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09. November 2015

Schnelle Wendy

Slalomspezialistin Wendy Holdener visiert in der neuen Saison Podestplätze an. Das Après-Ski überlässt die zielstrebige Schwyzerin deshalb anderen. Zum Porträt mehr über ihre getaufte Gondel der Hoch-Ybrig-Seilbahn, den Grand Prix Migros und die Famigros Ski Days (rechts).

Wendy Holdener geniesst die Herbstsonne
Wendy Holdener geniesst die Herbstsonnenstrahlen im Trainingslager in Saas-Fee.

Saas Fee VS im Herbst, die letzten Sonnenstrahlen tauchen den Allalingletscher in goldenes Licht. Für Wendy Holdener (22) geht ein anstrengender Trainingstag zu Ende. Die Skirennfahrerin sitzt mit ihren Trainern im Speisesaal des Hotels Saaserhof und sieht sich selbst im Fernsehen zu: Videoaufnahmen der Fahrten vom frühen Morgen. Geübt wurde der Riesenslalom, zum ersten Mal in dieser Saison im richtig steilen Gelände, Bedingungen wie im Ernstkampf.
Die junge Schwyzerin ist zufrieden. Am Timing und an der Linie müsse sie zwar noch feilen. «Ich habe begriffen, wo ich mich noch verbessern kann. Das ist die Hauptsache.»

Das Training in Saas Fee hat sich gelohnt: Beim Saisonauftakt in Sölden vor ein paar Wochen fuhr Wendy Holdener im Riesenslalom auf den 26. Rang und damit die ersten Weltcuppunkte ein. Der erste Slalom, ihre Paradedisziplin, lässt nach der Absage in Levi noch etwas auf sich warten.
Podestplätze seien das Ziel, sagt die junge Athletin, und natürlich gesund bleiben. Cheftrainer Hans Flatscher traut seinem Schützling viel zu. Wendy Holdener sei eine sehr zielstrebige und ehrgeizige Athletin: «Wenn alles passt und sie den richtigen Tag erwischt, kann sie im Slalom einen Sieg einfahren.»

In Wendy Holdeners Leben dreht sich schon früh alles ums Skifahren. Mit drei Jahren steht sie zum ersten Mal auf den beiden Latten, die bis heute ihre Welt bedeuten. Als Jüngste von drei Geschwistern eifert sie den zwei Brüdern nach. An den Wochenenden zieht es die ganze Familie auf die Piste oder in die Loipe im Hoch-Ybrig, und werktags sitzt man über Mittag vor dem TV und feuert die Stars am Lauberhorn oder in Kitz­bühel an: die Schweizer Didier Cuche und Sonja Nef – und auch ein bisschen Bode Miller aus den USA.

Erste Rennerfahrungen sammelt Holdener am Grand Prix Migros (rechts). «Das war immer ein toller Anlass», sagt sie. Deshalb ist sie auch stolz, dass sie am letzten Dienstag die neue «Grand-Prix Migros und Famigros Ski Day»-Gondel im Hoch-Ybrig als Taufpatin einweihen durfte.

Alle Holdeners im Final

Obwohl es nie zum Sieg reichte, hat sie nur gute Erinnerungen an die Rennen. Speziell sei jene Saison gewesen, als alle drei Holdeners im Final waren. Für Wendy war es eine Premiere, für ihren Bruder Steve gleichzeitig die letzte Teilnahme am GP. Als Konkurrenten betrachteten sich die Geschwister nie. Ihre Brüder seien für sie Vorbilder gewesen, sagt Holdener, «wir haben uns stets gegenseitig gepusht».
Mit 16 Jahren wird Wendy Holdener ins C-Kader von Swiss Ski aufgenommen, und nur eine Saison später gibt sie ihr Debüt im Weltcup. Sie gewinnt einen kompletten Medaillensatz an der Junioren-WM in Crans-Montana VS und wird Nachwuchssportlerin des Jahres. Ihr bisher bestes Resultat ist ein zweiter Platz im Weltcup von Ofterschwang vor zwei Jahren.

«Ich möchte noch ewig Ski fahren», sagt Wendy Holdener. Sie ist sich aber bewusst, dass das Leben manchmal anders verläuft als geplant. Als bei ihrem Bruder Kevin 2011 ein bösartiger Tumor diagnostiziert wurde, war dieser auf bestem Weg, ein erfolgreicher Skisportler zu werden. Sie habe es damals kaum ertragen können, auf den Ski zu stehen, während der Bruder mit der Krankheit zu kämpfen hatte, erinnert sich Wendy Holdener.
Heute ist Kevin krebsfrei. Er studiert, macht die Pressearbeit und das Management für seine Schwester.

In Saas Fee steht bald das Nachtessen mit dem Team auf dem Programm. Ein Abstecher ins Après-Ski liegt für die Profis nicht drin. Schliesslich will man am nächsten Tag die erste Bahn auf den Gletscher erwischen. Das bedeutet: Aufstehen um halb sechs.
Sowieso muss Wendy Holdener noch Englisch büffeln. Parallel zu ­ihrer Skikarriere bereitet sie sich nämlich schon auf das Leben nach dem Weltcup vor. Die gelernte Receptionistin absolviert derzeit das KV – nächsten Juni finden die Abschlussprüfungen statt. «Es sind lange und intensive Tage», sagt Wendy Holdener, «aber ich kann mir kein schöneres Leben vorstellen.» Allein die vielen interessanten Orte, die man bereisen dürfe, seien die Strapazen wert. «Ich erlebe Dinge, von ­denen ande­re Leute in meinem Alter nur träumen können.» 

Autor: Peter Aeschlimann

Fotograf: Marco Zanoni