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09. Januar 2012

Schlitteln am Zauberberg

Eine Winterwanderung von Davos zur Schatzalp hinauf und per Schlitten zurück ins Tal: Auch so kann man Weltliteratur erleben. Auf den Spuren von Thomas Manns Roman «Der Zauberberg».

Hotel Schatzalp Davos
Auf dem letzten Stück des Wegs zum Hotel Schatzalp wirds steil. Eine Stunde dauert der Aufstieg, schneller geht die Rückkehr ins Tal. Und dank dem Schlitten machts auch doppelt Spass.

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Die Säule war ziemlich hoch gestiegen, sie stand mehrere Zehntelstriche über der Grenze normaler Blutwärme, Hans Castorp hatte 37.6.» Der Befund zwingt die Hauptfigur in Thomas Manns Roman «Der Zauberberg» zu einem Sanatoriumsaufenthalt in Davos. Dort besucht der 24-jährige Castorp seinen Vetter Joachim. An sich will er nur drei Wochen lang im berühmten Bündner Kurort bleiben – daraus werden sieben Jahre.

Zitate aus «Der Zauberberg» säumen den Weg.
Zitate aus «Der Zauberberg» säumen den Weg.

Das 1000-Seiten-Werk von Thomas Mann sei schon eine Herausforderung, selbst für den geübten Leser, schrieb ein Literaturkritiker. Wenn schon das Buch etwas anstrengend zu lesen ist, haben wir uns gedacht, machen wir einen Ausflug mit der Familie: Innerhalb einer Stunde wollen Barbara (40), Rona (11), Nalani (6) und ich auf dem Thomas-Mann-Weg vom Waldhotel in Davos Platz zur Schatzalp hochwandern – und dann per Schlitten hinunterfahren. Unser Startort, das heutige Waldhotel, war einst ein Sanatorium, wo Thomas Manns Frau Katia 1912 zur Kur weilte. Mann stattete seiner Frau damals einen dreiwöchigen Besuch ab – und so entstand die Idee zum Buch. Hier, am Hang zur Schatzalp, unternimmt auch Hans Castorp viele Spaziergänge. «Der Weg führte steiler nach rechts hin, den dünn bewaldeten Hang hinan.» In diesem lichten Wald mit seinen verschneiten Nadelbäumen sind nun auch wir unterwegs. Gemütlich stapfen wir aufwärts und kreuzen bald ein kleines Fahrsträsschen – hier führte einst die Bobbahn durch. Castorps Vetter erwähnt sie einmal: «Am allerhöchsten liegt das Sanatorium Schatzalp. Die müssen im Winter ihre Leichen per Bobschlitten herunterbefördern.»

Der Wald ist für seine zutraulichen Eichhörnchen bekannt

Wir passieren Schautafeln mit Zitaten aus «Der Zauberberg», während die Sonne der Winterluft einheizt und dem Schnee auf den Lärchen zusetzt – oder wie es Mann beschrieb: «Der Schnee schmolz gewaltig... sackte zusammen... schien sich in die Erde zu verkriechen. Ein Sickern, Sintern und Rieseln war überall, ein Tropfen und Stürzen im Walde.» Immer wieder halten wir Ausschau nach den zutraulichen Eichhörnchen, für die dieser Wald bekannt ist. Sie lassen sich von Hand füttern – leider kriegen wir heute aber keines zu Gesicht.

Wir blicken hinüber zum Dischma- und Sertigtal, bestaunen das Tinzenhorn und sehen die kleinen schwarzen Punkte, die sich am Jakobshorn die Hänge hinunterschwingen. «Die gehobene Gesellschaft, die kommt doch nun mal erst im Winter, und die müssten Sie sehen. Zum Kugeln, wenn die Kerls so Sprünge machen auf ihren Fussbrettern.» Skifahren war zu Thomas Manns Zeiten noch etwas Aussergewöhnliches. Der erste Bügelskilift der Welt wurde erst 1934 gebaut – in Davos, am Fusse des Jakobshorns.

Anstrengend ist der Weg abseits des Pfades durch den tiefen Schnee. Nalani (6) und Rona (11) halten Ausschau nach Eichhörnchen.
Anstrengend ist der Weg abseits des Pfades durch den tiefen Schnee. Nalani (6) und Rona (11) halten Ausschau nach Eichhörnchen.

Davos war nicht erfreut über die Todesatmosphäre im Buch

Nach einer guten Stunde erreichen wir die Schatzalp. Das Hotel Schatzalp, früher ein Luxussanatorium, und das Waldhotel unten in Davos beanspruchen beide, der eigentliche Handlungsort des Buches zu sein. Von der Sonnenterrasse des Hotels, wo damals die Lungenkranken ihre täglichen Luftbäder nahmen, blicken wir auf die Flachdächer der unter uns liegenden Alpenstadt. «Von einem Dorf konnte übrigens nicht gut die Rede sein. Der Kurort hatte es aufgezehrt, indem er sich immerfort gegen den Taleingang hin ausdehnte.»

Obwohl «Der Zauberberg» den Namen Davos in die Welt hinaustrug, war der Kurort gar nicht glücklich über die Todesatmosphäre, die Mann um Davos herum aufgebaut hatte. Ausführlich beschrieb er die Ausschweifungen und die morbide Lebenslust der Kranken «hier oben». In Manns Davos ist die Moral des Flachlandes sozusagen aufgehoben. Das gesunde und gesittete Leben findet in einer anderen Welt statt – im Unterland. «...und Frau Stöhr konnte auf die – im Tiefland übrigens verlobte – junge Dame zeigen... bekleidet nur mit einem Pelz, unter dem sie nichts weiter als eine Reformhose getragen haben sollte.» Als auch der dortige Arzt bei Castorp Fieber, eben 37.6 Grad, und einen Lungenschaden feststellt, verschiebt dieser seine Abreise und bleibt schliesslich sieben Jahre.

Der Schlittelweg, der von der Schatzalp nach Davos Platz führt, ist grösstenteils harmlos.
Der Schlittelweg, der von der Schatzalp nach Davos Platz führt, ist grösstenteils harmlos.

Ein Schreien, ein Kreischen – dann Gelächter. Wir haben die Kurve verfehlt und sind mit unserem Schlitten in die Schneemauer gekracht. Der Schlittelweg, der hinunter nach Davos Platz führt, ist aber grösstenteils harmlos und garantiert eine genussvolle Abfahrt. Auch Castorp begegnet auf seinen Spaziergängen Schlittlern: «...den Fussgängern aber stolperten die Rodelfahrer an die Beine, Herren und Damen, welche, zurückgelehnt, die Füsse voran, unter Warnungsrufen, deren Ton davon zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlitten schlingernd die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen, ihr Modespielzeug am Seile wieder bergan zu ziehen.»

Bei uns geht es leider nicht noch mal bergan. Wir geben unser «Modespielzeug» an der Talstation der Schatzalpbahn ab und machen uns auf den Weg hinunter ins Flachland, das Hans Castorp, je länger er sich «hier oben» ­aufhielt, «fast sonderbar und verkehrt erschien».

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Philipp Dubs