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01. Juni 2015

«Schlanke liegen völlig falsch, wenn sie glauben, dass sie dank ihrer Willenskraft so leichtgewichtig sind»

Jugendliche mit starkem Übergewicht sind in einer besonders schwierigen Situation, sagt Martin Sykora (48), Chirurg und Leiter des Adipositaszentrums Zentralschweiz. Sie haben es nicht nur schwer, Freunde und Partnerinnen zu finden, sondern werden oft auch bei der Berufssuche benachteiligt. Zum Interview lesen Sie auch die Gesprächsrunde mit drei Betroffenen («Kampf gegen das Übergewicht»).

Martin Sykora
Martin Sykora (48), Chirurg und Leiter des Adipositaszentrums Zentralschweiz.

Martin Sykora, Sie behandeln krankhaft Übergewichtige ab 10 Jahren, wo sind die besonderen Herausforderungen bei Kindern und Jugendlichen?

Sie als ganzen Mensch zu erfassen – nur auf Kilogramm zu fokussieren, wäre falsch. Je jünger sie sind, desto abhängiger sind sie noch von den Eltern. Wir können keinen Fünfjährigen behandeln, ohne sie miteinzubeziehen, auch keine 13-Jährige. Wir schauen uns also das ganze System an, in dem sich der Patient bewegt, das geht bis hin zu Roundtables mit Lehrern und Schuldirektoren, weil adipöse Kinder oft schweres Mobbing erleben, sich dann teils sogar weigern, weiter zur Schule zu gehen.

Sie behandeln also bei Weitem nicht nur das Übergewicht.

Wenn es nur unser Ziel wäre, dass ein Jugendlicher an Gewicht verliert, hätten wir nur selten Erfolg, es geht um mehr. Mit konservativen Mitteln eine Gewichtsstabilität zu erreichen, ist bereits ein sehr ehrgeiziges Ziel – also mit Ernährungsberatung und Bewegung. Längerfristig tatsächlich noch mehr abzunehmen, ist auf diese Weise sehr, sehr schwierig. Klar, in Einzelfällen klappt es, aber die grosse Mehrheit schafft das nicht. Das gilt auch für Erwachsene. Wenn man untersucht, wie viele Leute nach drei, vier Jahren tatsächlich ein tieferes Gewicht haben als zuvor, kommt man auf eine Erfolgsrate von 4 Prozent.

Martin Sykora behandelt seit vielen Jahren Kinder und Jugendlichen mit schwerem Übergewicht.
Martin Sykora behandelt seit vielen Jahren Kinder und Jugendlichen mit schwerem Übergewicht.

Das Vorurteil ist: Das sind Fresssäcke, die können sich einfach nicht beherrschen. Hat das mit der Realität irgendwas zu tun?

Nein, krankhaftes Übergewicht, die sogenannte Adipositas, ist meist kein selbstverschuldeter Zustand, sondern eine hormonelle Erkrankung. Wenn wir essen, schüttet unser Magen-Darm-Trakt Hormone aus, die uns ein Sättigungsgefühl geben. Bei adipösen Menschen passiert das nicht, ihr Hormonsystem signalisiert ihnen: Ich bin am Verhungern, gib mir was zu essen! Also essen sie. Und es ist mit fast schon übermenschlichen Anstrengungen verbunden, das unter diesen Umständen nicht zu tun.

Und das gilt für alle schwerst Übergewichtigen?

Ja, fast alle, man kann das nachweisen. Dahinter steckt auch eine starke genetische Disposition. Es gibt Studien mit eineiigen Zwillingen, die getrennt voneinander in komplett anderen sozialen Milieus aufgewachsen sind – beim Gewicht entwickeln sie sich in 85 Prozent der Fälle genau gleich. Selten sind auch mal andere Krankheiten für starkes Übergewicht verantwortlich. Das erste, was wir mit unseren Patienten also tun, ist sie selbst und ihre Eltern von ihrem Schuldkomplex zu befreien.

Das erste, was wir mit unseren Patienten tun, ist sie selbst und ihre Eltern von ihrem Schuldkomplex zu befreien.

Aber es können ja nicht alle ganz unschuldig sein, es macht doch sicher einen Unterschied, ob man Gemüse und Früchte isst oder Pommes Frites und Schokolade.

