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05. März 2012

Schön, dynamisch, dänisch

Ob in der Architektur, in der Mode oder bei den Telefonkabinen: In Kopenhagen legt man Wert auf gutes Design. Wegweisend ist die dänische Stadt aber auch im Umweltschutz. Kopenhagen will erste CO2-neutrale Hauptstadt der Welt werden.

Königliche Bibliothek Kopenhagen
Die Königliche Bibliothek, neues Wahrzeichen der Stadt.

Dänen können keine Gabel zum Mund führen, ohne sich Gedanken über deren Design zu machen, behauptet ein Bonmot. Das Klischee stimmt. Es manifestiert sich in Kopenhagen auf Schritt und Tritt.

Am deutlichsten sichtbar ist das Phänomen in der neueren Architektur. Diese ist futuristisch, mitunter gewagt. Beste Beispiele sind neue Prestigebauten wie die Oper und das Königliche Schauspielhaus. Besonderes Renommee geniesst die Königliche Bibliothek, der sogenannte schwarze Diamant. Der heisst so, weil er so aussieht.

Der Drang zur perfekten Form setzt sich fort in den Schaufenstern im liebevoll gepflegten, mittelalterlichen Zentrum rund um die älteste und längste Fussgängerzone der Welt, der Strøget. Scheibe an Scheibe präsentiert sich da schlichte, aber raffiniert geschnittene Mode. Die Einrichtungshäuser punkten mit Möbeln, Geschirr und Deko-Gegenständen, die durch klare Linien, Funktionalität und minimalistische Farbkonzepte auffallen. Typisch nordisches Understatement.

Die dänische Liebe zum Design prägt die rote Uniform der Briefträger und auch die Telefonkabinen: Diese haben die stilisierte Form eines Fragezeichens. Denn, so die Überlegung, wer jemanden anruft, hat eine Frage oder muss eine Frage beantworten.

Die Automaten für Parktickets sind mit kleinen Solarpanels ausgestattet, die den benötigten Strom produzieren.
Die Automaten für Parktickets sind mit kleinen Solarpanels ausgestattet, die den benötigten Strom produzieren.

Die zweite grosse Leidenschaft der Kopenhagener ist die Ökologie. Diese beginnt bei den Tüten mit dem wenig raffinierten, braunen Zucker, der zudem aus fairem Handel stammt und in praktisch allen Restaurants Standard ist. Etliche Hotels und viele Taxis entrichten freiwillig CO2-Kompensationen und dürfen sich dafür gut sichtbar mit einem Gütesiegel schmücken. Die Automaten für Parktickets schliesslich sind mit kleinen Solarpanels ausgestattet, die den benötigten Strom produzieren.

Die dänische Variante von Öko ist weit weg vom Wolle-Jute-Bast-Klischee. Man ist dunkelgrün, aber durchgestylt. Die Stadtverwaltung will Kopenhagen in den nächsten Jahren zur ersten CO2-neutralen Hauptstadt der Welt machen. Insofern hinterliess der Weltklimagipfel, der 2009 hier stattfand — und in einem Desaster endete — doch positive Spuren.

Zweiradautobahnen für Velofahrer

Ein Cargo-Bike, Kopenhagens Familienvehikel.
Ein Cargo-Bike, Kopenhagens Familienvehikel.

Klar, dass Kopenhagener wie verrückt recyclen. Und cyclen. 35 Prozent der Stadtbevölkerung fährt täglich mit dem Velo zur Arbeit. Zum Vergleich: In Zürich sind es sieben Prozent. Die dänischen Velowege sind entsprechend ausgelegt: als zwei Meter breite Zweiradautobahnen. Vor den Lichtsignalen sind Stauräume für die Velos blau markiert, und vom Nachwuchs bis zum Wocheneinkauf wird grundsätzlich alles herumgekarrt, was irgendwie in ein Cargo-Bike passt. Die Velos mit Holzkisten vorne dran wurden in den Siebzigerjahren im berühmten Alternativquartier Freistadt Christiania erfunden; noch heute werden sie dort in Handarbeit hergestellt. Immer öfter begegnen einem solche Velolaster auch auf Schweizer Strassen.

Selbstverständlich sind auch «normale» Zweiräder bis zur letzten Speiche durchgestylt. Neuster Schrei sind karge Renner ohne Schnickschnack wie Schutzblech, dafür mit dicken Felgen in Leuchtfarbe. Darauf spezialisierte Läden sind so zahlreich wie hierzulande Bäckereien.

