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17. Februar 2014

Gefährlich schöne Schneetour

Mit Schneeschuhen unterwegs durch die einsame Ebene Tsa du Toûno im Val d’Anniviers: Eine wunderbare Tour, die ganz schön gefährlich sein kann.

Mit Schneeschuhen unterwegs durch die einsame Ebene Tsa du Toûno im Val d’Anniviers
Unterwegs in der eigenen Spur – nicht zuletzt, um ein Gespür für die Lawinensituation zu erhalten. 
Von links: Sandra, Reto, Üsé und Bergführer Vincent.

OHNE GEFAHR AUF DIE SCHNEETOUR
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«Sandra, arrête!», schreit der Bergführer von unten und zeigt auf den Hang, wo sich soeben auf rund 150 Metern Breite eine Lawine löst. Derweil blinkt unter Sandras Pullover das rote Kontrolllämpchen des LVS – ihres Lawinenverschüttetensuchgeräts.

Bergführer Vincent prüft das Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS).
Bevor es losgeht, testet Vincent, ob jedes Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) auch wirklich sendet. Am Abend zuvor erhielten wir eine Einführung in den Umgang mit dem LVS.

Gestern waren wir zu unserem zweitägigen Ausflug im Val d’Anniviers im Unterwallis aufgebrochen. Vom kleinen Örtchen St-Luc ging es mit der Standseilbahn hoch zur Bergstation Tignousa und von dort in gut anderthalb Stunden auf einem Winterwanderweg zum Hotel Weisshorn, das nur zu Fuss erreichbar ist. Das 1882 erbaute Gasthaus liegt an aussichtsreicher Lage auf 2337 Metern, knapp über der Waldgrenze. Diese Grenze hätte eigentlich das Thema dieser Reportage sein sollen – immerhin ist es eine der höchstgelegenen Waldgrenzen Europas. Dass uns eine andere Grenze auf der morgigen Schneeschuhtour jedoch mehr beschäftigen sollte, wurde uns schon am Abend im Hotel klar. Wir wussten, dass die Lawinensituation momentan prekär war. Wie prekär, wurde uns bewusst, als wir erfuhren, dass an diesem Tag im Umkreis von nur 20 Kilometern mehrere Lawinen niedergegangen waren, die insgesamt fünf Tote forderten. Wie könnten wir morgen sicherstellen, die Gefahrengrenze nicht zu überschreiten, fragten wir unseren Walliser Bergführer Vincent Bettler. Der sympathische 32-Jährige stellte gleich klar: «Eine Bergtour mit null Risiko gibt es nicht.» Selbstverständlich könne man das Risiko minimieren, sagte Vincent. «Dazu musst du viel Vorwissen haben und unterwegs schauen, denken, antizipieren und auch dein Bauchgefühl nicht ausser Acht lassen.» Wichtig sei es zu merken, wann man auf einer Tour umkehren müsse. Während hinter den Gipfeln im Westen die Sonne langsam unterging, erklärte uns Vincent den Umgang mit LVS, Lawinensonde sowie Schaufel. Und nach dem schmackhaften Nachtessen ging es bald über die alte Steintreppe zu unseren romantischen Zimmern mit breiten Holzdielen. Der eine oder andere von uns sinnierte im Bett liegend wohl noch einige Zeit darüber, was Vincent ausserdem gesagt hatte: «Morgen werden wir etliche Indizien für die Lawinengefahr hautnah erleben.»

Bergführer Vincent prüft das Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS).
Bevor es losgeht, testet Vincent, ob jedes Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) auch wirklich sendet. Am Abend zuvor erhielten wir eine Einführung in den Umgang mit dem LVS.
Bergführer Vincent zeichnet einen Kreis in den Pulverschnee und erklärt etwas.
Eine Einführung in den Umgang mit dem LVS.

Losgelaufen waren wir im fahlen Morgenlicht. Schaufel und Sonde im Rucksack, das LVS dicht am Körper, dessen blinkende rote Kontrolllampe den Modus «senden» anzeigt.

