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28. Januar 2013

Schuld und Erlösung

Zu wenig Zeit für die Kinder oder den Partner schlecht behandelt: Viele Menschen leiden unter Schuldgefühlen. Ein offenes Gespräch könnte das Gewissen beruhigen.

Wohin Schuldgefühle führen: Selbstbestrafung, Depression oder Kompensation: Mehr zu den negativen Folgen anhaltender Schuldgefühle und ein paar Erklärungs- und Auswegsansätze.

Junge Leute sind zerknirscht, weil sie Freunde versetzt haben oder anstatt fürs Studium zu lernen, ins Kino gegangen sind. Schuldgefühle sind ständige Begleiter. Im schlimmsten Fall überschatten sie ein ganzes Leben.

Anders als in der Jugend drückt die Gewissenslast im höheren Alter, wenn genug Zeit vergangen ist, um gravierende Fehler zu begehen, schwerer: War ich achtlos gegenüber meinem Partner? Was würde ich anders machen, könnte ich die Uhr noch einmal zurückdrehen? Ob kleiner Fauxpas oder schwerwiegender Fehltritt, das Muster bleibt das gleiche: Das Gewissen meldet sich, sobald jemand etwas aus seiner Sicht Falsches getan oder etwas Richtiges unterlassen hat. Es ist, wie der Berner Paartherapeut Klaus Heer (69) es ausdrückt, die «Stimme des Lebens, das gelebt werden will».

Die Auslöser für Schuldgefühle haben sich über die Jahre verändert. Ein Drittel der Schweizer glauben nicht mehr an das Jüngste Gericht. Der Einfluss der Kirchen auf das innere Korrektiv schwindet deutlich. Plagte die Menschen früher das schlechte Gewissen, wenn sie nicht zur Messe gingen, hat es heute andere Ursachen: «Ethisch-moralische Skrupel gegenüber den Mitmenschen und globale Schuldgefühle sind in den Vordergrund gerückt — zum Beispiel Unachtsamkeit gegenüber der Umwelt oder wirtschaftlicher Eigennutz», erklärt Seelsorgerin Rut Schumacher (63). Am Zürcher Triemlispital begleitet sie Menschen in Grenzsituationen, in denen Schuldgefühle «oft ein belastendes Potenzial entfalten können.»

Bei einer schweren Krankheit oder angesichts des Todes könnten unverarbeitete Konflikte mit Angehörigen oder die selbstquälerische Lebensbilanz «grosse Angst und innere Unruhe auslösen». Ältere litten stärker als Jüngere, die Konfessionszugehörigkeit spiele hingegen kaum eine Rolle. Es sei wichtig, dass Betroffene sich ihren Schmerz von der Seele reden, können, betont die Theologin: «Ist das Schuldgefühl einmal thematisiert, ist ein grosser Schritt getan.»

Schuldgefühle haben auch etwas Positives

Reden hilft, das ist auch die Erfahrung von Roland Lukas (46), Sozialarbeiter und Leiter des Sozialdiensts am Triemlispital. Nicht selten entlarve ein klärendes Gespräch den Selbstvorwurf als unnötig: Eine Frau, die sich der Treulosigkeit bezichtigt, weil sie ihren Mann ins Altersheim bringen lässt, erfährt, dass dieser ihre Not versteht. Die Mutter, die sich grämt, weil sie wenig Zeit für ihre Kinder hatte, hört erstmals, dass diese froh waren, nicht überbehütet aufgewachsen zu sein. «Wir leben in einer Zeit der Verbesserungswut und setzen die Latte für unser Verhalten sehr hoch», sagt Lukas. Der Anspruch, alles im Griff haben zu müssen, sei illusorisch.

Experten wie Klaus Heer sehen im Schuldgefühl etwas Positives. Letztlich sorge es dafür, «dass wir nichts aufs Spiel setzen, was uns wichtig und heilig war und ist» — etwa eine gute Partnerschaft. Gerade in Beziehungskrisen empfiehlt Heer, der mahnenden inneren Instanz «mit freundlichem Interesse» zu begegnen: «Was will mir das schlechte Gewissen sagen? Was will es schützen? Finde ich das, was es schützen will, schützenswert?»

So verstanden sind Schuldgefühle kein Ballast. Sie sind ein moralischer Wegweiser in eine bessere Welt.

Strassenumfrage: Leiden Sie an Schuldgefühlen?

«Warum sollte ich Schuldgefühle haben? Ich stehe jeden morgen auf und arbeite und tue nichts, wofür ich mich schämen müsste.» – Claudio Prati (25), Verkäufer, Adliswil ZH.
«Warum sollte ich Schuldgefühle haben? Ich stehe jeden morgen auf und arbeite und tue nichts, wofür ich mich schämen müsste.» – Claudio Prati (25), Verkäufer, Adliswil ZH.