Kinder sind überall mit dabei

Ein Designfahrrad ist nicht billig; es wird dafür überall gebraucht. Dänen haben es immer dabei — auch im Zug und in der Untergrundbahn. Taxis sind mit einem Veloträger ausgerüstet, auf dem ein bis zwei Drahtesel Platz haben — für den Fall, dass der Abend etwas gar lang und lustig wurde. Was in Kopenhagen öfters vorkommt.

Neben dem Velo haben Dänen meist Kinder dabei. Ausser Thomas Peterhans. Aber der ist Schweizer. «Ab Ende zwanzig ist man als Kinderloser ziemlich einsam», sagt der 38-jährige Bündner. Immerhin hat seine Freundin eine Tochter. Diese Freundin ist der Grund, warum der Werbetexter in Kopenhagen lebt. Bereits zum zweiten Mal. «Ich bin ihretwegen vor vier Jahren schon einmal hierhergezogen und habe mich als Lehrer an der Deutschen Schule und als Freischaffender einigermassen über Wasser gehalten.»

Thomas Peterhans (38), Schweizer Werbetexter, lebt in Kopenhagen.
Thomas Peterhans (38), Schweizer Werbetexter, lebt in Kopenhagen.

Auf lange Sicht seien seine Zukunftsaussichten jedoch zu düster gewesen, weshalb er zwei Jahre später nach Zürich gezogen war. In die Schweiz kommen wollte seine Freundin wegen ihres schulpflichtigen Kinds nicht. Also führten sie eine Fernbeziehung — bis Peterhans im Juni 2011 einen zweiten Anlauf nahm. «Diesmal habe ich einen festen Job als Werbetexter», sagt er. Der Freundin finanziell auf der Tasche zu liegen sei für ihn prinzipiell nicht in Frage gekommen. Peterhans spricht bestens dänisch, arbeitet jedoch auf Deutsch, da die Agentur sehr viele deutschsprachige Kunden im In- und Ausland betreut.

Ab Ende zwanzig ist man als Kinderloser ziemlich einsam.

Er schätzt Kopenhagen trotz des kühlen, feuchten Klimas — im Sommer kann es allerdings auch mal 35 Grad heiss werden — wegen der ausserordentlich hohen Lebensqualität. Den Hang zu Farbe und Form der Einheimischen nimmt er amüsiert zur Kenntnis und erzählt von seltsamen Blüten. Wohnungsinserate seien grundsätzlich mit Fotos illustriert, auf denen stets luftige Räume mit weissen Möbeln zu sehen seien. «Bei den Leuten zu Hause, zumindest bei unseren Freunden, sieht es nicht ganz so perfekt aus. Aber es stimmt schon: Dänen legen Wert auf Stil.»

Grenzenloses Vertrauen in den Staat

Die Nachkommen der Wikinger gelten als freundliches Volk. Sie sind gesellig und gesprächig gegenüber Fremden — sofern diese nicht aussehen, als wollten sie sich langfristig niederlassen. Dänen sind stolz auf sich, ihre Königin und ihre Nation und halten diese für die beste der Welt; das behaupten zumindest Lästerzungen im Nachbarland Schweden. Auch zeigen die Dänen grenzenloses Vertrauen in ihren Staat. Thomas Peterhans findet das irritierend: «Keinen stört es hier, dass die gleiche Nummer für das Salärkonto, die AHV und die Krankenkasse verwendet wird. Ich finde es noch immer schräg, dass meine Bank ungeniert mit dem Staat über meine finanzielle Situation kommuniziert. An diesem Konzept des gläsernen Bürgers hat hier aber niemand etwas auszusetzen.»

Immerhin erleichtert es die Bürokratie, was wiederum die Umsetzung innovativer Ideen vereinfacht. Und so boomt in Kopenhagen ein Stadtteil nach dem anderen. Galt bis vor Kurzem Nørrebro als hippstes Quartier mit grosser Alternativkultur, so mausert sich Vesterbro zur ernsthaften Konkurrenz. Rund um die Strasse Istedgade, die gleich hinter dem weltberühmten Tivoli beginnt, siedeln Künstler und Kreative — und in ihrem Schlepptau Boutiquen lokaler Designer sowie Galerien, Cafés und Restaurants mit jungem Publikum. Sie stehen neben Sexshops, Billighotels und Tatooläden im traditionellen Rotlicht- und Arbeiterquartier.

Diese charmante, leicht verruchte Ecke Kopenhagens ist nicht so durchgestylt und glatt wie der schwarze Diamant im Zentrum — aber lustig.

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Nik Hunger