Klar machen sie Fehler. Aber die Frage ist, wann machen sie die? Die meisten von ihnen haben schon lange Phasen hinter sich, wo sie gekämpft, gesund gegessen, beim Sport geschwitzt und auch abgenommen haben. Aber dann haben sie wieder zugenommen, sind vielleicht sogar schwerer als zu Beginn, und dann kommt der Frust. Ein Jahr lang haben sie sich gequält, und es hat nichts gebracht. Also sagen sie sich: Schluss mit der Kontrolle! Und dann sieht sich die Umgebung natürlich wieder in ihren Vorurteilen bestätigt, schau mal, was der alles in sich reinstopft, kein Wunder, ist der so dick. Aber wer so denkt, verlangt von diesen Menschen 24 Stunden lang, 365 Tage im Jahr eine Disziplin, zu der schlicht niemand fähig ist. Schlanke Menschen verstehen diesen Kampf nicht, weil ihr Körper das für sie erledigt. Der sagt: Ich bin satt, ich will nicht mehr. Von daher ist es eine völlig falsche Vorstellung der Schlanken, dass sie dank überlegener Willenskraft so leichtgewichtig sind – sie haben einfach das Glück, dass ihr Hormonsystem funktioniert.

Wie konkret behandeln Sie denn Ihre jungen Patienten?

Wir versuchen mit ihnen herauszufinden, in welchen Situationen sie zu viel essen, welche Rolle das Essen im Tagesablauf spielt. Und dann arbeiten wir daran, dass sie gesünder essen und Spass an der Bewegung bekommen. Vor allem aber versuchen wir, ihr Selbstbewusstsein aufzubauen, ihnen die Schuldgefühle zu nehmen. Auch die Eltern versuchen wir aufzubauen und sie vom Gefühl zu befreien, als Mutter oder Vater versagt zu haben, weil ihr Kind dick ist. Die psychologische Komponente ist sehr wichtig, weil es bei diesem Thema so viele Verletzungen gibt. Die Mutter einer 17-jährigen Patientin hat mir erzählt, dass ihre Tochter oft abends weinend nach Hause kommt, weil sie wieder von irgendwem den Kommentar «du fette Sau» gehört hat. Da muss man schon sehr stark sein, um keine Neurosen zu entwickeln.

Studien aus Österreich zeigen, dass stark übergewichtige Kinder mit gleichen Fähigkeiten in der Mathematik eine Note schlechter bewertet sind als die anderen.

Haben es Kinder und Jugendliche besonders schwer wegen Hänseleien in der Schule oder auf dem Spielplatz?

Sie werden sozial geächtet und erleben täglich Verletzungen. Die Vorurteile beginnen schon ganz früh: Fordert man Vier- bis Sechsjährige auf, aufgrund der Silhouette eines Übergewichtigen seine Eigenschaften einzuschätzen, sagen die: Der ist dumm, der betrügt, den will ich nicht als Spielkameraden. Es ist deshalb sehr schwierig für adipöse Kinder und Jugendliche, eine den anderen ebenbürtige Entwicklung zu machen. Studien aus Österreich zeigen, dass stark übergewichtige Kinder mit gleicher Intelligenz und gleichen Fähigkeiten in der Mathematik eine Note schlechter bewertet sind als die anderen. Auch Lehrer und Ärzte haben ihnen gegenüber Vorurteile. Und Lehrmeister: Vielen Jugendlichen wird direkt gesagt: Du bist zu dick, dich stellen wir nicht an. Einen, der das mal erlebt hat, habe ich operiert – ein Jahr später, nach einem Gewichtsverlust von mehr als 40 kg, hat er den Job bei der gleichen Firma bekommen.

Wie gehen die Jugendlichen mit dem Mobbing um? Was für ein Spektrum erleben Sie da? Rückzug? Oder: Jetzt erst recht?

Sozialer Rückzug ist verbreitet. Viele legen sich auch einen Panzer zu und ignorieren Sprüche und Mobbing oder versuchen, das mit einem eigenen Spruch humorvoll zu überspielen. Manche sind auch so gross und stark, dass sie erfolgreich mit Schlägen drohen. Oder sie spielen den lustigen, selbstironischen Dicken, das verschafft ihnen eine gewisse Form von Akzeptanz in der Gruppe. Aber wir haben in der Klinik immer Kleenex-Tücher zur Hand, denn wenn während unserer Gespräche der Panzer aufbricht, fliessen oft die Tränen. Das Leid nach jahrelanger täglicher Tortur ist enorm.

Ist es speziell hart im Teenageralter? Viele verlieben sich zum ersten Mal, wollen ihre Sexualität ausleben – sicherlich nicht leicht für adipöse Jugendliche, oder?

