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30. Mai 2016

Schütteln bis zum Tod

Schreiendes Baby
Manchmal halten es Eltern kaum mehr aus: Schreiendes Baby im Bettchen. (Bild iStockPhoto)

Schuld sei nur der Wickeltisch, sagt der Vater. Er habe einen Moment nicht aufgepasst – und seine fünf Monate alte Tochter sei von der Ablage gestürzt. Dann kommen ihm die Tränen. Nebenan, im Traumaraum des Kindernotfalls, kämpft ein Team um das Leben des Säuglings. Das Mädchen ist bewusstlos, es krampft, seine Atmung setzt immer wieder aus. Alles nur wegen des doofen Wickeltisches.
Nach über einer Stunde gelingt es den Ärzten, die Kleine zu stabilisieren.

Die Röntgenbilder geben Rätsel auf: keine Brüche, keine ausgekugelten Gelenke, noch nicht einmal eine Platzwunde, dafür Blutergüsse an den Oberarmen des Babys und Einblutungen in die Augäpfel und auf der Netzhaut. Den Fachleuten kommt ein schlimmer Verdacht. Als die Bilder vom Gehirn kommen, wird es ganz still im Behandlungsraum. Das Baby hat dort massive Blutungen. Der Wickeltisch ist unschuldig.

Kinder können unglaublich laut und unglaublich ausdauernd brüllen. Da wir Eltern das kaum aushalten, wechseln wir eigentlich trockene Windeln, summen Lieder in Endlosschleife oder fahren nachts um drei mit dem krähenden Säugling durch die Gegend. Alles nur, damit das Kleine endlich einschläft. Und manchmal, wenn wir selbst sehr erschöpft sind, zweifeln wir an uns selbst.

Zur Verzweiflung gesellt sich ein anders Gefühl: Wut. Warum kann es, verdammt noch mal, nicht zufrieden sein mit dem, was ich ihm gebe? Ich liebe es, ich umsorge es, ich bin immer für es da. Hör endlich auf zu brüllen, Baby! Vielleicht muss das Kleine einfach mal kräftig geschüttelt werden, damit es zur Besinnung kommt, damit sich dieser Heulkrampf löst?

Wussten Sie, dass der Säuglingskopf wie eine Bowlingkugel nach hinten wegknickt, wenn man das Kind schüttelt? Dass die zarten Blutgefässe im Hals reissen können und das Gehirn dann nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt werden kann? Ein einziger kräftiger Ruck reicht aus. Zwei Sekunden, die ein Leben verändern oder beenden.
Ein Viertel der geschüttelten Säuglinge verstirbt kurze Zeit später, 75 Prozent der Babys, die den Übergriff überleben, tragen schwere bis schwerste Behinderungen davon.

Schütteltraumata sind häufiger als gedacht. Allein im Kanton Zürich gibt es durchschnittlich zwei Fälle pro Jahr, die strafrechtlich verfolgt werden. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

Entscheidend ist: Holen Sie sich Hilfe, wenn sich Ihr eigenes Kind nur schwer beruhigen lässt. Hier zum Beispiel die Nummer des rund um die Uhr besetzten Elternnotrufs in der Schweiz: 0848 35 45 55.
Es gibt viele Dinge, die Eltern tun können. Schütteln darf aber nie zur Option werden.

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Die wichtigsten Infos von Medicalforum.ch (PDF)
www.elternnotruf.ch www.schreibabyhilfe.ch www.schreibaby.ch

Autor: Bettina Leinenbach