gutem Weg.

Primarschüler an der Wandtafel
Englischunterricht beginnt in der Schweiz bereits auf der Primarstufe (Bild: Sophie Stieger)

Es ist ein bisschen wie bei den Pisa-Studien, nämlich ein kleiner Schock: Wir Schweizer sind gar nicht so gut, wie wir meinen. Diesmal geht es um die Englischkenntnisse. In einem internationalen Ranking des Bildungsunternehmens Education First (EF) erreicht die Schweiz Platz 19 von 70. Vor uns liegen Länder wie Slowenien, Rumänien und Tschechien. An der Spitze sind die Skandinavier – wie in den Pisa-Erhebungen. Frauen schneiden generell besser ab als Männer, und ein höherer Lebensstandard geht mit besseren Englischkenntnissen einher. Die Bildungswissenschaftlerin Annelies Kreis (Interview unten) erklärt: «Wer generell gut ausgebildet ist, hat in der Regel auch solide Englischkenntnisse und somit eine grössere Auswahl an Jobs.»

Der Englischunterricht wird in der Schweiz stets weiterentwickelt. Inzwischen haben fast alle Primarschüler Englischlektionen. Die Erziehungsdirektoren diskutieren nun, wann der richtige Zeitpunkt ist, um mit dem Unterricht zu starten. In einigen Kantonen lernen die Schüler die Fremdsprache ab der 3,, in anderen ab
der 5. Klasse. Am Ende der obligatorischen Schulzeit sollten alle vergleichbare Kenntnisse erreicht haben. Ob das gelingt, ist offen. Klar ist: Primarschullehrer der unteren Stufen müssen für Fremdsprachenunterricht ausgebildet, die richtigen Lehrmittel für das jeweilige Einstiegsalter gefunden werden. Letzteres gilt auch für die Mittel- und Berufsschulen.

Annelies Kreis (49)
Annelies Kreis (49) ist Bildungswissenschafterin an der Universität Zürich

«Englischsprachige Filme schauen würde helfen»

Annelies Kreis (49), Bildungswissenschafterin an der Universität Zürich, zum Englischniveau in der Schweiz.

Annelies Kreis, eine internationale Rangliste eines Bildungsinstituts hat gezeigt, dass die Englischkenntnisse der Schweizer ausbaufähig sind. Wir landeten auf dem 19. von 70 Plätzen. Erstaunt Sie das?
Das Ranking ist mit Vorsicht zu geniessen, denn es basiert auf dem 15-minütigen Online-Test eines privaten Anbieters von Englischkursen. Diesen absolvieren in erster Linie Menschen, die Englisch lernen wollen und nicht unbedingt jene, die es schon sehr gut können. Der 19. Platz ist okay, wir befinden uns damit in der Kategorie «gut», das ist die zweitbeste Gruppe, und diesen Platz hätte ich in etwa erwartet. Beunruhigend ist das Ergebnis nicht.

Auch nicht die Tatsache, dass Deutsche und die Österreicher besser abschneiden als wir?
Wir können etwa gleich gut Englisch, oder gleich schlecht – wie mans nimmt. Diese drei Länder sind in der gleichen Gruppe gelandet, da sind die Unterschiede marginal. Ausserdem begann bis vor Kurzem in Deutschland der Englischunterricht früher als bei uns. Das Ranking basiert aber auf Tests mit Erwachsenen, die bei uns noch in der Oberstufe mit Englisch angefangen haben. Unser Korsett ist eng, wegen der vier Landessprachen und weil wir einen politischen Konsens anstreben.

Die Kantone streiten sich seit Jahren, wann welche Fremdsprache gelehrt werden soll. Sie haben für den Kanton Thurgau den Englischunterricht ab der 3. Klasse analysiert. Was ist Ihr Fazit?
Entscheidend ist nicht das Einstiegsalter, sondern die Jahre, während derer man Englischunterricht geniesst. Wie gross der Vorsprung gegenüber den Späteinsteigern wirklich ist, wird zurzeit untersucht.

Es heisst doch, je früher man eine Sprache lernt, desto besser.
Nur wenn man auch im entsprechenden Sprachgebiet lebt. Das zeigen empirische Studien. Bei uns haben Primarschüler nur zwei bis drei Wochenlektionen und im Alltag wenig Berührung mit der englischen Sprache. Wichtiger sind gut ausgebildete Lehrer und dem Alter angepasste Lehrmittel. Teenager holt man mit anderen Themen ab als Drittklässler.

Wie und wo können wir ausserhalb der Schule unser Englisch aufbessern?
Lesen in Englisch und Aufenthalte in englischsprachigen Ländern sind sehr fruchtbar. Dort nützen einem die Sprachkenntnisse, das motiviert zum Weiterlernen. Auch englischsprachige Filme schauen würde helfen, was in der Schweiz leider selten vorkommt.

Warum?
Weil bei uns fast alle Fernsehfilme synchronisiert wird. Das ist wohl mit ein Grund dafür, dass Holländer und Skandinavier besser sind in Englisch.

Gemäss der Rangliste beherrschen Frauen Englisch durchs Band besser als Männer. Haben sie tatsächlich mehr Talent für Sprachen?
Eher mehr Interesse. Und vermutlich verzerrt die ältere Generation das Bild etwas: Sie hatte noch in der Pubertät erstmals Englischunterricht, also in einem Alter, in dem man sich tunlichst an konventionelle Rollenbilder hält, à la: Jungs können Rechnen und Mädchen Sprachen. Diese Barrieren wollen wir ja über alle Fächer hinweg auflösen.

Werden wir also in Zukunft besser abschneiden in Englisch?
Das ist zu erwarten. Junge Menschen sind heute sehr mobil, sie reisen mal rasch in die USA oder nach Singapur. Und sie sind international vernetzt. Sie brauchen und üben die Sprache häufiger als Vertreter der Generation 50plus. Zu hoffen ist auch, dass der frühere Beginn des Englischunterrichts Spuren hinterlassen wird.

Autor: Yvette Hettinger, Anne-Sophie Keller