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27. April 2015

Schlamm, einst und jetzt

Bänz Friedlis Aufnahme vom Gurten 1979
Waren es die «Greensleaves»? Bänz Friedlis Aufnahme vom Gurten 1979.

Wie war es doch lauschig, vor 36 Jahren auf dem Gurten am Internationalen Folk-Festival. Ein kleines Paradies auf dem Berner Hausberg, über den sich nachtblauer Sternenhimmel wie eine Kathedralenkuppel wölbte. Ach, 1979! Wir assen Chili con carne und schwelgten in den Songs von Edoardo Bennato. Null Sponsoren gabs, null Kommerz. Heute wird den jugendlichen Festivalbesuchern schon am Eingang ein Sonnencrememüsterchen in die Hand gedrückt und hier noch ein Powerdrink und da noch ein Webgutschein des Geldgebers. Die Veranstalter müssen sich ja behaupten im harten Geschäft mit den immer höheren Musikergagen. Obendrauf erhält die junge Besucherin ein mit Sponsorenlogo bedrucktes Präservativ.

Bänz Friedli findet es nicht so schlimm
Bänz Friedli (50) findet es nicht so schlimm.

Und dann gibt man den Jugendlichen die Schuld an dem Schlamassel, das manche Open Airs hinterlassen. Ein landesweit bekannter Stilexperte trat letztes Jahr eine mediale Schlammschlacht los – einen Shitstorm, wie das der digitale Jargon nennt –, weil nach dem Festival in Frauenfeld viel Müll und Dreck und Campingutensilien zurückblieben. Der Stilexperte wohnt gleich neben dem Gelände, gediegene Lage. «Da stehen ganze Zeltstädte im Morast», empörte er sich und beklagte, das sich bietende Bild raube einem «den letzten Funken Hoffnung in diese Welt». Er schreibt übrigens gern in der ersten Person Plural, der Experte: «wir».

Anzumerken ist: Frauenfeld 2014 fand im Dauerregen statt. Ich war dort, und ich hätte mein Zelt, hätte ich eines aufgestellt, auch nicht mehr mitgenommen. Denn das Wetterpech war so gewaltig, dass das Terrain unfassbar verwüstet wurde. Das war nicht die Schuld der Festivalbesucher. Der eigentliche Skandal ist, wenn schon, dass man den Jungen Billigstzelte à 19.95 Franken verkauft. Dumpingequipment, womöglich zu einem Hungerlohn von Kinderhand gefertigt, irgendwo in Asien. Dann darf man sich nicht wundern, wenn die Jungen dieses kaputte Material nach drei Nächten liegen lassen. Ausserdem war schon die Mutter aller Open Airs, das grosse Hippiefest Woodstock, 1969 eine gewaltige Matsch- und Müllschlacht. Da war der Stilexperte noch nicht auf der Welt, aber er, pardon: «wir» könnten es ja mal googeln.

Übrigens war auch das Gurtenfestival 1979 nicht halb so lauschig, wie ich es mir zurechterinnere. Im Schlafsack wars klebrig, nirgends konnte man ordentlich pinkeln. Ehrlich gesagt, bin ich, wenn Tochterherz nun Pläne für den Open-Air-Sommer schmiedet, ganz froh, nicht mehr mitgehen zu müssen.


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli