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02. September 2013

Schwarze Löcher

Kind beim Zahni
Kind beim Zahni (Bild: Keystone).

Wissen Sie, wie Sie relativ treffsicher herausfinden können, ob eine Mutter ihre Sache gut macht? Ganz einfach. Sie müssen den zugehörigen Kindern in den Mund gucken. Hier die passende Formel:

Strahlend weisse Beisserchen, keine Beläge, kein Zahnstein und natürlich auch keine Karies = erstklassige Mutter.

Die Kinder mieser Mamis haben hingegen oft schon im zarten Alter von zwei Jahren Lochfrass in allen hinteren Zähnen. Die armen Kleinen müssen dann schon vor dem Chindsgi-Eintritt dafür bezahlen, dass ihre Eltern keinen Bock aufs Zähnliputzen hatten. Ich sage nur: Lachgas, Vollnarkose, Zahnextraktion. Schämt euch, ihr Faulenzer!

Bis vor wenigen Monaten zählte ich selbstredend zur Klasse der Super-Mütter. Immerhin wird bei uns daheim weltmeisterlich geschrubbt. Ich ultraschalle meine Zähne und zahnseidele täglich. Mein Mann spult dasselbe Programm ab. Dass unsere Töchter ebenfalls dauernd «aaaah» sagen sollen und auch fast immer den Mund aufmachen, wenn das Bürstli kommt, ist klar. Doch dann entdeckte ich den dunklen Fleck auf Idas rechtem oberen Backenzahn. Ich erschrak ganz fürchterlich. Mein Herz klopfte wie wild, vor meinem inneren Auge formte sich ein schwarzes Loch. Klarer Fall: Mein armes Kind hatte Karies.

Ich versuchte hektisch, mein offenkundiges Versagen als oberste Zahnputzkommandantin zu kompensieren. Deswegen rief ich sofort bei einer Kinderzahnärztin an und schluchzte in den Hörer. Ich hatte fest damit gerechnet, dass die Assistentin erst geringschätzig mit der Zunge schnalzen würde, bevor sie uns einen Notfalltermin geben würde. Interessanterweise blieb die Dame am anderen Ende der Leitung aber relativ ruhig. Sie meinte sogar, meist seien die schwarzen Löcher gar keine Löcher, sondern einfach nur harmlose Ablagerungen.

Das beruhigte mich ein wenig. Im Freundeskreis erzählte ich, dass Ida vermutlich eine Zahnschmelzverfärbung habe und wir es wirklich nur zur Sicherheit vorzeigen würden. «Also, echt jetzt. Wo soll auch die Karies herkommen? Wir sind doch die vorbildlichsten Nachputz-Eltern der Welt!» (Obwohl ich die Situation herabspielte, wurden meine Kolleginnen unruhig. Zwei Damen vereinbarten postwendend auch Termine beim Chinderzahni, um die «Verfärbungen» ihrer Kinder begutachten zu lassen. Aber das nur am Rande.)

Wenige Tage später sassen wir in der herzigen Zahnarztpraxis. Ida kletterte auf den Behandlungsstuhl und freute sich, dass an der Decke ein TV-Gerät hing. Die Zahnärztin kam, guckte sich das schwarze Loch an und schüttelte den Kopf. Sie sei relativ sicher, dass das nix sei, liess sie uns wissen. Zur Sicherheit würde sie aber gerne ein Röntgenbild machen. Kein Problem. Der Apparat summte, Ida guckte einen Zeichentrickfilm, während ihr Gebiss fotografiert wurde. Wenige Augenblicke später konnten wir die Aufnahme auf einem grossen Computerschirm bestaunen. Die Assistentin runzelte die Stirn, die Zahnärztin machte ein betretenes Gesicht. Das schwarze Loch war wirklich keines. Dafür konnte man aber sehr gut sehen, dass zwischen allen vier Backenzähnen meiner Tochter der Schmelz aufgeweicht war. Diagnose: beginnende Karies. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Die nette Zahnärztin schüttelte den Kopf. Das komme vor allem davon, dass Idas Zähne so dicht stehen würden. Normalerweise würden sich Lücken zwischen den Milchzähnen befinden, damit die Karies verursachenden Bakterien weniger Angriffsfläche hätten. Ausserdem könne selbst jetzt noch alles gut werden. Bei Kindern sei es sogar so, dass der Prozess zum Stoppen gebracht werden könne. Mit anderen Worten: «Seien Sie doch froh, dass wir das jetzt gesehen haben!»

Tja, was soll ich sagen. Ich habe ein Kind, das beinahe vier Löcher hat. Seit wir das wissen, putzen wir nicht nur wie die Weltmeister. Nun zahnseideln wir auch jeden Abend zwischen allen Backenzähnen. Mit etwas Glück wird Ida so dem Bohrer entgehen. Und sollte es doch nötig sein, dann weiss ich jetzt zumindest, dass auch gute Mütter Kinder mit Karies haben können.

Autor: Bettina Leinenbach