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14. November 2016

27 Körbe für einen Schoggijob

Mitarbeiterin im Sekretariat der Reformierten Kichgemeinde
Gesucht wird: Eine Mitarbeiterin im Sekretariat der Reformierten Kichgemeinde.

Das Inserat in unserem Dorfblättchen war klein und unscheinbar. Im Prinzip bestand es nur aus einem Satz, eingeklemmt zwischen «Cheminéeholz zu verkaufen» und dem Sudoku-Rätsel: «Infolge Pensionierung der bisherigen Stelleninhaberin suchen wir, die Reformierte Kirche, ab dem kommenden Frühjahr eine teamfähige, freundliche Sekretariatsmitarbeiterin, Pensum: 20 Prozent.»

Diese kleine Annonce versetzte das Dorf in Aufruhr. Zumindest stelle ich mir das so vor, denn kurze Zeit später gingen – so munkelt man – bei der Kirchenpflege 27 Wäschekörbe voller Bewerbungsdossiers ein.
Das Ganze wurde in meinem Umfeld zum Running Gag. Mussten die Interessentinnen eigentlich mit mir befreundet sein, um sich dort bewerben zu können? Stefanie, Juristin mit zwei Kindern, hatte ihre Unterlagen eingereicht. Susanne, Ingenieurin mit drei Kindern, ebenso. Auch Klara, Ökonomin mit zwei Kindern. Ausserdem noch Anne, die vor ihren drei Schwangerschaften als Chefsekretärin in einem Privatspital gearbeitet hatte. Dann noch Christina, Petra und Charlotte. (Aber das mit Charlotte weiss ich nur aus dritter Hand.) Die Einzige, die sich nicht beworben hatte, war Ursi, Ärztin und dreifache Mutter.

Ich gehe davon aus, dass die Reformierte Kirche ein fairer Arbeitgeber ist und die anderen Angestellten dort nett und umgänglich sind. Das ist sicher so. Aber für einen Schoggijob ist die Arbeit im Sekretariat vermutlich etwas zu eintönig. Ich glaube übrigens, dass auch 27 Wäschekörbe zusammengekommen wären, wenn nicht die Kirche, sondern die politische Gemeinde oder ein kleines Unternehmen die 20 Prozent ausgeschrieben hätte.
Je länger ich über die Dossierflut nachdenke, desto nachdenklicher stimmt mich das Ganze. Es gibt viele gut ausgebildete Frauen, die nach einer bewusst gewählten, länger dauernden Familienphase wieder ausser Haus arbeiten möchten. Nicht zwangsläufig im erlernten Beruf und auch nicht von null auf hundert. Der kleine Lohn, der neu zum Familieneinkommen dazukommt, ist dabei willkommen, aber nicht zentral. Um Selbstverwirklichung kann es auch nicht gehen. Die Freundinnen und Bekannten, die gerne hinter dem Kirchgemeindeschreibtisch Platz nehmen würden, wollen vor allem den Grundstein für die Zeit nach der Kleinkindphase legen.
Ich finde das gut und richtig. Das Problem ist, dass die wenigsten Unternehmen solche kleinen Pensen anbieten. Und da liegt der Hund begraben. Warum geniessen die 20-Prozenter einen so schlechten Ruf? Warum argumentieren die Bosse, dass ein Tag quasi kein Tag sei, dass der bürokratische Aufwand für die kleinen Pensen riesig, der Mehrwert hingegen gering sei?

In den Müttern steckt viel Potenzial. Ich kann nur von mir reden: Seit ich Kinder habe, bin ich nicht nur kreativer, sondern auch engagierter und ausdauernder geworden. Genau das sind die Tugenden, die aus einer normalen Angestellten eine gute machen. Denken Sie mal darüber nach!

Autor: Bettina Leinenbach