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22. September 2014

Schock am Briefkasten

Post von einer bestürzten Leserin aus Pfäffikon: Daniela fühlt sich «als Hausfrau, Teilzeitarbeitende, Mutter und vor allem als Frau» verschaukelt. «Finde ich doch in meinem Briefkasten ein Anti-Age-Pflegekartönli!» Ein Grossverteiler unseres Vertrauens – drei Mal dürfen Sie raten! – hat ihr ein Werbepäckchen geschickt und den Tag offenbar ordentlich versaut. «Will frau denn so was lesen: ‹… kaschiert die Zeichen des Alterns, mildert Falten und Flecken …›?», seufzt Daniela.

«… als sie noch nicht Longboards hiessen …»
«… als sie noch nicht Longboards hiessen …»

«Spüren diese Werbegurus wirklich, dass ich seit einigen Wochen vermehrt in den Spiegel schaue?» Ihr sei klar, dass sie als registrierte Kundin – «dank» Punktekarte – im Glashaus sitze. Aber: «Ich bin 45 Jahre alt und eigentlich gut im Schuss.» Umgehend suchte sie Trost in ihrem «Mädels-Chat», aber, ach, die anderen Frauen hatten das Päckchen auch bekommen und waren ähnlich niedergeschlagen. Und nun will Daniela wissen, ob ich als männliche Hausfrau auch solcherlei Post erhielte.

Lass uns Du sagen, liebe Daniela! Und erlaube, dass ich deinen Satz auf mich anpasse: Ich bin 49 und eigentlich gut im Schuss. Ich kann dir nachfühlen, auch ich bekomme in Drogerien gelegentlich ungefragt Anti-aging-Produkte in die Hand gedrückt, meist von entschuldigenden Worten begleitet: «Also, da steht jetzt ‹anti aging› drauf, aber …», hüstel hüstel, «nehmen Sies nicht persönlich!» Was alles noch schlimmer macht. Ich nehme an, wir sind uns einig: Wir werden keine Botox-Einöden aus unseren Gesichtern machen. Wir wollen nur nicht dauernd auf die paar Fältchen hingewiesen werden, stimmts?

Sollen wir uns – weil die Werbung ja sonst immer auf Junge zielt – trösten, dass man uns überhaupt mal als werberelevante Zielgruppe einstuft? Oder sollten wir die Cumulus-Karte auf unsere Töchter überschreiben, um künftig keine Müsterchen für Oldies mehr zu erhalten, sondern Sälbelein für die Teeniehaut, Slipeinlagen für Anfängerinnen und irgendwelche Energydrinks? Kanns irgendwie auch nicht sein. Aber ich weiche aus.

Denn das Fiese ist: Nein, Daniela, ich habe besagtes Päckchen nicht erhalten. Vermutlich kein Zufall, denn uns Kerlen ist das Älterwerden erlaubt. Wir haben ja tolle Vorbilder: Herr Clooney ist auch in Grau noch sexy, Herr Eastwood auch mit Falten noch der Held, Herr Connery sieht je älter, desto besser aus. Wo hingegen sind meine Filmheldinnen aus den Eighties geblieben? Debra Winger, Rosanna Arquette, Jessica Lange? Die durften nicht öffentlich altern.

Ich kann dir einzig versichern, liebe Daniela, dass man auch als Mann zuweilen hadert, wenn man sich mittels Clooney-Kapsel einen Kafi rauslässt, um die müde Birne zu wecken, und doch genau weiss, dass man nie, nie im Leben so scharf aussehen wird wie er. Und warum hat der Sack noch immer so eine gute Figur? Ach, komm, nimms als Kompliment! Die Werbesendung wollte dir sagen: Du bist ein Klassiker, du bist definitiv erwachsen, du musst nicht mehr jeden Seich mitmachen.

Nur: Was, wenn man den Seich gern macht? Echten Trost spendet mein Sohn. Hans hat mir ausdrücklich erlaubt, weiterhin mein Skateboard zu benützen – obwohl das nun unter Jungen der letzte Schrei ist. Er sah ein, dass ich schon vor 40 Jahren solch ein Brett besass, als sie noch nicht Longboards hiessen.
Und er nimmt mich sogar manchmal mit auf eine Tour durchs Quartier. Wenn grad keiner der Nachbarjungs Zeit hat …

Bänz Friedli live: 25.–27. 9. Bern, La Cappella.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli