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30. Juni 2014

Schuldenfalle: Auszug von zu Hause

Das Interview mit Bruno Crestani (54), seit 22 Jahren Leiter des Betreibungsamts Zürich Kreis 4. Er will Probleme lieber bei der Wurzel packen, als Wohnungen zwangsräumen. Ausserdem: Drei Budgetpläne für unterschiedliche Haushaltssituationen zum Herunterladen – und fünf Porträts von jungen Betroffenen (rechts: «Jung verschuldet»).

Zürcher Betreibungsbeamter Bruno Crestani
Zürcher Betreibungsbeamter Bruno Crestani.

1. Was ist Ihre Aufgabe als Betreibungsbeamter?

Das Eintreiben von Geld mit gutem Augenmass und im Rahmen der gesetzlichen Richtlinien. Konkret heisst das: Wir führen Zwangsvollstreckungen aus, wie Lohn (Anzeige an den Arbeitgeber!) oder Gegenstände zu pfänden und zu versteigern. Dazu bieten wir die Betroffenen zu einem Termin auf. Wenn sie nicht erscheinen, besuchen wir sie zu Hause. Wichtig ist: Als Betreibungsbeamter muss man Menschen mögen, auch solche, die Probleme haben und nicht einfach sind. Anders geht es nicht.

2. Welche waren bisher Ihre schlimmsten Erlebnisse?

Im Kanton Zürich sind wir Betreibungsbeamte zusätzlich für Wohnungsausweisungen verantwortlich, die vom Gericht angeordnet werden. Bei Personen mit psychischen Problemen oder Familien ist das nicht einfach wegzustecken: Weinende Kinder gehen einem sehr ans Herz. Oder Wohnungen, in denen wir nur noch Tote vorfinden – das ist hart.
Die Wohnungen sind sowieso ein Knackpunkt in der Abwärtsspirale: Leute mit Betreibungen, die in einer zu teuren Wohnung leben, würden vielleicht gern in eine günstigere umziehen. Wegen der offenen Betreibungen bekommen sie aber keine andere. So bleiben sie oft viel zu lang in zu teuren Wohnungen, und die Betreibungen häufen sich – bis wir dann vor der Tür stehen.

3. Was sind die schönen Momente Ihrer Arbeit?

Wenn unsere «Kunden» sagen, es sei gut, dass dieser Job von Menschen gemacht werde, die trotz nötiger Konsequenz empathisch und mit Fingerspitzengefühl entscheiden. Oder wenn ich vor Weihnachten ein Schreiben erhalte, in dem sich jemand für die Art und Weise bedankt, wie wir unsere Arbeit ausführen – das tut einfach gut.

4. Wie ist der Status quo bezüglich junger Erwachsener und Schulden?

In finanzieller Hinsicht ist die schwierigste Situation im Leben junger Erwachsener der Auszug von zu Hause – das ist statistisch erwiesen. Leider hat in vielen Elternhäusern die Erziehung der Kinder im Umgang mit Geld einen bescheidenen Stellenwert. Die aktuelle Studie der Hochschule Luzern zeigt aber, dass die Eltern bezüglich des Finanzverhaltens ihrer Kinder klare Vorbilder sind. Die, die es nicht gut machen, leisten ihrem Nachwuchs einen schlechten Dienst. Eigentlich ist es ganz einfach: Ich kann nicht mehr ausgeben, als ich einnehme. Ein sorgfältig gemachtes Budget hilft, negative Überraschungen zu vermeiden. Sollte doch einmal etwas schieflaufen, empfehlen wir, rasch Hilfe zu holen. Überhaupt sollte man das Tabu Schulden aufbrechen. Viel finanzielles Elend könnte so vermieden werden.

5. Was wünschen Sie sich für die Schuldenprävention in Zukunft?

Ein Wunsch ist, alle Jugendlichen fürs Thema zu sensibilisieren. Das kann auf verschiedenen Ebenen geschehen: durch Workshops in Schulen zusammen mit dem zuständigen Betreibungsbeamten oder Schuldenprävention durch die Lehrpersonen selbst, indem sie das Thema Geld in den täglichen Unterricht einbauen. Hilfreich wäre sicher, wenn das im Lehrplan 21 verankert würde.
Wichtig für die Präventionsarbeit ist auch der Einbezug der Eltern: Sie sollen mit ihren Kindern über Geld reden und ihnen andererseits finanziell schrittweise Verantwortung übergeben. In der Stadt Zürich haben wir die Schuldenprävention seit 1.Oktober 2013 professionell aufgegleist. Die neu geschaffene Stelle «Schuldenprävention der Stadt Zürich» besteht aus einem Sozialarbeiter, einer Lehrerin und einem Pfändungsbeamten. Zusammen bieten sie solche Elternabende und Klassenworkshops an.

Budgetpläne zum Download

Lernende bis 1000 Franken Monatslohn
Einzelpersonen von 3000 bis 4000 Franken Monatslohn
Familien von 4000 bis 5000 Franken Monatslohn


Infos und Beratung: Die Links auf schuldeninfo.ch

Autor: Laila Schläfli