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15. August 2016

Schlimme Nachrichten

Schlechte Nachrichten am TV
Schlechte Nachrichten am TV aufzunehmen und einzuordnen fällt Kindern ohne Besprechen mit den Eltern schwer. (Bild: iStockPhoto)

Was ist das nur für ein Sommer? Da pflügt einer mit einem Lastwagen durch eine Menschenmenge, ein anderer ballert in einem Einkaufszentrum um sich. Vor dem Gotthardportal wird eine komplette Familie ausgelöscht. Heute dauert es nur wenige Minuten, und die ganze Welt sieht Livebilder vom Ort des Geschehens, da immer irgendwer «zufällig» eine Handykamera draufhält.
Wenig später trudeln dann Zusatzinformationen ein – die nicht minder schwer verdaulich sind. Der Attentäter von Nizza hielt laut Augenzeugenberichten auf Kinder zu, der Täter von München zielte auf Teenager, und die beiden Mädchen, die auf der A2 starben, waren 8 und 12 Jahre alt.

Geht es nur mir so, oder haben Sie im Moment auch Mühe, die Nachrichten des Tages zu verdauen? Ein Bekannter zitierte neulich treffend einen Cat-Stevens-Song: Oh, Baby, Baby, it’s a wild world! Stimmt. Und wir sind mittendrin. Wenn schon so jemand wie ich, mit all meiner Medienerfahrung und bald 40 Jahren auf dem Buckel, Schwierigkeiten hat, die Ereignisse der letzten Wochen zu verdauen, wie geht es dann erst unseren Kindern? Sie bekommen vieles mit, direkt oder indirekt.
Eines weiss ich mit Gewissheit: Es bringt nichts, alles von ihnen fernzuhalten. Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, passierte direkt auf der Kreuzung vor unserer Wohnung ein schwerer Verkehrsunfall. Ich weiss noch fast alles: Es kracht laut. Mein Vater stürmt hinaus, um Erste Hilfe zu leisten. Meine Mutter zieht die Vorhänge zu und verbietet mir, ans Fenster zu gehen. Ich soll weiterspielen. Doch wie spielt man weiter, wenn draussen Menschen schreien?
Eben. Ich lasse meine Puppen liegen und tippele ins Bad. Dort schiebe ich das Schemeli ans Fenster, klettere hoch. Ich sehe alles. Die ineinander verkeilten Autos, die Eingeklemmten, einen leblosen Körper auf dem Boden, das viele Blut auf dem Boden. Warum ist es so schwarz? Ich höre die Ambulanz und die Rotoren eines Helikopters. Das ist der Moment, in dem Mami mich entdeckt ...

Die Dinge, die gerade auf der Welt passieren, sind real, die Bilder und Informationen dazu sind überall verfügbar. Das ist einfach so. Unsere Kinder sehen und hören Dinge, die eigentlich nicht für sie bestimmt sind. Wir dürfen sie damit nicht alleinelassen. Meine Mutter hat damals richtig reagiert. Nachdem sie mich vom Hocker gehoben hatte, setzte sie sich mit mir aufs Sofa. Sie bat mich, ihr zu erzählen, was genau ich durchs Fenster beobachtet hatte. Dann erklärte sie mir die Szenen in meinem Kopf. Das half. Ich träumte in jener Nacht nicht schlecht.
Genauso handhaben wir es mit unseren Töchtern. Wenn konkrete Fragen kommen, dann reden wir über Anschläge und Amokläufer, über schwere Verkehrsunfälle und den Tod. Auf die Warum-Frage wissen Herr Leinenbach und ich aber oft keine Antwort. Und das geben wir auch zu.

Autor: Bettina Leinenbach