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21. Mai 2012

«Schnelltest zeigt Risiken auf»

Ein Schnelltest der norwegischen Universität Bergen verspricht, eine Facebook-Abhängigkeit mit wenig Aufwand aufzuspüren. Wie hilfreich sind solche Tests, und was ist bei festgestellter Suchtgefahr zu tun? Fünf Fragen an Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie.

Daniel Süss (49) 
ist Professor für Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. (Bild: zVg.)

1. Daniel Süss, ist es wirklich so, dass immer mehr Kinder facebooksüchtig sind?

Je mehr digitale Medien permanent mobil verfügbar sind, desto höher wird das Risiko einer Abhängigkeit. Trotzdem muss man sagen: Die meisten Jugendlichen können gut mit sozialen Plattformen umgehen. Nur wenige weisen Anzeichen eines Kontrollverlusts auf.

2. Wie ist Sucht in diesem Fall definiert?

Man spricht von einer sogenannten Verhaltenssucht. Für soziale Medien wie Facebook gibt es zwar noch keine offizielle klinische Diagnose, aber in Anlehnung an ähnliche Verhaltenssüchte wie beispielsweise Spielsucht kann man sagen: Wenn der Alltag sich zunehmend um die sozialen Medien herum abspielt und sie ihn negativ beeinflussen, sind das ernst zu nehmende Anzeichen. Insbesondere, wenn Schule und Beziehungen dadurch vernachlässigt werden.

3. Was halten Sie vom Test der Uni Bergen, der eine Abhängigkeit an fünf Kriterien festmacht: Wird die Freizeit nur noch via Facebook geplant? Wird Facebook zur Ablenkung von Problemen genutzt? Wie gross ist der Drang, immer mehr Zeit auf Facebook zu verbringen? Wurde erfolglos versucht, die Zeit, die man auf Facebook verbringt, zu verringern? Gibt es negative Einflüsse auf Schule und Beruf?

Solche Kurztests können sich eignen, um auf Risiken aufmerksam zu werden. Aber für eine abschliessende Beurteilung braucht es Fachleute.

4. Wer ist besonders gefährdet?

Sozial isolierte Jugendliche, aber auch extrovertierte Kinder, die sehr auf soziale Anerkennung angewiesen sind.

5. Was können Eltern tun, wenn ihr Kind Anzeichen einer Facebook-Sucht zeigt?

Am besten sind vorbeugende Massnahmen. Dazu gehören Abmachungen, wie viel Zeit die Kinder online verbringen dürfen und wie sie sonst ihre Freizeit gestalten. Wenn Jugendliche sich über das normale Mass abgrenzen von Familie und Freunden, könnte das auf Probleme hindeuten. Dann sollten Eltern rasch das Gespräch suchen. Kinder könnten auch mal zwei Wochen lang Buch führen über die Zeit, die sie mit sozialen Medien verbringen. Wenn alles nichts nützt, braucht es Hilfe von aussen. Etwa von einer Suchtpräventionsstelle oder einem Jugendpsychologen.

Blick.ch-Artikel zum Thema vom 9.5.2012.
Blick.ch-Artikel zum Thema vom 9.5.2012.

Den ganzen Blick.ch-Artikel, der Anstoss zu den Fragen lieferte, lesen Sie hier

Autor: Andrea Fischer