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22. Juni 2015

Schlösser bauen

Bänz Friedli (50) schreibt über besondere Kinder. Hier können Sie die Hörkolumne herunterladen und sich mit dem Autor oder anderen Lesern austauschen.

Der Stararchitekt
Besondere Schulkollegen: Der Stararchitekt.

Marc war anders. Er schien immer ein bisschen in den Wolken zu sein, unser Mitschüler, verträumt und eigen. Er trug Bundfaltenhosen mit schmalem Ledergürtel, wir trugen löchrige Jeans. Es waren die Achtzigerjahre, Berner Jugendliche hatten die alte Reitschule zum «Autonomen Jugendzentrum» ausgerufen, keiner kam elegant gekleidet zur Schule. Keiner ausser ihm, Marc. Wir anderen Jungs palaverten über Fussball, er komponierte noch während der Schulzeit eine Suite für ein ganzes Orchester. Dem Mädchen, dem er sie heimlich widmete, getraute er dies, glaub ich, nie zu sagen.
Sie hat dann einen sportlicheren genommen.

Kolumnist Bänz Friedli
Kolumnist Bänz Friedli (50)

Luftschlösser baue der, schimpfte unser alter Lateinlehrer, so einer werde es nie zu etwas bringen. Marcs Schulnoten waren wirklich nie die besten, dazu hatte er viel zu viele andere Dinge im Kopf. Aber irgendwie hat er sich doch durchs Gymnasium gemogelt. Weil er zwischendurch Geniestreiche vollbrachte. Nie vergesse ich, wie er eine Physikprüfung statt mittels Formeln und mittels der Berechnungen, die wir hätten anstellen sollen, grafisch löste. Grosszügig zeichnete er Kreise und Bögen auf sein Blatt, schraffierte hier, skizzierte dort – und zuletzt stimmten seine Resultate. Physiklehrer Saurer war baff. So etwas hatte er noch nie gesehen. Und bestimmt sah er es danach nie mehr. Unser eigenartiger Schulkamerad erlaubte sich, selber zu denken.
Solide Zahnärzte sind aus unserem Jahrgang hervorgegangen, eine Pfarrerin, zwei, drei Notare. Anna machte beachtliche Tanzkarriere, Christoph hat an gescheiten Büchern mitgearbeitet, Gianni führt eine eigene Praxis, einer wurde gar Regierungsrat, einer schreibt Kolumnen. Aber Marc!

Der Luftikus! Er hat es von unserer Klasse am weitesten gebracht. Ein international erfolgreicher Architekt ist er, einer, der Opernhäuser und Bürogebäude baut, Wohnkomplexe, halbe Stadtteile. Er hat in Syracuse im US-Gliedstaat New York gelehrt, er baut in Berlin, Mailand, Rom und München, auch in unserer Stadt. Manchmal, wenn ich auf dem Velo an einem seiner Gebäude vorbeifahre – und die sind unverkennbar! –, sorge ich mich, ob Buben wie er, solche, die besonders und einzigartig sind, heute in der Schule noch den nötigen Raum erhalten. Das wäre unbedingt notwendig. Denn sie sind diejenigen, die später die Welt bereichern. Ehrlich.

Marcs Bauten? Sie sehen nicht aus wie andere, ich habe sie gegoogelt. Sie haben eigenwillige, gerundete Formen, tragen Namen wie «Fellini Residence», sind von klassischer Noblesse und urbaner Kühnheit zugleich. Nicht einfach Häuser baut er.
Er baut Schlösser.
Bänz Friedli live: 26. 6. Unterwasser SG, «Zeltainer»

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli