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14. Oktober 2013

Schulweg: «Luege, lose, laufe» reicht nicht mehr

Kinder sollen selbständig zur Schule gehen. Darin sind sich Experten einig. Gleichzeitig wird aber gewarnt, wie gefährlich der Schulweg zu Fuss oder mit dem Velo heute sei. Dieser Widerspruch verunsichert viele Eltern. Vier Familien erzählen, wie sie sich für einen sicheren Schulweg starkmachen.

Carla, Anna-Lena und Luna Bellino überqueren den Zebrastreifen mit Leuchtwesten.
Gefährlicher Zebrastreifen: Carla, Anna-Lena und Luna Bellino überqueren auf ihrem Schulweg diese Kreuzung in Marbach SG. Hier kam es 2011 zu einem schweren Unfall. Seither müssen die Schüler Leuchtwesten tragen.

Über 300 Kinder unter 14 Jahren verunfallen in der Schweiz jährlich auf dem Schulweg, so die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu). Wie an jenem Nachmittag im Dezember 2011 in Marbach SG. Hier wurde ein Mädchen beim Überqueren der Hauptstrasse von einem Lieferwagen angefahren und schwer verletzt.

Noch heute sitzt der Schreck tief im Dorf, auch bei der fünfköpfigen Familie Bellino. Katja Bellino (41) ist hier aufgewachsen und kennt jeden Winkel des Orts. Sie erinnert sich daran, dass Massnahmen für einen sichereren Fussgängerübergang über die Hauptstrasse schon vor 20 Jahren ein Thema waren.

Verkehrsexperte Peter Regli (49) ist Projektleiter bei der gemeinnützigen Organisation Fussverkehr Schweiz
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Auch ihre drei Töchter, Anna-Lena (12), Carla (10) und Luna (7) müssen besagte Strasse selbständig überqueren, oft mehrmals pro Tag. Der Grund: Die Strasse teilt das Dorf in zwei Hälften, und auf beiden Seiten steht ein Schulhaus. Die Kinder wechseln täglich zwischen den Schulhäusern, zum Beispiel für den Religionsunterricht oder die Handarbeit. Sie müssen jedes Mal die Hauptstrasse überqueren, auf welcher der schwere Unfall passiert ist. Eine Ampel gibt es dort bis heute nicht.

«Wir Eltern wollten einen freiwilligen Elternlotsendienst einrichten und haben allen Haushalten geschrieben», sagt Katja Bellino. «Doch er kam mangels Interesse nicht zustande. Schade.» Die gebürtige Marbacherin hätte den Dienst auch deswegen als sinnvoll erachtet, weil einem dabei als Erwachsenem Dinge auffallen, die einem sonst gar nicht bewusst werden können: «Diese Beobachtungen helfen einem dann, die Kinder besser zu verstehen und einzuschätzen, wenn man mit dem Velo oder mit dem Auto unterwegs ist.»

Ein paar andere Massnahmen wurden aber dennoch ergriffen. Zum Beispiel haben zwei Schulklassen in einem Projekt ihren Schulweg auf Gefahren hin untersucht und diese dokumentiert. Begleitet werden sie unter anderem von Pascal Regli von Fussverkehr Schweiz. Zudem setzt Marbach nun, wie mittlerweile viele Gemeinden, auf Leuchtwesten, die alle Kinder tragen sollen. Auch hat es jetzt Ketten am Strassenrand, welche die Kinder davon abhalten sollen, über die Strasse zu rennen.

Doch Katja Bellino ist sich sicher: Das reicht nicht. Auch die Autofahrer, die Velofahrer, die Gemeinde und vor allem der Kanton müssen ihren Teil dazu beitragen, dass die Kinder möglichst sicher zur Schule kommen. Das bestätigt auch der Einwand von Tochter Carla (10): «Viele Kinder fühlen sich mit der Weste so sicher, dass sie sich nicht mehr so Mühe geben auf der Strasse.»

Sicherheit für die Stadtkinder: Franziska Browar setzt sich für einen sicheren Schulweg in der Zürcher Innenstadt ein.
Sicherheit für die Stadtkinder: Franziska Browar setzt sich für einen sicheren Schulweg in der Zürcher Innenstadt ein.

Wie zäh und frustrierend es mitunter sein kann, für einen sicheren Schulweg zu kämpfen, weiss auch Franziska Browar (38) aus Zürich. Ihr Vater hatte sich schon in den 70er-Jahren für denselben Schulweg starkgemacht, den heute ihre Kinder Lulea (9) und Yanis (13) gehen und der noch immer massive Sicherheitsmängel aufweist. Ganz abgesehen davon, dass sich der Verkehr seit damals mehr als verdoppelt hat.

