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10. März 2014

Schweizer Freeride-Klassiker

Von Andermatt über die Diavolezza bis Verbier: Anspruchsvoller Pulverspass, aber auch leichtere Alternativrouten weitab von Wildruhezonen zur Engelberg-Reportage im Migros-Magazin vom 10. März 2014. Haben Sie einen anderen Favoriten?

Bekanntere Freeride-Strecken wie die in der Folge kurz vorgestellten haben den Vorteil, dass sie allesamt keine landesweit registrierten Wildschutzgebiete tangieren, wie sie die Kantone seit zwei Saisons verbindlich definieren müssen. Auch bei den leichteren Strecken für das Back-Country-Vergnügen gilt jedoch unverändert, sich über die Lawinengefahr gründlich zu informieren, die nötige Ausrüstung und Begleitung (bei geringer Erfahrung oder Ortskenntnis einen Guide) zu organisieren und im Gelände stets die nötige Vorsicht walten zu lassen. Siehe dazu den Migrosmagazin.ch-Artikel der Ausgabe 8/2014 .

Nicht nur für Off-Piste-Cracks

Abfahrt von der Diavolezza (Bild: Swiss-Image, Christof Sonderegger).
Neben der Piste (Bild) locken auf der Diavolezza mehrere Freeride-Hänge. (Bild: Swiss-Image, Christof Sonderegger).

Diavolezza - Munt Pers: Eine der einfachsten Abfahrten neben der Piste mit Kontrollen (Sperrung des Einstiegs bei Gefahrensituation) und vor allem grob ausgesteckter Traverse über den Munt-Pers-Gletscher. Dafür trifft man bei guten Bedingungen auch den einen oder anderen Gleichgesinnten an. Dank der Diavolezza-Bahn gibts keinen Aufstieg, nach genossenem Panorama wagt man gleich neben der grossen Restaurantterrasse den einzigen etwas steileren Hang Richtung Südwest, es folgen der Gletscherabschnitt und das gemütliche Ausfahren bis zur RhB-Haltestelle Morteratsch (wie Diavolezza Talstation an der Berninastrecke).

Davos - Pischa: Ebenfalls in Sachen Technik und Länge überschaubare Anforderungen stellt dieses kleinere, neben Parsenn oft vernachlässigte Skigebiet. Mit dem Auto oder Bus von Davos Zentrum wird es in ein paar wenigen Kilometern Richtung Flüelapass und Engadin erreicht – Haltestelle Dörfli. Vorinformation zu den westwärts ausgerichteten Strecken ist hier bereits zwingend, auch wenn man an der Pischabahn, die schweisstreibenden Sport ersetzt, meist auf Tipps und Warnhinweise stösst.

Der Gemsstock (Bild: Swiss-Image, Christof Sonderegger).
Der Gemsstock (Bild: Swiss-Image, Christof Sonderegger).

Andermatt - Felsental: Eher kurz und bei sicherer Schneelage für solide Ski- oder Boardfans mit wenig Freeride-Übung auch noch geeignet ist die Felsental-Variante am unteren Ende des Gemsstockhangs, generell ein Back-Country-Paradies (siehe unten). Mit der Bahn gehts hoch auf den Gemsstock, als Abfahrt dient während gut der Hälfte des Bergs die rote Annagletscher-Piste. Erst vor dem letzten Queren ostwärts zur Mittelstation Gurschen verfolgt man einfach geradeaus etwas links im Couloir weiter das Felsental, hinunter bis praktisch zur Hauptstrasse Andermatt-Hospental.

Eher für Könner

Die Gondeln auf den Mont Fort bei Verbier (Bild: Keystone).
Die Gondeln auf den Mont Fort bei Verbier (Bild: Keystone).

Verbier - Rosablanche: Die 4-Vallée-Region im Unterwalliser Val de Bagnes ist vermutlich das Freeride-Mekka der Schweiz. Wir schlagen hier eine mittelschwere Route mit wenig Aufstiegen, aber langer Abfahrt mit viel Pulver (lohnt sich vor allem bei entsprechenden Bedingungen) vor. Ausgangspunkt ist die Bergstation Mont Fort, danach heisst es, über die steile Südflanke den Col de Momin und weiter die Gletscherfläche des Grand Désert zu erreichen. Nach dem vergleichsweise kurzen Erklimmen der Rosablanche (3340 m ü. M.) geniesst man die 1600 Höhenmeter lange Abfahrt bis Siviez.

Diavolezza - Val Arlas: Hier gilt es noch weniger Höhenmeter bergauf zurückzulegen, bevor der Schneespass Richtung Bernina-Haupttal unter die Latten genommen werden kann. Anders als beim Munt Pers sind hier keine Routen gesteckt und ist meist auch klar weniger vorgängig gezogenen Spuren zu folgen. Von Diavolezza Firn gehts vorbei am Piz Trovat zum Sass Queder, gleich danach öffnet sich der Kessel des malerischen Val Arlas, zuerst gilt es jedoch bis zur Fuorcla die Höhe zu halten. Danach kann je nach Tages- und Jahreszeit, Schneelage und Präferenz für steiles Gelände eine eher Richtung Norden, Osten oder Westen exponierte Route gewählt werden. Angekommen auf der Alp Bondo Sur, folgt man der Langlaufloipe bis zum Verbindungslift Lagalp (wo man Bus oder einige Schritte zur Talstation Diavolezza wählen kann).

Andermatt - ‚Giraffe’: Klar hätten wir im vielfältigen Freeride-Gebiet Gemsstock am Gotthard auch die mittelschwere Guspis-Variante (weit oben von der Annagletscher-Piste unter dem Blauberg Richtung Gotthardpass und dann Hospental) aufführen können oder den anderen schon anspruchsvolleren Klassiker ‚Hans im Glück’. Unsere Lieblingsroute heisst aber ‚Giraffe’, die wegen des schmalen Einstiegs auf der Hälfte der Abfahrt eher hohe Anforderungen an Technik, Kenntnisse und Erfahrung stellt: Los gehts dank der Gemsstock-Bahn ebenfalls mit sportlichem, aber kurzem Aufstieg, man traversiert den Gemsstock-Hang unter dem Gipfel ostwärts zum Gurschenstock. Über die Krete gehts zuerst Richtung Nordosten hinab ins Unteralptal, nach steil-schmalem Start wird der Parcours mit Annäherung an die Unteralpreuss im Talboden immer leichter.

Bivio - Val d’Agnel: Je nachdem, ob man den Piz d’Agnel, den leichteren Gampagnung oder gar keinen erklimmt, eine unterschiedlich schwierige, sehr schöne Geheimtipproute ins Val Natons am Julier. Für Berggänger, die zuerst noch richtig aufsteigen möchten, bevor sie hinuntergebrettern. Bei La Veduta, gleich bei Bivio, startet man ins Val d’Agnel, Richtung Jenatschhütte zur Fuorcla digl Leget. Leicht wäre die Abfahrt zurück, witziger dünkt uns über oder gleich unter dem Campagnung hindurch der Weg nach rechts in eine Mulde oben ins Val Natons. Lange bleibt man rechts vom Bach, erst auf ca. 2100 m ü. M., kurz nach einer traversierten Schlucht wechselt man nach links und erreicht am Ende die Julier-Passstrasse unweit des Weilers Marmorera.

Weitere Freeride-Gebiete

- Saas Fee - Zermatt
- Val d’Anniviers
- Disentis
- Flims/Laax
- Lenzerheide

Autor: Reto Meisser