Sie haben auf dem Partnermarkt schlechtere Chancen. Studien unter US-Studenten zeigen, dass sie eher mit einem Drogensüchtigen zusammen sein würden als mit einem Übergewichtigen. Die Teenagerjahre sind eine sehr fragile Phase, es ist die Zeit der ersten Liebeserfahrungen und des Berufseinstiegs – beides wird Übergewichtigen erschwert, wenn nicht verunmöglicht. Umso wichtiger ist, dass sie so früh wie möglich zu uns kommen. Mit fünf oder sechs Jahren kann man vielleicht noch erfolgreich eingreifen, kommen sie als Teenager, werden wir am Gewicht nicht viel ändern können, höchstens am Selbstvertrauen. Ausser wir operieren.

Die Operation verschafft ihnen ein völlig neues Leben. Wer sie hinter sich hat, blüht auf.

Ab wann tun Sie das?

Ab 16 Jahren, derzeit klären wir es erstmals bei einem 15-Jährigen ab. Dies passiert in verschiedenen Fachdisziplinen (Kinderärzte, Psychiater/Psychologen, Ernährungsberater, Physiotherapeuten) – wenn alle Voraussetzungen stimmen, werden sie mir vorgestellt. Operationen bei Jugendlichen sind aber noch die Ausnahme. Es gibt sogar einige, die finden, dass man auf keinen Fall in diesem Alter operieren darf, erst wenn die Personen ausgereifte Persönlichkeiten sind, etwa mit 25. Ich sehe das anders. Warum sollen sie sich länger quälen als nötig, noch viele Jahre länger Verletzungen ertragen, die ihre Persönlichkeiten negativ beeinflussen? Die Operation verschafft ihnen ein völlig neues Leben. Wer sie hinter sich hat, blüht auf, muss dabei allerdings nicht selten auch psychologisch begleitet werden. Häufig brechen auch Erwachsene danach aus ihren bisherigen Strukturen aus, vielleicht waren sie bisher in einer bestimmten Partnerschaft oder beruflichen Position, weil sie dachten, sie bekommen nichts Besseres – und nun erleben sie plötzlich, dass man sie positiv anschaut, dass es neue Optionen gibt. Mit dieser Situation muss man erst zurechtkommen.

Die Operation ist das einzige, was längerfristig hilft?

Meist ja, gerade wenn man auf die Gewichtsreduktion fokussiert ist. Und in den letzten 15 Jahren hat sich das Verständnis über die Entstehung der Adipositas stark verändert. Bei Jugendlichen machen wir meist eine Magenverkleinerung. Dadurch können sie weniger essen als normalerweise, vor allem jedoch verändert sich durch den Eingriff der Hormonhaushalt. Der funktioniert danach wieder – die Patienten empfinden zum ersten Mal nach dem Essen ein Sättigungsgefühl und wollen gar nicht noch mehr.

Gibt es auch Gründe, die gegen eine Operation sprechen?

Es ist bezüglich Gewicht und Begleiterkrankungen wie Diabetes die beste Lösung, eigentlich müsste man jeden operieren. Aber ich operiere nicht gerne bei jemandem, der noch nichts anderes aktiv versucht hat. Auch müssen unsere Patienten ausreichend stabil sein, um mit den körperlichen und den sozialen Veränderungen zurechtzu- kommen. Deshalb behandeln wir rund die Hälfte der jährlich 400 neuen Patienten in der Klinik zuerst mal konservativ, ohne Operation. Später werden aber auch von diesen viele operiert. Es gibt jedoch auch Patienten, denen es mit klassischen Methoden gelingt, ein wenig abzunehmen und die sich dann ohne Operation wohlfühlen. Oder Patienten, die sich Sorgen machen, nach einer Operation beim Essen zu sehr eingeschränkt zu sein.

Sykora und sein Team am Adipositaszentrum Zentralschweiz.
Sykora und sein Team am Adipositaszentrum Zentralschweiz.

Ist die Operation risikolos?

