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02. Februar 2015

Schwanger nach Businessplan

Social Freezing ist legitim! Das sagt Philosophin und Ethikerin Susanne Brauer. Arbeitgeber nimmt sie zu diesem Thema ganz besonders in die Pflicht. Dazu das Porträt von Tina Bächtold, die sich mit 30 Jahren dafür entschied, und die Zahlen und Fakten zum Trend («Babywunsch on the rocks»).

Dr. Susanne Brauer
Dr. Susanne Brauer, Partnerin bei der gesundheitspolitischen Beratungsagentur «Brauer & Strub | Medizin Ethik Politik».

Frau Dr. Brauer, bitte erklären Sie Social Freezing in wenigen Worten.

Nach einer Hormonbehandlung, die den Eisprung stimuliert, werden dem Eierstock unter Narkose möglichst viele Eizellen entnommen. Diese gefriert man ein und bewahrt sie auf. Das kostet bis zu 7000 Franken. Wenn für die Frau der richtige Zeitpunkt gekommen ist, werden sie die Eier aufgetaut, im Labor künstlich befruchtet und dann die Embryonen der Frau in die Gebärmutter eingepflanzt.

Dabei kommen weitere Kosten auf die Familie zu?

Richtig. Drei Behandlungszyklen mit je drei Embryonen kosten etwa 20’000 Franken. Sofern die Eizellen vor dem 35. Altersjahr entnommen wurden, bleibt die Chance auf eine Schwangerschaft unabhängig des vom Alters der Frau hoch.

Mutter mit 65: Ist das ethisch noch vertretbar?

Die reproduktive Freiheit der Frau stellt einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeitsentfaltung dar. Die Eizellen gehören der Frau. Sie allein kann darüber entscheiden, ob sie ihr entnommen werden. Genauso wie die künstliche Befruchtung ausserhalb des Körpers der Frau, (In-vitro-Fertilisation), heute akzeptiert ist, sollte es auch Social Freezing sein. Ob es allerdings eine Altersgrenze für die künstliche Befruchtung geben soll, ist eine andere Frage. Ich würde mich hier für die individuelle Beurteilung des Einzelfalls starkmachen. Es könnte ja sein, dass die 65-Jährige einen Partner von 40 Jahren hat, der als Vater ebenfalls gut für das Kind sorgen könnte.

Social Freezing ist doch nichts anderes, als die Natur auszutricksen.

Und? Jede Verhütung ist ein Austricksen der Natur. Fortpflanzung und Sexualität sind schon lange getrennt. Mit Social Freezing wird nur das biologische Alter der Frau weniger bedeutend, schwanger zu werden.

Die Eizellen gehören der Frau. Sie allein kann darüber entscheiden.

Inwiefern dürfen Arbeitgeber ihre angestellten Frauen zu Social Freezing motivieren?

Das ist ein ganz wichtiges Thema. Das gesellschaftliche Problem, die Vereinbarkeit von Kind und Karriere, darf nicht biologisch und nicht auf dem Rücken der Frauen gelöst werden. Social Freezing birgt auch gesundheitliche Risiken. Ausserdem bleibt das Risiko auf Schwangerschaftskomplikationen im Alter die gleichen wie bei der natürlichen Befruchtung.

Was also schlagen Sie vor?

Es darf kein Klima herrschen, in dem eine Frau schräg angeschaut wird, wenn sie vor ihrem 35. Lebensjahr schwanger werden will. Das wäre ein familienpolitischer Rückschritt. Vielmehr sollten die werdenden Väter mit in die Kinderbetreuung einbezogen werden, zum Beispiel über einen längeren Vaterschaftsurlaub.

Gibt es körperliche oder ethische Grenzen, sich Eizellen einpflanzen zu lassen?

Nein. Es kommt vielmehr auf die persönliche Situation an: körperliche Verfassung, soziale Ressourcen, finanzielle Unabhängigkeit. Eltern müssen in der Lage sein, bis zur Volljährigkeit für ihr Kind zu sorgen.

Fortpflanzung und Sexualität sind schon lange getrennt.

Das ist einfach gesagt ...

... stimmt. Es ist offen, wer das beurteilen soll.

Hierzulande dürfen Eizellen per Gesetz maximal fünf Jahre aufbewahrt werden. Halten Sie das für richtig?

Einerseits kann die Aufbewahrungsfrist verlängert werden, wenn die Frau in medizinischer Behandlung ist. Ausserdem lassen sich Transfers in Länder ohne Begrenzung, zum Beispiel Deutschland, nicht verhindern. Es ist umstritten, ob die Frist nötig ist.

Wie steht die Schweiz in zehn Jahren zu Social Freezing?

Die Schweiz ist ein wohlhabendes Land. Trotz der eingangs erwähnten Kosten wird es dann sicher mehr Frauen geben, die diese Möglichkeit nutzen.

Dr. Susanne Brauer ist Partnerin bei der gesundheitspolitischen Beratungsagentur «Brauer & Strub | Medizin Ethik Politik» .
In eigener Sache: Das versprochene Videointerview konnte wegen Krankheit leider nicht stattfinden.

Autor: Reto Vogt