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01. Februar 2016

Wie nasses Stroh

Wenn Gymnasiasten Party machen, leiden die Lehrer am nächsten Morgen mit. Die Einführung des schulfreien Samstags war für alle Beteiligten ein Segen.

Peter Aeschlimann
Peter Aeschlimann (38) hat 1998 in Langenthal BE die Matura mit Bravour bestanden.

Früher, liebe Schüler, war es ja so: Da schrillte der fiese Wecker auch am Samstagmorgen – und flog darauf nicht selten in hohem Bogen durchs Kinderzimmer. Es half nichts. Man musste auf, raus aus dem Bett, ab in die Schule.

Gerade im Winter war das ziemlich hart. Schlaftrunken tastete man sich durchs noch stockfinstere Haus zum Badezimmer vor. Unter der Dusche ein Fluch auf die 6-Tage-Woche: «Ja sind wir denn Sklaven! Wann, zum Teufel, schaltet sich die Vormundschaftsbehörde ein?» Der Samstag­vormittag gehöre den Eltern, hiess es immer. In Ruhe gemeinsam einkaufen gehen könnten sie dann, ­etwas für sich unternehmen oder einfach mal ausschlafen – eine kleine Pause im Erziehungsalltag halt. Doch was war mit den Lehrern? Hatten die keine Partner, kein Schlafmanko, keine ­Einkäufe zu erledigen? Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, fand man, und zottelte trotzdem los. Woche für Woche, fast bis zur Matura.

Mit einer Fahne in die Schule? Skandal!

Selbstredend war das nicht nur für uns Schüler eine Qual – gelitten haben auch die Lehrer. Besonders dann, wenn am Freitagabend, und das war nicht selten der Fall, irgendwo in einer Waldhütte oder einem Pfadiheim ein rauschendes Fest gefeiert wurde. Vor einer Stunde hatten wir zum zweiten Mal den Dancefloor feucht aufgenommen und die letzten Bierflaschen entsorgt, jetzt läutete bereits die Glocke. «Mit einer Fahne in die Schule? Skandal!», fand einer unserer Väter. Doch das war uns egal. Nicht so dem Deutschlehrer, der sich beim Rezitieren des «Urfausts» in der ersten Lektion am Samstagmorgen einmal angewidert von der Partyfraktion im Klassenzimmer abwendete: «Ihr seyd ia heut wie nasses Stroh!» Schlimmer wars nur, das belegten die Noten zwei Wochen später stets ganz deutlich, wenn eine Physik­prüfung angesetzt war. Etwas besser vielleicht, wenn Singen oder Zeichnen auf dem Stundenplan stand: An Samstagen waren wir definitiv kreativer.

Irgendwann Ende der Neunziger geschah das Wunder

Natürlich war das auf Dauer kein Zustand. Auch wenn die Eierbrötli und der Eistee in der Kantine nach einer feuchtfröhlichen Feier jeweils am besten schmeckten. Und siehe da, irgendwann Ende der Neunziger, geschah das Wunder: Der Samstagmorgen wurde endlich schulfrei. Wir verbuchten es als Sieg unseres pubertären Ungehorsams. In Wahrheit war die Zeit einfach reif: Die Primarschulen stellten auf den 5-Tage-Rhythmus um, deshalb zog man an den Gymnasien nach.

Und während für die Arbeiterbewegung die flächendeckende Einführung der 5-Tage-Woche in den 60er-Jahren eine sozialpolitische Errungenschaft war, hatten wir Oberprimaner rund 40 Jahre später nun einfach einen Grund mehr, freitags noch härter zu feiern.

Autor: Peter Aeschlimann

Illustrationen: Grafilu (illustrations)