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07. März 2016

Schön blöd

Marilyn Monroe
Marilyn Monroe erhielt von der ETH-Site immerhin die Note 4 ...

Ohne gross zu überlegen, lade ich ein Bild von mir hoch. Um zu erfahren, wie gut ich aussehe – oder eben wie schlecht. Eine neue Site im World Wide Web verspricht, binnen Sekunden mein Alter zu schätzen und mir mitzuteilen, wie hübsch ich sei. Die Abstufung reicht von «Hmm …» bis «göttergleich»: Algorithmen ermitteln meine Schönheit.

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) darf sich jung fühlen.

Eine Spielerei? Nein, kompletter Schwachsinn. Schon in den ersten Tagen verzeichnete die Website Faces.ethz.ch Millionen von Nutzerinnen und Nutzern. Bestimmt vor allem junge Frauen, die sich von ihrem Handy sagen lassen mussten, wie unattraktiv sie seien … Und leider haben Sie richtig gelesen: Ja, unsere hehre ETH hat den elektronischen Schönheitsmesser ­erfunden. Ausgerechnet die ETH, deren Rektor keine Gelegenheit auslässt, die angebliche Verblödung unserer Jugend zu beklagen und härtere Maturprüfungen zu fordern. Wäre ich technikaffiner, würde mir der Nutzen der Forschung, die hinter solch einem Projekt steht, gewiss einleuchten. Programme, die Gesichter einordnen können, werden künftig eine Rolle spielen.
Bestimmt ist die App nicht fern, in die man ein hurtig geknipstes Porträtbild eingeben kann, um zu erfahren, wessen Antlitz es ist. So, wie das heute bereits mit Songs funktioniert: Eine Melodie kurz mit­schneiden – schon verrät einem eine App, von wem der Song stammt. Sollte Ähnliches künftig auch mit Menschen möglich sein, wäre dies gerade mir dienlich, zumal ich so oft Mühe habe, Gesichter «heimzutun». (Allerdings stelle ich mir das auch ein bisschen peinlich vor: «Wart, muss dich schnell googeln!» Smartphone gezückt, Schnappschuss gemacht … «Ach, ja, klar! Du bist die Fabienne! Wie läufts?»)

Nein, diese Schönheitsbeurteilung ist nicht harmlos. Weil sie suggeriert, einzig Äusserlichkeit sei wichtig. Weil sie junge Leute unnötig deprimiert, da sie nur «okay» abschneiden und nicht «stunning». Ist ja klar, dass jedes zweite Schweizer Mädchen schon sein Foto hochgeladen hat! Zwar wird behauptet, das System akzeptiere niemanden unter 18 Jahren. Aber das ist Heuchelei. Alle Teenager, die ich eingab, wurden beurteilt und auf 22- bis 24-jährig geschätzt. «Nehmen Sie das nicht zu ernst!», beschwichtigen die ETH-Entwickler im Kleingedruckten. Perfid, denn da ist der Schaden bereits angerichtet.

Zum Test habe ich Marilyn Monroe eingegeben. Das Programm gibt der Jahrhundertschönheit Note 4 auf der Skala von 1 bis 6. Mir dagegen schmeichelt es, ich sei 37 Jahre jung. Was möchten die Herren Programmierer noch trinken? 


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli