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28. November 2016

Schweizer Hotels leiden unter Knebelverträgen

Bei Onlinebuchungen müssen Hotels den globalen Plattformen wie Booking.com oder Expedia hohe Kommissionen zahlen und sind bei den Zimmerpreisen vertraglich eingeschränkt. Jetzt befindet der Ständerat über ein Verbot dieser Praxis.

Schweizer Hotels leiden unter Knebelverträgen
Die Übernachtung im Hotel ist oft billiger, wenn der Gast sein Zimmer direkt telefonisch oder per Mail bucht. (Bild Ex-Press)

Buchungsplattformen wie Booking.com oder Expedia bringen den Hotels viele Gäste. Dennoch sehen die Hoteliers und Hotelières darin mehr einen Fluch als einen Segen. Denn die Verträge verlangen Kommissionen ab 12 Prozent für eine Hotelnacht, und sie schränken die Hotelbetreiber stark ein. So verbieten sie den Hotels etwa, auf ihrer eigenen Website günstigere Angebote zu machen. Selbst mit Last-Minute-Rabatten dürfen die Hoteliers die Tarife auf den globalen Buchungsplattformen nicht unterbieten.

Eine breite politische Koalition will die Hotels nun von diesen Vertragsfesseln befreien. Der Solothurner CVP-Ständerat Pirmin Bischof (57) hat eine Motion gegen die «Knebelverträge der Online-Buchungsplattformen» eingereicht. Am 29. November befindet der Ständerat darüber.
Die Motion verlangt eine Gesetzesänderung, die den Plattformen sogenannte enge Preisparitätsklauseln untersagt. Mit solchen Klauseln verbieten diese den Hoteliers, ihre eigenen Preise festzulegen. «Hoteliers brauchen ihre unternehmerische Freiheit», sagt Christophe Hans von Hotelleriesuisse (siehe Interview unten).

Hinter vorgehaltener Hand geben Hoteliers folgende Tipps: Am besten informierten sich Gäste auf den Plattformen über verfügbare Zimmer, buchten dann aber telefonisch oder per E-Mail direkt beim Hotel. So können sich die Hotels die Kommissionen sparen, und oft kommt es so auch günstiger für den Gast. Anders als auf der Hotel-Website sind Rabatte am Telefon in den «Knebelverträgen» nicht verboten.

Christophe Hans (Hotellerie Suisse)
Christophe Hans (52) ist Leiter Wirtschaftspolitik beim Branchenverband Hotelleriesuisse. (Bild zVg)

«Es geht um unternehmerische Freiheit und um die Dominanz der grossen Unternehmen»

Christophe Hans, diese Woche befindet der Ständerat in der Wintersession über die Motion gegen die Knebelverträge der Online-Buchungsplattformen. Was erwarten Sie?

21 Ständeräte über alle Parteien hinweg unterstützen die Motion: Die Chancen stehen gut. Auch Parteien, die sich traditionellerweise gegen Reglementierung starkmachen, sind mit an Bord. Wohl, weil unser Anliegen als gerecht empfunden wird.

Weshalb haben Sie den politischen Weg gewählt?

Die Wettbewerbskommission hat verfügt, dass die Plattformen den Hotels zwar nicht länger untersagen dürfen, einer Konkurrenzplattform günstigere Tarife anzubieten. Aber diese dürfen den Hotels weiterhin verbieten, auf ihrer eigenen Webseite billiger zu sein. So hat die Wettbewerbskommission den Hoteliers bloss zur Hälfte recht gegeben: Es blieb nur der politische Weg. Auch die Mitbewerber aus dem Ausland haben diesen gewählt: In Frankreich, Italien und in Österreich hat der Staat bei den Buchungsplattformen interveniert. Auch in Deutschland sind dieseKnebelverträge verboten.

Warum genügt das Urteil der Weko nicht?

Auf den ersten Blick scheint der Entscheid der Weko vernünftig. Ist ein Hotelier nicht zufrieden mit den Bedingungen einer Onlineplattform, kann er ja mit einer anderen zusammenarbeiten. Da Booking.com aber 70 Prozent Marktanteil hat in der Schweiz, spielt der Wettbewerb nicht.

Was brauchen die Hotels, damit sie ihren Gästen das beste Angebot machen können?

Es geht vor allem um die unternehmerische Freiheit der Hoteliers und um die Dominanz dieser grossen, oft amerikanischen, Unternehmen. Die Website eines Hotels ist seine Visitenkarte. Gäste schauen sich die Website eines Hotels an, klicken sich durch die Angebote und Preise und bilden sich so ihre Meinung. Hotels müssen online ihre besten Angebote präsentieren können.

Stellen die globalen Buchungsplattformen tatsächlich eine solche Bedrohung für die Schweizer Hotellerie dar? Bloss jede fünfte Nacht wird dort gebucht.

Die Zahlen variieren stark von Hotel zu Hotel und von Destination zu Destination. Übernachtungen in Stadthotels werden schon zu 50 Prozent per Buchungsplattform getätigt von einer internationalen Kundschaft, aber auch vermehrt von Schweizern. Bei Betrieben, die viele Stammgäste beherbergen, wird weniger online reserviert. Aber auch da ist die Tendenz steigend. Wir sind nicht gegen diese Plattformen. Wir erkennen ganz klar, dass sie kundenfreundlich sind und uns neue Gäste bringen.

Hoteliers können also nicht sagen: Das mache ich nicht mit.

Nein. Früher bestellte man Ferienprospekte, blätterte darin und verschaffte sich so einen Eindruck über mögliche Feriendestinationen. Diese Zeiten sind vorbei. Wer heute online nicht präsent ist, existiert nicht.

Lassen sich die Einbussen beziffern, die Hoteliers wegen der Knebelverträge haben?

Die Kommissionen bei den Plattformen liegen zwischen 12 und 50 Prozent – je nach Destination und ­Betrieb. Das System ist nicht trans­parent, aber wir wissen, dass ein Hotel in der Rangliste weiter vorne erscheint, wenn es höhere Kommissionen zahlt. Dieses Geld ist verlorenes Geld, das den Hoteliers für wichtige Investitionen fehlt. Wegen des starken Frankens sind die Margen bereits sehr eng. Ich kenne Hoteliers, die zahlen in Spitzenmonaten 45'000 Franken Kommissionen. Wir akzeptieren, dass unsere Präsenz auf diesen Kanälen kostet. Was wir nicht hinnehmen, ist, dass wir nicht die Freiheit haben, selbst auf unseren Websites unsere Preise zu bestimmen.

Christophe Hans (52) ist Leiter Wirtschaftspolitik beim Branchenverband Hotelleriesuisse.

Autor: Monica Müller