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30. November 2015

Schmutzli, verzweifelt gesucht

Um Leute wie Thomas Fetz reissen sich Klausgesellschaften im ganzen Land: Es herrscht ein akuter Mangel an Samichlausgehilfen. Der 51-jährige Schmutzli bestreitet in der Adventszeit mehrere Auftritte pro Abend.

Schmutzli und Samichlaus
Lustig ist das Schmutzli-Leben - und manchmal bedrückend. Thomas Fetz und sein Chlaus machen das Beste draus.

Samichlauszeit ist, wenn der Luftschutzkeller beim Strassenverkehrsamt Zürich in festlicher Dekoration erstrahlt. Wenn Tannenastgirlanden die Betonwände schmücken und Samichläuse und Schmutzli durch die verwinkelten Räume wuseln. Lämpli, Laternen und Lebkuchen an jeder Ecke, und über der ganzen Gemütlichkeit der Duft von Hackbraten.

Neo-Schmutzli Thomas Fetz (vorne) studiert den Einsatzplan

In der Einsatzzentrale der St. Nikolausgesellschaft der Stadt Zürich hat sich Thomas Fetz (51) gerade mit einem warmen Essen gestärkt und steht kaffeeschlürfend inmitten des emsigen Treibens, um die meter­langen Einsatzpläne an einer Wand zu studieren. Er hat sich noch nicht umgekleidet und sieht mit seinem wilden Bart trotzdem schon aus wie der Schmutzli, in den er sich ­wenige Minuten später verwandeln wird.

Es ist der 6. Dezember 2014 und Fetz’ ­ erste Saison. Ein paar Tage zuvor hat der Speditionskaufmann aus Dielsdorf ZH das Rekrutierungsverfahren der St. Nikolaus­gesellschaft bestanden und ist zum Schmutzli ernannt worden. Nun gilt es ernst.

Um halb vier sind Samichlaus, Schmutzli und Eseli bereit. Das Eseli von heute ist auf vier Rädern unterwegs und trägt eine rote Strickjacke. Immerhin, Haare und Schnauz sind eselsgrau. Das Trio quetscht sich in ­einen silberfarbenen Kleinwagen – das Eseli ans Steuer – und düst los in Richtung Zürich Höngg. Der Rest des Tages ist ­minu­tiös ­geplant, und das muss so sein, denn Chlaus und Gehilfen haben Einsätze im Stundentakt vor sich.

Es hat nie genug Schmutzli und Samichläuse für alle Anfragen

Samichlaustage sind kräftezehrend. In der Einsatzzentrale stärken sich die Helfer mit einer warmen Mahlzeit.

Auch zum diesjährigen Samichlaus sinddie Stadtzürcher Samichläuse und ihreGehilfen gefordert. Über 30 Chläuse, 50 Schmutzli und ebenso viele Chauffeure leisten gegen 1000 Einsätze. Nur Kunden, die zeitlich flexibel sind, haben die Chance, jetzt noch einen Chlaus buchen zu können. Doch trotz aller Flexibilität müssen auch heuer wieder gut 150 Anfragen negativ beantwortet werden, deshalb sucht man in Zürich schon seit Jahren dringend Nachwuchshläuse und -schmutzli. Ein Blick über die Stadtgrenze hinaus zeigt: Anderen geht es nicht besser. Die Samichlausgesellschaft in Baar ZG sucht alle Arten von Helfern und «Dienerinnen» und rechnet vor, dass pro Abend nicht weniger als 40 Menschen gebraucht werden. In Ebikon LU nimmt man schon 13-jährige Chläuse und Schmutzli auf. In Winterthur ZH hat ein dreifacher Vater aus der Not ­heraus die eigene kleine Klausgesellschaft ins Leben gerufen und sorgt mit seiner Aktion Rent-a-Chlaus dafür, dass wenigstens ein paar Kinder mehr Herzklopfen bekommen.

