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28. Dezember 2015

Schreihälse

Schreiendes Mädchen
Diesmal tönts aber wirklich ernst. (Bild: Fotolia)

Kinder brüllen oft, ausdauernd und gerne. Ein halbes Stündchen Terror pro Tag liegt locker drin. Mal ist den lieben Kleinen langweilig, mal sind sie hässig, mal wollen sie etwas Unerreichbares, mal glauben sie, die Welt sei ungerecht, mal tut ihnen der kleine Zeh weh, mal kommt im Fernsehen die falsche Sendung und/oder das Geschwisterchen ist total gemein. Gelegentlich ist einfach nur das Nutella-Glas leer.

Wenn ich eines gelernt habe, dann das: Brüllen geht immer. Zumindest bei meinen beiden. Glücklicherweise stumpfen wir Mütter und Väter schnell ab. Die Zeiten, in denen ich beim ersten Aufjaulen wie eine Furie ins Kinderzimmer gerauscht bin, um meine Töchter zu retten, sind vorbei.
Bei uns läuft das eher so ab: Ich höre einen Augenblick hin und sortiere den Brüllton ein. Höre ich Frust oder echte Angst heraus? Wut oder doch akuten Schmerz? In neun von zehn Fällen ignoriere ich das Gezeter anschliessend. Und mache die Zimmertür zu. Von aussen.

Mir ist aber klar, dass das Crescendo weniger abgebrühte Mitmenschen (vor allem Nichteltern) verstören kann. Ein Kind, das so hingebungsvoll brüllt, muss leiden, oder? Vielleicht liegt es gerade unter der Playmobil-Guillotine. Oder es wird von Barbie-Pferden niedergetrampelt beziehungsweise vom Globi totgereimt. Könnte doch sein?

Aber glauben Sie mir, mein Gefahrendetektor funktioniert zuverlässig. Neulich kämpfte ich mich daheim durch einen Wäscheberg, als ich durch das geschlossene Fenster hindurch ein entferntes Heulen hörte. Es kam aus einer anderen Ecke des Quartiers und klang merkwürdig vertraut. Ich kann es nicht erklären, aber ich stürmte intuitiv los. Mit Finken an den Füssen hinaus ins Regenwetter, vorbei an verdutzten Passanten, immer weiter Richtung Spielplatz. Dort hing meine Kleine schluchzend am Klettergerüst. Weit über dem Boden.
Glauben Sie mir, es ist gut, dass Kinder oft, ausdauernd und gerne brüllen.

Autor: Bettina Leinenbach