Archiv
11. Januar 2016

Schokolade für Linus

Facts-Covers
Das eingestellte Nachrichten-Magazin Facts. Unter den Journalisten: Krimiautor Linus Reichlin und Migros-Magazin-Kolumnist Bänz Friedli.

«Sie sind schuld, dass ich überhaupt Journalist wurde!», ruft der junge Mann aus, und er ist nicht zu bremsen in seiner Begeisterung darüber, sein Vorbild leibhaftig vor sich zu haben: mich.
Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich werde ein bisschen verlegen, wenn man mir den Schmus bringt. Daher ­versuche ich, das Thema zu wechseln …

Bänz Friedli (50)
Er ist (wirklich) der Autor dieser Kolumne: Bänz Friedli (50).

Vergeblich. Der Mitarbeiter einer lokalen Fernsehstation, in deren winziges Dachkammerstudio ich eingeladen wurde, frohlockt schon wieder: «Als Bub wartete ich jeden Donnerstag sehnlichst auf ‹Facts›!» Hoppla, geht mir durch den Kopf, da erinnert sich ­einer daran, dass ich mal fürs Nachrichtenmagazin «Facts» schrieb. «Ich war sooo Fan!», fährt er fort. «Und die eine Kolumne, in der Sie geschrieben haben …»
Kolumne? Ich schrieb keine Kolumnen in «Facts», ­denke ich. Und sage: «Sind Sie sicher, dass …»
Doch er sprudelt weiter: «Diese eine Kolumne, ­wissen Sie noch? In der Sie schrieben, alle Schweizer hätten immer einen Velohelm auf, ich hab mich kaputtgelacht …» Und kugelt sich noch heute.
«Sind Sie sicher?», hebe ich noch mal an, aber er lässt sich nicht beirren: «Doch, doch, die war von Ihnen!»

Vage erinnere ich mich, den Text auch gelesen zu haben, 15 Jahre muss es her sein, und er war wirklich saulustig. Aber er war nicht von mir. Sondern von Linus Reichlin, dem heutigen Krimiautor. Da bin ich mir ziemlich sicher. (Und daheim wird sich meine Ahnung in Gewissheit wandeln: Rasch ins Medienarchiv eingeloggt, et voilà: «Das Ausland beginnt für mich dort, wo die Leute aufhören, Schutzhelme zu tragen», lautet der erste Satz. Autor: Reichlin, Linus.)
Ich versuchs nochmals: «Könnte es sein, dass Sie sich täuschen?» – «Niemals!»

Ich lasse es dabei bewenden, und mir fällt eine Geschichte ein. Als Peach Weber mal eine Bar besucht habe, sei der Beizer aus dem Häuschen geraten: «Dass ich Sie mal in meinem Lokal haben darf! Was für ein Geschenk!» Er geht nach oben, kommt mit einem Stapel CDs zurück, samt schwarzem Filzstift, sogar mit einigen Kassetten, und will sie signiert haben – lauter Werke von ­Peter Reber. Und was tut Peach Weber, weil er halt ein cooler Hund und ein lieber Kerl ist und die Illusion des Mannes nicht zerstören will? Er unterschreibt jedes einzelne Stück freundlich lächelnd mit: Peter Reber.

So will denn auch ich den jungen Fernsehmann im Glauben lassen, sein publizistisches Idol vor sich zu haben. (Und seine Bewunderung schmeichelt mir ja doch, obgleich ich der Falsche bin.)
Aber den ­Reichlin muss ich jetzt ausfindig machen. Er lebe in Berlin, hab ich gehört. Muss ihm eine Tafel Schokolade schicken, glaubs. Die schulde ich ihm irgendwie. 

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

Hörkolumnen bei iTunes

Hörkolumnen mit RSS-Client

Website: www.baenzfriedli.ch

Bänz Friedlis Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli