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31. August 2015

Schöner leiden am Berg

Der Jungfrau-Marathon gilt als einer der strengsten, aber auch schönsten Langstreckenläufe der Welt. Am 12. September quälen sich wieder Tausende von Läufern die 42,195 Kilometer von Interlaken auf die Kleine Scheidegg hoch. Bereits zum 20. Mal am Start steht Christina Wassmer. Ihr Antrieb: das Panorama und eine grosse Portion Glücksgefühle.

Christina Wassmer
Vergisst ob dem «wunderbaren Panorama» die ganzen Strapazen des Jungfrau-Marathons: Christina Wassmer in der Nähe des Ziels bei der Kleinen Scheidegg BE.

Mitte September ist es wieder so weit: Christina Wassmer (49) startet zu ihrem 20. Jungfrau-Marathon. Er gilt unter anderem dank der drei imposanten Berge als weltweit schönster Lauf über 42,195 Kilometer.

Sieht die Arztgehilfin aus Dottikon AG die schneebedeckten Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau, bekommt sie Gänsehaut. «Das wunderbare Panorama, die abwechslungsreiche Strecke und die Volksfeststimmung mit den vielen Zuschauern, die mich mit ihrem Applaus ins Ziel tragen, begeistern mich.» Am liebsten mag die Hobbymarathonläuferin ausgerechnet den strengsten Streckenteil des Marathons: von Lauterbrunnen im Zickzackkurs nach Wengen hoch und weiter zur Wengernalp.

Ein Jahr lang bereitet sie sich jeweils auf ihren Saisonhöhepunkt vor, trainiert jeden Montagabend in der Läuferriege Wohlen AG, rennt über die Hügel des Aargauer Freiamts, umrundet ab und zu den Hallwilersee und kommt so auf wöchentlich rund 50 Trainingskilometer. Zusätzlich ist die sportliche Singlefrau auch auf dem Rennvelo und dem Mountainbike unterwegs.

Sie befürchte jedes Mal, sich im letzten Moment noch zu erkälten oder zu verletzen. Die Tage vor ihrem grossen Jahresziel laufen immer gleich ab: Zwei Tage vor dem Start gönne sie sich eine Massage. Am Wettkampftag selbst fährt sie mit ihrem Schwager frühmorgens Richtung Interlaken los. «Jeder erzählt von seinen Ängsten und was alles wehtut.» Doch sobald der Startschuss gefallen ist, sei die ganze Nervosität weg.

Die Strecke von Interlaken via Lauterbrunnen zur 1800 Meter höher gelegenen Kleinen Scheidegg möchte sie dieses Jahr in weniger als 5 Stunden schaffen. Ihre Bestzeit von 4 Stunden und 34 Minuten stammt aus dem Jahr 1999. Sport sei für sie Ausgleich zur Arbeit, gebe ihr viel Befriedigung, Erholung und Ruhe. «Während des Wettkampfs», gibt Wassmer zu, «frage ich mich schon manchmal, weshalb ich mir das antue. Doch in solchen Momenten lenke ich mich mit der Aussicht ab oder erhalte ein paar aufmunternde Worte von anderen Läufern. Auch im Wettkampf nehme ich meine Umgebung stark wahr.»

Ein Mal begleitete sie ihr Bruder Wolfgang Wassmer (57), der sie überhaupt auf die Idee gebracht hatte. Er ist selbst ein ambitionierter Läufer und gibt ihr Trainingstipps. Zwei Mal verhinderte eine überreizte Achillessehne den Start. Und ein Mal musste sie aufgeben, weil ein Wechsel der Arbeitsstelle zu viel Energie gekostet hatte.

Erstmals überhaupt an einem Lauf startete Wassmer im Oktober 1992 am Hallwilersee über 11 Kilometer. Ein knappes Jahr später wagte sie den grossen Schritt und stand vor ihrer Jungfrau-Marathon-Premiere. Wassmer hatte keine Ahnung, was sie erwarten würde. Sie kämpfte sich im Berner Oberland bei Regen und Schnee ins Ziel. «Die Entschädigung mit dem Glücksgefühl auf der Kleinen Scheidegg war jedoch unbeschreiblich.»

Seither startete Wassmer zusätzlich rund ein Dutzend Mal über 50 Kilometer in Burgdorf BE, zehn Mal am Frauenfelder Waffenlauf, vier Mal am Zermatt-Marathon sowie an den Stadtmarathons von Zürich, Barcelona und New York. In ihrer Läuferkarriere haben sich rund 50 Marathons angesammelt – für jedes Lebensjahr einer.

«Viel mehr als auch noch Rennvelofahren und Biken hat in meiner Freizeit nicht mehr Platz», sagt sie. Was allerdings nicht ganz stimmt: Ab und zu hilft Christina Wassmer als Sopran in einem Chor aus. Das Requiem von Johannes Brahms, vor zwei Jahren in der Stadtkirche von Lenzburg AG aufgeführt, sei ihr unter die Haut gegangen – fast wie ein Marathon.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Daniel Winkler