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03. Februar 2014

Schrecksekunden

Fieber senkender Sirup
Wenn sich das Kind selbst den Fieber senkenden Situp genehmigt... (Bild iStockPhoto)

Ida liegt auf dem Sofa und hustet, hustet, hustet. Ich kreise wie ein Satellit um mein Kind.
Thymianwickel.
Bronchialtee.
«Komm wir messen geschwind deine Temperatur … piiiiiiiep – oh, nein, über 40! Ich gebe dir Fiebersaft, dann gehts dir gleich besser.»

Eva spielt die ganze Zeit im Hintergrund. Sie sitzt auf dem Parkett und führt herzige Selbstgespräche mit ihren Lego-Männlein. Gutes Kind! Wie lieb von ihm, sich selbst zu beschäftigen.
Ich koche neuen Tee, stelle eine Plastikschüssel neben das Sofa, weil Ida sagt, sie müsse sich übergeben.
«Mami, ich will auch von dem Aua-Säftli», piepst Eva.
«Nein, mein Schatz, der ist nur für kranke Kinder.»
«Aber ich bin krank.» Eva gibt sich sehr viel Mühe zu husten.
Ich bleibe hart. Die Dreijährige zieht von dannen. Einen kurzen Augenblick denke ich noch, dass der Fiebersaft in den Medizinschrank sollte. Und nicht auf den Bartresen. Aber dann ist er weg, der Gedanke.
Die Waschmaschine hat ausgeschleudert. Ich laufe ins Reduit, zerre die Laken aus der Trommel, Ida hustet.

Als ich zurückkomme, steht Eva auf dem Barstuhl. Das hat sie noch nie gemacht, ich schwöre. Sie grinst mich an und prostet mir zu. Mit dem Ibuprofensaft. Der Deckel liegt auf dem Boden, ihre Lippen sind klebrig, weiss.
«Habe nur einen kleinen Schluck genommen, Mami.»
Wenn man Dreijährigen glauben könnte, dann hätten sie das Wahlrecht. Ich zerre das Kind vollkommen panisch vom Stuhl und beginne mit der Inquisition: Hast du davon getrunken? Wie viel hast du davon getrunken? Kannst du dich an die Milliliterzahl erinnern? (Das wird auch gleich die Dame vom Giftnotruf fragen.) Eva plärrt, Ida hustet – und ich wäre gerade am liebsten in irgendeinem Büro am anderen Ende der Welt. Ich bin jedoch keine chilenische Sekretärin, sondern eine zweifache Mutter in der Schweiz, die gerade ziemlich versagt hat.

Ich laufe mit dem möglicherweise vergifteten Kind im Arm zur Pinnwand und suche nach der Nummer des Toxikologischen Informationszentrums.
Eins-vier-fünf. Eins-vier-fünf. Eins-vier-fünf. Während ich die Nummer rezitiere, suche ich unser schnurloses Telefon. Eva ist kreidebleich. Vielleicht versagen ihre Nieren gerade. Ich tippe mit zittrigen Fingern. Glücklicherweise geht beim Giftnotruf (Toxikologisches Informationszentrum? Unglaublich. Das heisst wirklich so. Wie unpraktisch! «Willkommen beim Toxikologischen Informationszentrum, mein Name ist Regula Rüdisühli-Rechensteiner, was kann ich für Sie tun?» – «Röchel, röchel») gleich jemand ans Telefon. Ich weiss gar nicht, wie ich anfangen soll. Am liebsten würde ich sagen, wie leid mir das tut. Dass es mein Fehler war, den Ibuprofensaft nicht ordentlich zu versorgen. Und dass bei uns normalerweise alle Medikamente an die Decke geschraubt werden.
Ich bleibe dann doch bei den Fakten. Dreijähriges Kind, knapp 14 Kilo schwer, Ibuprofensaft in einer unbekannten Menge. Wir rechnen gemeinsam, wie viele Milliliter das Kind getrunken haben könnte. Unsere Vorstellungskraft reicht bis zu sechs Esslöffeln voll. Unwahrscheinlich, da noch so viel in der Flasche ist. Jedenfalls kann die Frau am anderen Ende der Leitung Entwarnung geben.

Und dann muss ich doch erzählen, wie leid mir das tut. Natürlich erwähne ich auch den Kindersicherungsverschluss.
«Ach, wissen Sie», sagt die nette Stimme, «Sie ahnen gar nicht, wie viele Kinder diese Verschlüsse öffnen können.»

Autor: Bettina Leinenbach