Das will auch Thomas Fetz: für Freude sorgen – und natürlich für ein bisschen ­Aufregung. An diesem Dezembernachmittag sitzt er in voller Schmutzlimontur im Wagen, späht durch die beschlagenen Scheiben in die Dämmerung hinaus und zupft seine Kapuze zurecht.

Er sei dem Chauffeur dankbar, dass er die Heizung abgestellt habe, sagt er. Der Chauffeur seinerseits schimpft leise über andere Verkehrsteilnehmer. Der Samichlaus auf dem Beifahrersitz studiert ein paar Blätter mit Informationen zum ersten Ziel. Um vier trifft die Truppe in der Demenzabteilung eines Seniorenheims ein. Die Stimmung in der kleinen Cafeteria ist heiter bis ruhig. Eine ältere Dame sitzt scheinbar unbeteiligt am Tisch, eine andere schäkert übermütig mit dem Besuch. Chlaus und Schmutzli schütteln jeder einzelnen Frau die Hand, lächeln und bemühen sich, Heiterkeit zu verbreiten. Nicht ganz einfach.

Bei den dementen Damen ist Schmutzli Fetz noch etwas unsicher und verhalten.

Kaum eine Stunde später sitzt das Trio wieder im Auto und macht eine Art Debriefing. «Am besten kannst du mich untertützen, wenn du mir die Namen der Leute zuflüsterst», erklärt der Samichlaus. Dann diskutiert man über Handy-Abos und Zeitungen. Der Chauffeur ärgert sich über eine Frau, die mit Kopfhörer über die Strasse huscht. Fetz ist still. «Solche Besuche machen mich nachdenklich», sagt er.

Im Seniorenheim beginnt der gemütliche Teil des Schmutzli-Nachmittages

Der Einsatz im zweiten Altersheim fällt ihm schon leichter. Er hat alle Namen im Griff und scherzt mit den Senioren. Eine Dame fragt keck: «Chömed er immer z zweit?» – «Ja!» – «Werum, händ er Angscht elleige?» Alle lachen, und Fetz gerät so sehr ins Plaudern, dass der Samichlaus zweimal mahnen muss: «Schmutzli, ez muesch echli ruig sii.» Dann gibts Brunsli und Gerstensuppe zum Probieren, und weiter gehts.

Nach den ersten Auftritten ist das Eis gebrochen und der Schmutzli entspannt

Lausbube Dimitri zwischen Herzklopfen und Übermut. Aber das Versli sitzt

In Dübendorf ZH wartet der kleine Dimitri. Im Licht einer grossen Kerze vor der Haustür stecken Samichlaus und Schmutzli nochmals die Köpfe zusammen und lesen, was sie in ihrem Buch über den kleinen Lausbuben notiert haben. Drinnen hampelt der blonde Knabe aufgeregt herum. Er ist ganz schön beeindruckt, besonders vom grossen Mann in der braunen Kutte. Allerdings nicht so sehr, dass er sein Sprüchli nicht tadellos vortragen könnte. Zum Abschied klatscht er Samichlaus und Schmutzli kumpelhaft ab. Thomas Fetz entspannt sich.

Besuche wie bei Dimitri seien ein unterhaltsamer Ausgleich zu anderen Aufträgen, resümiert er. Wobei ja auch die Vielfalt spannend sei. Bis zum Ende seiner ersten Schmutzlisaison wird er in der Strafanstalt Pöschwies schwere Jungs gesehen, im Waldhüsli Dutzende von Familien empfangen, Vereinsfeiern und weitere Kinder besucht haben. Zurück bleiben ein wenig Stolz auf den gelungenen Einstieg ins Schmutzlidasein und «eine tiefe Befriedigung», wie er sagt. Und die Gewissheit, dass er auch in diesem Jahr wieder als Schmutzli unterwegs sein will.

In Heft Nr. 49 des letzten Jahres berichtete das Migros-Magazin über die Rekrutierung des neuen Schmutzli Fetz

In Heft Nr. 49 des letzten Jahres berichtete das Migros-Magazin über die Rekrutierung des neuen Schmutzli Fetz

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Tina Steinauer