Franziska erinnert sich, wie ihr Vater damals eine Metallstange mit einem grünen Wimpel vor sich hergestreckt hatte, als er sie zur Schule brachte. «Ich habe mich damals so geschämt!», sagt sie und lacht. Heute brausen Autos und Velos in Stosszeiten fast unablässig durch den Seilergraben unterhalb der Schule in der Zürcher Innenstadt. Dazwischen fahren noch das Tram und der Bus. «Inzwischen gibt es zwar wenigstens Ampeln, aber sie führen gleich über zwei Strassen. Bei der zweiten haben Autos sogar gleichzeitig grün, wie die Kinder, und der Fussgängerstreifen liegt unübersichtlich hinter einer Hausecke.»

Eine Brücke oder ein Tunnel sind zu teuer und nicht machbar

Um mit dieser Situation umzugehen, organisieren sich die Eltern im Quartier auch untereinander, erzählt sie. Das tägliche Holen und Bringen ist nämlich für viele Berufstätige oder Eltern mehrerer Kinder organisatorisch problematisch, also teilt man es sich auf. Aber das kann auch kontraproduktiv sein: «Damit ist das Problem des unzumutbaren Schulwegs keineswegs gelöst. Im Gegenteil: Die Behörden schieben so einfach ihre gesetzlich verankerte Verantwortung auf die Eltern ab und unternehmen erst recht nichts.»

Franziska Browars Tochter Lulea (9) hat übrigens eine ganz eigene Idee, wie sie das Problem lösen würde: «Es wäre doch lässig, wenn es einen Tunnel oder eine Brücke hätte.» Tatsächlich wurden beide Ideen schon durchgedacht und wieder verworfen. Zu teuer, nicht machbar. Doch räumen auch die zuständigen Ämter schon lange ein, dass die Situation unglücklich sei. Aber man könne halt auch nicht mehr machen, heisst es. Darum kämpft der Elternverein seit Jahren für eine Lösung.

Als Franziska Browar mit dem Zuständigen der Stadt eine Begehung vor Ort machte und ihn bat, er solle mal in die Knie gehen, um zu sehen, wie Kinder den Verkehr wahrnehmen, habe er ihr gesagt, er sei doch nicht lebensmüde.

Kleinere Massnahmen gab es aber auch hier. Die Grünphase beispielsweise kann von den Kindern per Knopfdruck ausgedehnt werden. Und das Trottoir zwischen den beiden Ampeln wurde ein wenig verbreitert und mit einer Kette gesichert. Doch das ist schon alles. Daher hat der Elternrat der zwei Quartierschulhäuser beschlossen, eine Petition zur besseren Markierung des Übergangs zur Schule zu erstellen.

Durch Zürichs Verkehr: Denise und Emil Looser überqueren mit ihren Kindern Lia, Linus, Leo und Ella den Seilergraben neben dem Schulhaus der Kinder.
Durch Zürichs Verkehr: Denise und Emil Looser überqueren mit ihren Kindern Lia, Linus, Leo und Ella den Seilergraben neben dem Schulhaus der Kinder.

Den gleichen Weg wie Lulea und Yanis müssen auch die Kinder von Denise (35) und Emil (40) Looser bewältigen, beziehungsweise drei davon, die dreijährige Ella ist dafür noch zu klein. Der Zweitjüngste, Linus (5), geht jedoch in den Kindergarten, der seit diesem August neu im Schulhaus untergebracht ist. «Für so kleine Kinder ist der Weg über die Hauptstrasse nicht zumutbar», sagt Denise Looser. «Sie haben ja noch gar kein Verständnis für den Verkehr. Zudem sehen sie nicht über die Autos hinweg und können nicht abschätzen, was auf der anderen Fahrbahn kommt.» Sie will nicht gelten lassen, dass es von zuständiger Seite heisst, man könne nichts machen ausser eines morgendlichen Lotsendiensts während der ersten paar Wochen.