«Warum sollte ich Schuldgefühle haben? Ich stehe jeden morgen auf und arbeite und tue nichts, wofür ich mich schämen müsste.» – Claudio Prati (25), Verkäufer, Adliswil ZH

«Ich denke immer, ich müsste eine bessere Mutter sein. In Stresssituationen habe ich oft zu wenig Geduld mit meinen Kindern und habe keine Nerven für sie.» – Rachel Pfeiffer (34), Hausfrau, Zumikon ZH (Kinder: Richard: 2, Noemi: 4)
«Ich denke immer, ich müsste eine bessere Mutter sein. In Stresssituationen habe ich oft zu wenig Geduld mit meinen Kindern und habe keine Nerven für sie.» – Rachel Pfeiffer (34), Hausfrau, Zumikon ZH (Kinder: Richard: 2, Noemi: 4)

«Ich denke immer, ich müsste eine bessere Mutter sein. In Stresssituationen habe ich oft zu wenig Geduld mit meinen Kindern und habe keine Nerven für sie.» – Rachel Pfeiffer (34), Hausfrau, Zumikon ZH (Kinder: Richard: 2, Noemi: 4)

«Wenn ich mir nicht gerecht wurde und meine Prinzipien nicht eingehalten habe. Es fuchst mich, wenn ich disziplinlos war oder jemanden verletzt habe, zum Beispiel mein Mami.» – Pascal Hügli (22), Student der Politikwissenschaft, Berikon AG
«Wenn ich mir nicht gerecht wurde und meine Prinzipien nicht eingehalten habe. Es fuchst mich, wenn ich disziplinlos war oder jemanden verletzt habe, zum Beispiel mein Mami.» – Pascal Hügli (22), Student der Politikwissenschaft, Berikon AG

«Wenn ich mir nicht gerecht wurde und meine Prinzipien nicht eingehalten habe. Es fuchst mich, wenn ich disziplinlos war oder jemanden verletzt habe, zum Beispiel mein Mami.» – Pascal Hügli (22), Student der Politikwissenschaft, Berikon AG

«Ich habe immer gearbeitet. Heute plagt mich der Gedanke, ich hätte mich mehr um meine vier Kindern kümmern müssen. Und im Nachhinein tut es mir leid, dass ich ihnen so viel dreingeredet habe. Das würde ich heute anders machen.» – Inge Portner (78), Rentnerin, Suhr AG
«Ich habe immer gearbeitet. Heute plagt mich der Gedanke, ich hätte mich mehr um meine vier Kindern kümmern müssen. Und im Nachhinein tut es mir leid, dass ich ihnen so viel dreingeredet habe. Das würde ich heute anders machen.» – Inge Portner (78), Rentnerin, Suhr AG.

«Ich habe immer gearbeitet. Heute plagt mich der Gedanke, ich hätte mich mehr um meine vier Kindern kümmern müssen. Und im Nachhinein tut es mir leid, dass ich ihnen so viel dreingeredet habe. Das würde ich heute anders machen.» – Inge Portner (78), Rentnerin, Suhr AG.

«Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich meine Eltern so selten daheim besuche. Ich weiss doch, wie sehr sie sich freuen würden.» – Sandra Sträuli (54), Bijouterie-Verkäuferin, Pfäffikon ZH
«Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich meine Eltern so selten daheim besuche. Ich weiss doch, wie sehr sie sich freuen würden.» – Sandra Sträuli (54), Bijouterie-Verkäuferin, Pfäffikon ZH

«Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich meine Eltern so selten daheim besuche. Ich weiss doch, wie sehr sie sich freuen würden.» – Sandra Sträuli (54), Bijouterie-Verkäuferin, Pfäffikon ZH

«Bei meiner Wochenendplanung kann es vorkommen, dass ich jemanden versetze, weil ich lieber etwas anderes machen möchte. Danach habe ich ein schlechtes Gefühl.» – Simone Mettler (21), Flight-Attendant, Kloten ZH
«Bei meiner Wochenendplanung kann es vorkommen, dass ich jemanden versetze, weil ich lieber etwas anderes machen möchte. Danach habe ich ein schlechtes Gefühl.» – Simone Mettler (21), Flight-Attendant, Kloten ZH

«Bei meiner Wochenendplanung kann es vorkommen, dass ich jemanden versetze, weil ich lieber etwas anderes machen möchte. Danach habe ich ein schlechtes Gefühl.» – Simone Mettler (21), Flight-Attendant, Kloten ZH

Autor: Christiane Binder

Fotograf: Oliver Lang, David Biedert