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12. November 2012

«Schweizer Freunde muss man sich erarbeiten»

Andrea Pfeifer ist Geschäftsführerin des Biotechunternehmens AC Immune in Lausanne. Die Deutsche kam 1989 fast ohne Französischkenntnisse aus den USA in die Romandie. Elf Jahre später hat die Pharmakologin in französischer Sprache habilitiert.

Andrea Pfeifer
Andrea Pfeifer 
in einem Labor 
ihrer Biotechfirma an der ETH 
Lausanne. Hier forscht sie 
seit 2003 an 
Medikamenten 
gegen Alzheimer.

Aus welchen Ländern kommen die meisten Einwanderer, und wie hoch ist der Ausländeranteil im europäischen Vergleich? Die Infografik zum Thema.

Die Innovationsfreude und Offenheit der Amerikaner mit der Gründlichkeit und Genauigkeit der Schweizer zu verbinden, ist Andrea Pfeifers Credo bei AC Immune. Die 54-jährige Deutsche hat das erfolgreiche Biotechunternehmen 2003 gegründet. Im Jahr 2009 erhielt sie für ihre Arbeit im Kampf gegen die Alzheimer-Krankheit von Ernst & Young die Auszeichnung «Entrepreneur of the Year».

Ihre Heimat Deutschland verliess die Münchnerin mit 26 Jahren, um in den USA ein Postdoc zu machen. Nach fünf Jahren Krebsforschung in Washington DC erhielt sie einen Job bei Nestlé. Mitte der 90er-Jahre übernahm die Pharmakologin die Leitung des Nestlé-Forschungszentrums in Lausanne.

«Ich war als Kind mit meinen Eltern regelmässig in der Region Vevey in den Ferien, das hat es mir natürlich leichter gemacht, mich hier einzuleben», sagt Pfeifer. «Mein Französisch war allerdings am Anfang sehr limitiert, und so habe ich noch in den USA erste Kurse besucht.» Die Sprache zu beherrschen war ihr wichtig, weil sie es als Teil der Integration empfand. «Natürlich war die Alltagssprache bei Nestlé Englisch, aber ich wollte meine Auftritte vor den Medien auf Französisch absolvieren können.» Das tat sie dann auch, später habilitierte sie sogar in der Sprache.

Im Alltag gab es zu Beginn dennoch ein paar Herausforderungen. So marschierte Pfeifer eines Tages mit ihrem US-Staubsauger in einen Laden, um einen Adapter zu kaufen. «Ich versuchte es auf Deutsch, die Kommunikation war mühselig, aber schliesslich bekam ich einen Adapter. Den habe ich gleich vor Ort ausprobiert – mit dem Ergebnis, dass der ganze Laden auf einen Schlag ohne Strom war», erzählt sie und lacht. «Da habe ich mir geschworen: Von nun an nur noch auf Französisch!»

Obwohl ihr die Gegend um Lausanne vertraut war, war es doch ein Neuanfang. «Das Einleben in den USA war die grössere Herausforderung, dennoch war es in gewisser Weise leichter. Ich war in einem Studentenumfeld, und die Leute dort gehen viel offener auf Fremde zu.» Im Mehrfamilienhaus in Lausanne hingegen, in dem sie zunächst wohnte, kannte man sich nicht. «Das habe ich dann geändert; ich habe eines Tages einfach alle Nachbarn eingeladen.» Erste Freundschaften entstanden im Job mit Nestlé-Kollegen, die meisten davon ebenfalls Ausländer. «Heute sind viele meiner guten Freunde Schweizer. Aber die muss man sich erarbeiten.»

Die Speisekarten konnte Pfeifer schon nach zwei Wochen lesen

Abgesehen jedoch von einer gewissen Verschlossenheit der Einheimischen empfand Pfeifer die Integration als leicht und problemlos, einen äusseren Druck nahm sie dabei nie wahr. «Was ich natürlich sofort genossen habe: das gute Essen und den guten Wein. Die Speisekarten habe ich schon nach zwei Wochen verstanden.» Die Preise allerdings waren ein kleiner Schock.

Inzwischen ist die Schweiz für Andrea Pfeifer Heimat.
Inzwischen ist die Schweiz für Andrea Pfeifer Heimat.

Letztlich hat Pfeifer ihre Firma in Lausanne aufgebaut, weil sie sich hier zu Hause fühlt. Von den rund 50 Mitarbeitenden sind 60 Prozent Ausländer aus 20 Nationen. «Wir bemühen uns, ihnen bei der Integration zu helfen. Neue Leute laden wir nach Hause ein, und wir helfen ihnen beim Aufbau eines Freundeskreises. Das gehört aus meiner Sicht dazu.»

Pfeifer ist mit einem Engländer verheiratet, Kinder haben sie nicht, aber eine Katze. Von den Vorbehalten gegenüber den Deutschen, wie sie seit einigen Jahren in der Deutschschweiz geäussert werden, hat Pfeifer in der Romandie nichts zu spüren bekommen, auch wenn sie davon gehört hat. «Ich habe mich hier echt nie als Ausländerin gefühlt. Sicher hat auch geholfen, dass man mich damals immer als Nestlé-Vertreterin wahrgenommen hat. Und die Firma hat halt einen ausgezeichneten Ruf.»

Wenn schon, dann gab es Kollisionen wegen ihres Geschlechts. «Mein damaliges Haus stand auf einem Weinberg, und ich hatte den Plan, meinen eigenen Wein anzubauen. Also ging ich zur Gemeinde und fragte, ob ich mit dem Verantwortlichen in Verbindung treten könnte, um herauszufinden, was ich darf und was nicht. Der Herr dort sagte mir: ‹Also, Madame, können wir nicht direkt mit Ihrem Mann sprechen? Das wäre so viel einfacher.› Da musste ich mich ein bisschen zusammenreissen.» Sie wurde dann doch zur Weindegustation eingeladen, und am Ende verlief alles ganz harmonisch. Eigenen Wein hat sie mangels Zeit jedoch nie angebaut.

Inzwischen ist die Schweiz für Andrea Pfeifer Heimat. Und auch wenn sie noch Familie in Deutschland hat, hegt sie keine Rückkehrpläne. «Vermutlich werde ich mich irgendwann auch einbürgern lassen, bisher hielt ich es einfach nicht für nötig.» Nicht abstimmen oder wählen zu können, hat sie nie gestört. «Ich präge mit AC Immune und unserer Forschung die Bereiche mit, die mir wichtig sind», sagt Andrea Pfeifer. «Aber ich wurde in letzter Zeit immer wieder mal gefragt, wann ich mich einbürgern lasse. Vielleicht wird es ja doch langsam Zeit.»

Fotograf: Mathieu Rod