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06. Juni 2016

Schwänli und Bärli

bei den Eltern beste Stimmung
Unter den Augen des Kindes: Bei den Eltern herrscht beste Stimmung. (Bild: Getty Images)

Ich fürchte mich vor Treibsand, vor Kugelblitzen – und vor Eltern, die nie miteinander streiten. Wobei das Letztgenannte mir am meisten Angst einjagt. Zu Recht, liebe Leserin, liebe Leser, zu Recht. Nehmen wir zum Beispiel Susi und Roger. Das Pärchen, von dem ich Ihnen erzählen will, hat zwei entzückende Kinder, einen Hund und besitzt ein Lebkuchenhäuschen im Grünen. Bei Susi und Roger war es fast zu perfekt, um wahr zu sein. Ich schwöre: Wenn die miteinander redeten, stiegen Herzchen zum Himmel auf. Alles war immer nur «Schwänli» hier und «Bärli» da. Herr Leinenbach und ich (die wir gerne, oft und leidenschaftlich zanken) fühlten uns im Vergleich dazu wie Mängelexemplare. Interessanterweise fanden unsere Kinder auch, wir sollten doch bitte mehr wie Susi und Roger werden. Denn: «Mami, die streiten sich nie.» Wie blöd, dass ich kein Schwänli bin und Herr Leinenbach kein Bärli.

Sie merken sicher schon, dass diese Geschichte eine interessante Wendung nehmen wird. Erst war es nur ein Gerücht, doch schon bald wusste es der ganze Bekanntenkreis: Schwänli und Bärli hatten sich getrennt. «Kein Wunder, dass es bei der hohen Scheidungsrate auch mal ein Pärchen aus unserem Umfeld trifft», analysierte mein Mann nüchtern. Ich war jedoch irritiert. Susi und Roger waren doch meine leuchtenden Beispiele gewesen. Die hatten – anders als wir – nie böse Tiernamen zueinander gesagt. Und dort waren garantiert auch nie Türen zugeknallt worden. Und jetzt das? Unglaublich.

Als ich Schwänli ein paar Tage später traf, wirkte es nicht mehr wie ein süsses, kleines Zicklein, sondern wie eine sehr wütende Ziege. Ich müsse das mit der Trennung verstehen: Ihr Bärli, das sei viel eher ein Faultier gewesen. Nie habe es (er!) den Rasen gemäht, nie habe es eine leere WC-Papierrolle ersetzt. Dafür sei es bei irgendeinem Computerspiel schon im 145. Level. – «Aber ihr wart doch immer so liebevoll miteinander.» – «Paah! Wir hatten uns so lieb, dass Sex kein Thema mehr war.» Oha! Zu viel Information für meinen Geschmack, aber interessant war es trotzdem. Roger erzählte später, er habe nicht geahnt, dass der Rasen eine derart zentrale Rolle in der Beziehung gespielt habe … Und er liess uns wissen (oh, nein, schon wieder das Thema), dass Beischlaf grundsätzlich überbewertet werde.
Möglicherweise müssen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, gerade ein bisschen grinsen. Ist ja auch unfreiwillig komisch. Susis und Rogers Kinder fanden das Ganze gar nicht lustig. Für sie änderte sich nämlich alles. Nun gab es nicht nur das Lebkuchenhaus, sondern auch eine neue Wohnung. Es gab Mami-Tage, Papi-Tage und jede Menge neues Spielzeug.

Diese Trennung verunsicherte auch andere Kinder im Umfeld. Ida und Eva wollten plötzlich wissen, warum sich manche Mamis und Papis irgendwann nicht mehr genug lieb haben, um zusammenzubleiben. Ich schätze, wir haben ihnen das gut erklärt. Eine Sache haben die beiden aber nicht kapiert: Seit Bärli und Schwänli getrennte Wege gehen, zucken unsere Kinder leichter zusammen, wenn wir uns wegen irgendeines Quatsches streiten. Dabei bin ich überzeugt, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Mütter und Väter, die ihre Meinungsverschiedenheiten offen und fair austragen, sind authentisch und arbeiten mehr an ihrer Beziehung als Eltern, die immer nur Süssholz raspeln.

Autor: Bettina Leinenbach