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24. April 2017

Kleiner Schutzengel am Handgelenk

Scott und John Riley sind erst zehn und acht Jahre alt – und trotzdem schon zwei preisgekrönte Erfinder: Die Brüder aus Luzern haben ein spezielles Hightech-Armband entwickelt, um das Leben von Kindern sicherer zu machen.

Nicht alle Kinder wachsen so behütet auf wie Mädchen und Buben in der Schweiz. Das merkten die Brüder Scott (10) und John (8) Riley früh. Bis zu ihrem 6. respektive 4. Lebensjahr wohnten die beiden in der Grossstadt London. Allein zur Schule gehen können viele Kids dort nicht. Zu gefährlich ist der Verkehr, zu viel kann passieren. Deshalb begleiten die Eltern ihren Nachwuchs von der Haustür bis zum Pausenplatz.

Als Familie Riley nach Luzern zog, änderte sich das. Auf einmal konnten Scott und John ihrer Mutter bereits zu Hause Tschüss sagen und sich dann gemütlich zu Fuss oder mit dem Velo auf den Schulweg begeben. Dass Kinder nicht überall allein zur Schule gehen können, fanden die Brüder schade. Mithilfe ihres Wissens über Computer und Technik wollten sie das ändern.

Programmieren als Hobby

Scott und John haben für Primarschüler ein eher aussergewöhnliches Hobby: Sie programmieren gern. Das heisst, sie schreiben kleine Computerprogramme, mit denen sie zum Beispiel die Lichter im Haus mit einer App auf dem Mobiltelefon steuern können. Hilfe bekommen sie dabei von ihrem Vater, einem ausgebildeten Mathematiker und Programmierer, sowie einem befreundeten Informatiker.

Dank ihrer Fähigkeiten haben sie auch das «Tech-Schutzengeli» erfunden. «Wir wollten, dass Kinder schnell Hilfe holen können, wenn sie in Schwierigkeiten sind», sagt John Riley. Das «Tech-Schutzengeli» funktioniert folgendermassen: Wenn ein Kind in eine Notsituation gerät, kann es auf einen Knopf drücken, der sich auf einem Armband am Handgelenk befindet. Dadurch wird ein Signal an zehn Erwachsene gesendet, die eine spezielle App auf ihrem Smartphone installiert haben. Diese zeigt den genauen Standort des Kinds auf einer Karte an. Reagiert keiner der zehn alarmierten Personen, die sich in unmittelbarer Nähe des Kinds aufhalten, wird das Signal automatisch an zehn weitere Erwachsene gesendet.

John (links) und Scott Riley, Erfinder
John (links) und Scott Riley , Erfinder

Visionäre Jungs: John (links) und Scott Riley wollen mit dem gewonnenen Preisgeld Disney-Aktien kaufen.

Scott hat eine solche Notsituation schon am eigenen Leib erfahren müssen. Er stürzte auf dem Schulweg mit dem Velo. Dabei fiel er so unglücklich auf den Rücken, dass sein kleines Handy, mit dem er in solchen Fällen seine Mutter anrufen kann, kaputtging.

Scott verletzte sich beim Sturz zwar nicht schwer, musste aber allein nach Hause humpeln. «Genau dafür ist der Knopf auf dem Armband gedacht. Er kann auch dann gedrückt werden, wenn man verletzt ist», sagt er. Nicht nur bei Unfällen, sondern auch bei Mobbing könne ihre Erfindung zum Einsatz kommen. «Erstklässler drücken einfach auf den Knopf, falls Sechstklässler sie ärgern», sagt John.

Mit ihrer Erfindung nahmen die Riley-Brüder an einem Wettbewerb von «Dein Spiegel», der Kinderausgabe des renommierten deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel», teil – und holten in der ­Altersklasse 8 bis 11 Jahre gleich den Hauptpreis von 1500 Franken. «Als sie uns am Telefon sagten, dass wir gewonnen haben, sind wir vor Freude einmal ums Haus gerannt», sagt Scott.

Für das Preisgeld haben die kleinen Erfinder bereits grosse Pläne: Als riesige «Star-Wars»-Fans wollen Scott und John «einen Teil von Walt Disney» kaufen, wie sie sagen. Denn Walt Disney hält die Rechte an den «Star-Wars»-Filmen, und mit «einen Teil» meinen die Brüder Aktien. «So können wir bei Walt Disney mitreden», sagt John. Ausserdem möchten sich die Rileys mit dem Gewinn Spielzeuggewehre, sogenannte Nerf Guns, kaufen. Und der Rest soll gespart werden.

Von A bis Z alles allein ausgetüftelt

Dass ihre Söhne mit ihrer Erfindung gleich den Hauptgewinn geholt haben, darauf ist die Mutter von Scott und John, Nicola Riley, stolz. «Sie haben das ‹Tech-Schutzengeli› wirklich komplett allein ausgetüftelt. Wir haben bewusst nicht geholfen», sagt sie. «Wenn Kinder etwas wirklich wollen, sollen sie auch Arbeit reinstecken. Erst dann können sie das Ergebnis wertschätzen.»

Die Idee von Scott und John findet sie toll, gibt aber zu bedenken: «Man darf als Eltern auch nicht zu übervorsichtig und hysterisch sein.» Wenn durch das «Tech-Schutzengeli» Eltern davon überzeugt werden können, ihre Kinder nicht mehr zur Schule zu fahren, sei das doch etwas Gutes – auch für die ­Umwelt.

«Tech-Schutzengeli»
«Tech-Schutzengeli»

Ein Druck auf den Knopf, und Hilfe kommt.

Noch gibt es das «Tech-Schutzengeli» nur als Idee. Das Armband besteht als Prototyp aus Papier, die App muss noch programmiert werden. Doch beides wollen die Brüder in Angriff nehmen.

«Das Armband könnte aus Plastik oder Stoff sein», sagt John. «Die App soll auf allen Smartphones laufen», ergänzt Scott. Wichtig sei, dass das Schutzengeli nicht zu viel koste. So könnte der Kanton Luzern zu Schulbeginn jedem Erstklässler ein Armband schenken. 

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Daniel Winkler