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30. Juni 2014

Schöner Hecheln

Gebärsal noch ohne Personal
Von wegen Anstrengung: Der Gebärsal noch ohne Personal... (Bild iStockFoto)

Idas Geburt war nicht lustig. Irgendwann – es muss zwischen der 325. und der 326. Wehe gewesen sein – hatte ich die Schnauze voll. Und zwar so richtig. Ich wäre am liebsten vom Gebärbett geklettert, hätte meine Unterhose wieder angezogen und wäre aus dem Spital geflüchtet. Macht ihr ruhig ohne mich weiter! In diesem Moment zauberte die mir zugeteilte Hebamme ein Fläschlein Lavendelöl hervor. «Wenn Sie möchten, massiere ich Ihnen den Rücken, das entspannt tooootal.» – Ja, und in der Hölle schneit es. Ich hätte das junge Ding am liebsten mit den homöopathischen Kügelchen beworfen, die es mir Stunden zuvor mit ähnlich salbungsvollen Worten aufgedrängt hatte. Aber dazu hatte ich leider keine Zeit, denn der nächste Wehen-Tsunami rollte durch mich hindurch. Damals, vor genau sechs Jahren, wurde mir eines bewusst: Gebären hat nichts mit Wellness zu tun. Da kann der Kreisssaal noch so geschmackvoll eingerichtet sein. Aus dem mittelhochdeutschen Wort «kreissen» hat sich das neuhochdeutsche «Kreischen» entwickelt. Mit anderen Worten: Es ist nicht lustig, einen Achtpfünder durch eine Flaschenhals zu quetschen.

Trotzdem bemühen sich viele Spitäler darum, diesen Eindruck zu vermitteln: Kommen Sie zu uns, bei uns tut es nur halb so weh, da wir diese supercoolen Wannen haben! Während Sie, liebe Mütter, im Wasser relaxen, werden Sie unvergessliche Geburtsmomente erleben. Unsere komplette Gebärabteilung ist rosarot gestrichen, damit wir uns – oooohm – alle wie im Uterus fühlen. Sollte es dann doch ein wenig zwicken und zwacken, können Sie gern zur Entspannung Buckelwalgesänge hören. Ach, ja, und sobald Ihr selbstverständlich strahlend schönes Kind geboren ist und friedlich schlummert, dürfen Sie zum Frühstücksbüffet lustwandeln und sich dort von unserem topqualifizierten Personal ein Orangenblütenhonigbrötchen schmieren lassen.

Ich habe eine Kollegin, die schloss nur im Hinblick auf die Geburt ihres Kindes eine Zusatzversicherung ab. «Dann», so sagte sie mir, «kann ich in diese Zürcher Privatklinik, in der in jedem Zimmer ein Flachbildschirm hängt und das Spitalbett wie ein Hotelbett aussieht. Eine andere Bekannte inspizierte jeden einzelnen Kreisssaal im Umkreis von 30 Kilometern von innen. Sie hängte sich probehalber an jedes bunte Webtuch, das überall von der Decke baumelt. Und sie rutschte mit ihrem Hintern über alle Mayahocker, die es gab. Im einen Spital war ihr die Wanne zu rot (obwohl diese Farbe durchaus Sinn macht), auf der anderen Gebärabteilung war ihr der Chefarzt irgendwie unsympathisch. Doch dann fand sie es, ihr ganz persönliches Traumspital.
Als drei Wochen später ihre Fruchtblase riss, rief sie dort an, um sich anzumelden. «Wir sind leider schon voll belegt, versuchen Sie es im Unispital.» Auch dort war der Gebärsaal voll. Am Schluss landete meine Kollegin ausgerechnet dort, wo es ihr beim Krankenhaus-Sightseeing am wenigsten gut gefallen hatte. Was aber genau genommen keine Rolle spielte. Das Baby hatte es nämlich so eilig, dass es auf dem Weg vom Taxi in den Gebärsaal zur Welt kam.
Nächste Woche: Hausgeburt und Geburtshaus

Autor: Bettina Leinenbach