Die Behörden gaben zu, dass der Schulweg nicht zumutbar ist

«Das ist immer relativ», sagt Denise Looser und erzählt das Beispiel des Schwesterschulhauses auf der anderen Seite der Limmat: «Ein Vater, der Anwalt ist, konnte plötzlich auf dem Rechtsmittelweg bewirken, was jahrelange Elternarbeit nicht geschafft hat: Die Behörden gaben zu, dass der Schulweg nicht zumutbar ist, und sie müssen nun für die Kindergärtler und Erstklässler eine Schulwegbegleitung auf Kosten der Stadt Zürich organisieren.» Die engagierte Vierfachmutter ist empört: «Es ist doch peinlich, dass es einen Anwalt braucht, damit besorgte Eltern ernst genommen werden.»

Auf ihrer Seite der Limmat heisst es bis dato einfach, die jüngeren Kinder müssten halt von den Eltern begleitet werden. Das aber ist für viele, auch für Denise Looser, ein Widerspruch zu dem, was man sonst von allen zuständigen Stellen zu hören bekommt, auch vom Bund: Kinder sollen selbständig zur Schule gehen können. «Gleichzeitig sind die Wege aber vielerorts so, dass sie diese nur mit Hilfe von Erwachsenen bewältigen können. Da stimmt doch etwas nicht», sagt sie. Hinzu kommt: Eine Petition der Eltern, den gefährlichen Schulweg wenigstens mit entsprechenden Strassenmarkierungen zu kennzeichnen, wurde kürzlich vom Zürcher Stadtrat abgelehnt.

So stellt sich auch Denise Looser die Frage, die Hundertausende von Eltern wohl am meisten beschäftigt: «Warum schützen wir unsere Kinder nicht ausreichend? Muss immer erst etwas Schlimmes passieren, bevor etwas unternommen wird?» Dass selbst ein Unglück nicht immer reicht, um zu bewirken, dass alle Sicherheitsprobleme gelöst werden, zeigt das Beispiel von Marbach.

Doch was können Eltern überhaupt tun? Sind sie völlig machtlos? «Nein», ist Herbert Künzi (46) überzeugt. Der Vater von vier Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren lebt mit seiner Familie in Brugg AG, wo er unter anderem die IG Verkehrssicherheit Brugg mitbegründet hat. Diese macht sich nicht nur für Schulwege stark, sondern generell für die schwächeren Verkehrsteilnehmer, wie zum Beispiel Senioren zu Fuss. Er ist überzeugt: Allein als Privatperson erreicht man meist nicht viel. Aber wenn man sich zusammentut und sich beharrlich engagiert, kann man vieles bewirken. Der Erfolg gibt ihm recht.

In Brugg gingen 454 Meldungen zum gefährlichen Schulweg ein

Um ihr Ansinnen breit abzustützen, trug die IG Verkehrssicherheit aus der Bevölkerung ein Dossier mit rund 130 Gefahrenstellen zusammen. «Wir sind wie ein Trichter, der zuerst alles sammelt und dann gebündelt an die Behörden weitergibt», erklärt Künzi das Prinzip.

Der Stadtrat rief daraufhin eine Projektkommission ins Leben, um anhand der gesammelten Gefahrenstellen ein Massnahmenpaket ausarbeiten zu lassen. Der Einwohnerrat sprach die benötigten 110'000 Franken, damit die Massnahmen noch dieses Jahr umgesetzt werden können.

Heikle Kreuzung: Colette und Herbert Künzi mit ihren Kindern Ilona, Florin, Jens und Kilian auf dem Schulweg in Brugg.
Heikle Kreuzung: Colette und Herbert Künzi mit ihren Kindern Ilona, Florin, Jens und Kilian auf dem Schulweg in Brugg.

Wie in allen Gemeinden, scheitert auch in Brugg so einiges an finanziellen Engpässen. Davon betroffen ist eine heikle Kreuzung, über die Ilona (12), die älteste Tochter der Familie Künzi, mit dem Velo zur Schule fährt. Aber ihr Vater ist zuversichtlich, dass es hier schon bald besser wird.

Nach den Sommerferien wurde die Projektkommission bereits wieder aktiviert, der ein Polizist, der Bereichsleiter Tiefbau, ein Verkehrsplaner, der Stadtammann sowie Herbert Künzi und ein Mitglied der Schulpflege angehören. Diesmal geht es um die Bearbeitung der 454 Meldungen von gefährlichen Stellen, welche die IG Verkehrssicherheit in der Zwischenzeit aus einer Schülerbefragung zum Schulweg gewonnen hat.

Damit auch andere Eltern in anderen Gemeinden sich entsprechend organisieren können, stellt die IG Verkehrssicherheit entsprechende Anleitungen und Dokumente im Internet zur Verfügung.

Autor: Andrea Fischer

Fotograf: Samuel Trümpy