Eingriffe in den menschlichen Körper muss man immer ernst nehmen. Als ich 2003 mit diesen Operationen begonnen habe, dauerte eine etwa fünf Stunden – heute sind es nur noch 50 Minuten. Die Risiken sind gesunken, auch weil wir heute Ärzte mit viel Erfahrung haben. Aber es ist ein anspruchsvoller Eingriff, den man nicht unterschätzen darf, gerade wenn man ihn bei gesundheitlich angeschlagenen Patienten durchführt – es sind auch schon welche dabei gestorben. Diese Gefahr ist ähnlich hoch wie bei anderen Operationen im Bauchraum. Bei krankhaft Übergewichtigen ist das Risiko, in den kommenden fünf Jahren zu sterben jedoch ohne Operation wesentlich höher. Trotzdem operieren wir nie einfach so, sondern klären vorher alles sorgfältig ab, insbesondere auch die Motivation.

Zahlt das die Krankenkasse?

Es gibt klare gesetzliche Vorgaben, etwa bezüglich Gewicht und Dauer der bisherigen Behandlung. Wenn diese erfüllt sind, zahlt die Krankenkasse. Es ist oft mühsamer, längerfristige Ernährungsberatung und Physiotherapie erstattet zu bekommen. Nach zwei bis drei Jahren haben sich die Kosten der Operation für die Krankenkasse amortisiert, danach sind die Krankenkosten niedriger als vor der Operation.

Ein Problem bei Übergewichtigen ist ja das hohe Gesundheitsrisiko. Vermehrt konnte man aber lesen, dass man auch adipös und gesund sein kann.

Das kommt vor, es sind aber Einzelfälle. Die grosse Mehrheit hat ein hohes Risiko für Herz- und Kreislaufkrankheiten, Diabetes, Unfruchtbarkeit (bei Frauen) und auch Krebs. Es reicht jedoch nicht, das Risiko allein aufgrund des BMI (Gewicht im Verhältnis zur Körpergrösse) zu bestimmen.

Tatsache ist, dass stark Übergewichtige schlechtere Berufschancen im Leben haben und damit zwangsläufig auch in einem finanziell niedrigeren Status leben müssen.

Spielen Wohlstand und Bildung der Herkunftsfamilie eine Rolle bei der Entwicklung von Übergewicht?

Das heisst es immer wieder, aber ich bin skeptisch. Sicher, wer gebildeter ist, reagiert vielleicht eher und hat auch besseren Zugang zu medizinischer Hilfe. Und wer wenig Geld hat, kann sich qualitativ hochwertige Lebensmittel oft nicht leisten, weil die viel teurer sind als Junk-Food. Aber die Frage ist: Was ist hier das Huhn und was das Ei? Tatsache ist, dass stark Übergewichtige schlechtere Berufschancen im Leben haben und damit zwangsläufig auch in einem finanziell niedrigeren Status leben müssen. Aber natürlich ist es schwierig, wenn man bei Eltern aufwächst, die bereits selbst übergewichtig sind, keine Ahnung haben, wie man sich richtig ernährt und sich selten bewegen. Solche Milieus gibt es auch, und in denen findet man alle klassischen Vorurteile bestätigt. Aber das ist eben nicht die Mehrheit. Die meisten Mütter sind sich der Probleme wohl bewusst und arbeiten sehr aktiv daran, sie bei ihren Kindern zu vermeiden – gerade wenn sie selbst in ihrer Jugend übergewichtig waren.

Früher galt es mal als Zeichen von Wohlstand, dick zu sein. Wie stark sind es gesellschaftliche Normen und medial verbreitete Schönheitsbilder, die den Übergewichtigen das Leben schwer machen?

Die spielen natürlich eine wichtige Rolle, gerade bei Jugendlichen. Daher wehre ich mich auch sehr dagegen, ein paar Kilo Übergewicht als krank oder nicht irgendeiner vermeintlichen Norm entsprechend anzusehen.

Was halten Sie vom fat acceptance movement oder fat pride in den USA? Wäre das nicht für viele die bessere Lösung, als sich ihr Leben lang mit Diäten zu quälen?

Eine Patientin hat mir mal gesagt: Wenn irgendwer behauptet, er sei dick und glücklich, glaub ihm kein Wort. Aber es ist eine Strategie damit umzugehen, und sie ist sicher gut fürs Selbstbewusstsein, gerade auch wenn man sich damit in einer Gruppe Gleichgesinnter bewegen kann. Dies nützen wir auch in der Therapie, so gibt es etwa Feriencamps für adipöse Kinder und Jugendliche. Darüber hinaus gibt es jedoch in der Schweiz noch nicht viel. Während in den USA bereits Hotels existieren, die einen nur ab einem bestimmten BMI reinlassen, ist so was hier noch nicht in Sicht. Und gesundheitlich ist es natürlich problematisch, auch wenn es psychologisch entlastet.