Ein «Wumm», das «Achtung Gefahr» bedeutet

Die Tour sollte uns über die leicht ansteigende, mit kleinen Hügeln durchsetzte Ebene Tsa du Toûno bis zum Punkt Bella Vouarda bringen. Erst folgten wir einer Spur, doch schon bald scherte Vincent immer mal wieder in den Tiefschnee aus, wo wir teilweise knietief einsanken. Dann ein «Knall» und ein «Wumm». Vincent lächelte zufrieden, denn das «Wumm» provoziert meist nur, wer selber spurt. Und dieses Geräusch ist ein typisches Alarmzeichen für erhöhte Lawinengefahr und entsteht durch spontanes Absacken der Schneedecke. «Das sagt uns unmissverständlich, dass wir sehr aufpassen müssen und uns auf keinen Fall in zu steile Hänge wagen dürfen», legte uns Vincent nahe. Und solch gefährliche Hänge gibt es eben auch in einer Ebene. Denn, wie Vincent uns erläuterte, die Lawine eines 20 Meter hohen Hügels reiche bereits, um einen Menschen zu verschütten.

Mittlerweile hatte die Sonne den Weg über die Krete gefunden. Der Weg, den unser Bergführer spurte, war ein kurviger – die gerade Linie ist halt nicht immer die sicherste. Oberhalb eines etwas steileren Hangs erklärte er uns, dass wir hier einzeln hinunterlaufen würden. Einerseits, um die Schneedecke nicht zu fest zu belasten, andererseits, damit im Fall einer Lawine maximal eine Person verschüttet wird. Vincent ging voran. Nach ihm war Sandra an der Reihe.

Zu gefährlich: Abbruch der Tour 20 Minuten vor dem Ziel

Dann passiert es. Vincent schreit Sandra zu, sie solle stehen bleiben und zeigt auf den Nordhang rechts. Uns stockt der Atem. Dort hat sich ein Schneebrett gelöst. Fast lautlos gleitet die Lawine auf einer Breite von rund 150 Metern den Hang hinunter und kommt in sicherer Entfernung von Vincent zu stehen. Die Lawine ausgelöst habe er selbst, erklärt er uns. Er habe ein «Wumm» gehört, dann einen Riss in der Schneedecke unweit neben ihm entdeckt, und wenige Sekunden später habe sich oben das Schneebrett gelöst. Das Absacken der Schneedecke setzt Energie frei, die sich – ähnlich wie bei den Wellen durch einen Stein, der ins Wasser geworfen wird – im Schnee weiterverbreitet und so zum Bruch entlang einer wenig stabilen Schicht und damit zur Lawine führt.

Wieder waren wir im Gänsemarsch unterwegs. Im weichen Pulver war das Stapfen unserer Schneeschuhe kaum zu hören – andere Geräusche gab es sowieso nicht. Wir waren die Einzigen hier. Schweigend, in regelmässigem Rhythmus zogen wir fast schon andächtig unsere Spur durch die weisse Ebene.

«So, liebe Damen und Herren», ergriff Vincent etwas später das Wort, «das wars!» Das wars? Seit gut zweieinhalb Stunden waren wir unterwegs, unser Ziel, Bella Vouarda, lag nur knapp 20 Minuten entfernt. «Unser Ziel ist nun eben hier», sagte Vincent lächelnd, aber bestimmt: Vor uns liegt ein relativ steiler Nordhang, der nicht umgangen werden kann. Hier befinden wir uns definitiv an der Gefahrengrenze. «Weiterzugehen wäre schlicht und einfach sehr dumm», so das Fazit unseres Bergführers.

Also legten wir eine Mittagsrast ein und machten uns danach auf den Rückweg. Mehrmals hörten wir noch das Wummgeräusch und waren froh, einen erfahrenen und vorsichtigen Bergführer an unserer Seite zu wissen. In St-Luc angekommen, ein Knopfdruck aufs LVS, und das rote Lämpchen hörte auf zu blinken.

Das Hotel Weisshorn auf 2337 Meter über Meer beleuchtet am Abend.
Wo in den romantischen Schlafzimmern die Holzdielen knarren und die Heizung leise rauscht: Das Hotel Weisshorn auf 2337 Meter über Meer.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Alessandro Della Bella