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28. Januar 2013

Schüler Bänz hats streng

Asterix irrt. Die spannen nicht, die Römer! Fingen die ihr Jahr doch wirklich — wie ich es mir wünschte — im März an. Die Monate hiessen ja sonst nicht September, Oktober, November: der siebte, achte, neunte Monat. Herr Meier, mein ehemaliger Lateinlehrer, und Frau Eugster, einst meine Lateinlehrerin, erinnerten mich daran, alle beide. Ich muss damals zu wenig aufgepasst haben.

Übrigens bin ich zur Schule gegangen. Jetzt, vor wenigen Tagen. Schon um 07.28 Uhr sass ich ungekämmt und nüchternen Magens an meinem Platz und zog mir dann das volle Programm rein, Lektion für Lektion, einen Morgen und einen Nachmittag lang. Läck, war das taff! Musikunterricht gleich zu Beginn. Wir sollen Tanzschritte vollführen, dazu im Kanon singen und mit dem rechten Arm ein Drei-, mit dem linken ein Viereck beschreiben. Versuchen Sie das mal! Alle könnens, nur ich falle schon im dritten Takt draus.

«Was die alles leisten müssen!»
«Was die alles leisten müssen!»

Besuchstag an Anna Lunas Schule, erraten. Jede Pause von einem zum anderen Unterrichtszimmer hetzen, jede Stunde ein neues Fachgebiet, und immer wird volle Aufmerksamkeit verlangt. Die Schülerinnen und Schüler rechnen mit Wurzeln und Potenzen, parlieren Französisch, treiben Sport, diskutieren dann das Buch «The Wave» über das Nazi-Experiment eines kalifornischen Lehrers, das aus dem Ruder lief. Von blinder Gefolgschaft und Bespitzelung ist die Rede — auf Englisch, das die ganze Klasse fliessend spricht. (Was mich, der mit fünfzehn kein Englisch ausser «Young Boys forever» hervorgebracht hätte, sowieso umhaut.) Gleich darauf vergleichen sie den Hollywood-Schinken «Cleopatra», in dem Liz Taylor die Titelrolle ausfüllt, mit den lateinischen und griechischen Originalquellen. In der nächsten Letkion lernen die Jugendlichen genauestens, wie sich der Malariaerreger im Darmtrakt der Anopheles-Mücke entwickelt, notieren sich Fachausdrücke, Fremdwörter, Details — und scheinen diese zu begreifen, derweil mir längst schwindlig ist; ich bin noch immer bei Kleopatra. Die Klasse aber bereits im Fach Deutsch, wo sie Dinge wissen muss wie: «Ein Chiasmus ist die symmetrische Überkreuzung von syntaktisch oder bedeutungsmässig einander entgegengesetzten Satzgliedern zur Verdeutlichung einer Antithese.» Chiasmus? Nie gehört, den Begriff. Anna Luna kann ihn im Schlaf erklären.

Toller Unterricht, eine richtige Show teils! Und ich weiss gar nicht, vor wem ich mich mehr verneigen soll: vor der Lehrerschaft oder der Klasse, die dieses Monsterprogramm Tag für Tag mitmacht. Was die alles wissen, alles leisten müssen! Da soll sich der ETH-Rektor noch mal über das «tiefe Niveau» unserer Gymnasien beklagen — der ist ja nicht bei Trost. Das Gymi ist viel, viel strenger als zu meiner Zeit. Nun begreife ich, dass unsere Tochter daheim manchmal nur noch rumblödeln will wie ein kleines Kind: In der Schule muss sie sich dauernd zusammenreissen, «eine Grosse» sein.

Dachte ich. Dann zeigt uns ihr Klassenlehrer am Elternabend ein Filmchen von der Schulreise. Der Spielplatz eines Landgasthofs kommt ins Bild, mit einer kleinen Plastikrutschbahn. Und all die 14-, 15-jährigen Jugendlichen – offenbar magisch angezogen – rutschen giggelnd runter, alle! Und wie sie sich diesen Moment herausnehmen, mal einfach nur Kindsköpfe zu sein, ist ein tröstlicher Anblick. Wunderbar tröstlich.

Bänz Friedli live: 31.1. Aetingen SO, «Limpach’s».

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli