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06. Januar 2014

Schlafwagen

Mutter mit Kinderwagen im Park
Luxusversion, Sportmodell, Tradition oder Vintage? Mutter mit Kinderwagen im Park. (Bild iStockPhoto)

Es gibt Dinge, die sollte man unbedingt vor der Geburt eines Babys erledigen. Einen Namen aussuchen. Oder das Spitalköfferchen packen. Am wichtigsten erscheint mir aber der Programmpunkt «Kinderwagen anschaffen». Erfahrungsgemäss lässt sich das nicht an einem Tag erledigen. Nein, man braucht Monate. Mindestens. Lachen Sie jetzt nicht, denn wir reden hier von einer ernsten Sache. Wer das richtige Wägeli auswählt, der ebnet seinem Kind den gesellschaftlichen Weg. Oder anders formuliert: Zeige mir deine Babykutsche, und ich sage dir, wer du bist und was aus deinem Kind wird!

Nirgendwo auf der Welt gibt es beispielsweise so viele Edel-Kinderwagen der Marke Pippiloo wie in der Zürcher Bahnhofstrasse. Selbstverständlich nicht in der Basisversion, sondern mit einem Sonderzubehörverdeck in Kamelbeige mit kleinen weissen Pünktchen drauf (Chanel, Herbst-Winter-Kollektion). Dass die Pippiloo-Mütter den Namen ihres Wägelis in den wenigsten Fällen korrekt aussprechen können, ist zweitrangig. Ausserdem interessiert es sie nicht die Bohne, dass das Lifestylegefährt auf einem normalen Landwirtschaftsweg binnen Sekunden einen Achsbruch erleiden würde. Warum auch? Glücklicherweise liegt auf den Böden der Zürcher Boutiquen kein Schotter.

Wenn Sie jetzt denken: Ha! Trifft mich nicht!, dann warten Sie ab. Die Alternative zu Pippiloo ist mindestens genauso albern. Ich sage nur Jogger. Das sind diese aufgebockten, vollgefederten Dinger, die ausschliesslich für Mütter entwickelt wurden, die wegen der Geburt den diesjährigen Ironman verpasst haben. (Wie tut mir das jetzt leid!)
Deswegen brauchen die für ihr seelisches Wohlbefinden nun einen möglichst sportlichen Buggy. Damit hetzen sie dann tagein, tagaus durch die Gegend. Ihre Kinder werden nicht sanft in den Schlaf geschaukelt, sondern mit einer Rakete ins Traumland befördert.

Dann wären da noch die Börsianer. Dieser Elterntypus entscheidet sich bewusst gegen einen Neuwagen und besorgt sich das Gefährt an der nächsten Börse. (Denn: Unser Planet wird ja schon genug ausgebeutet.) Klar, dass die Modellpalette im Secondhandladen beschränkt ist. In der Regel muss man sich entscheiden zwischen Wagen A (Baujahr 1997, vier Kinder, dunkelblau mit Babykotze, sieht man aber fast gar nicht) und Wagen B (Baujahr 2002, drei Kinder und ein Hundewelpe, braun-kariert mit Kekskrümeln). Die Vintage-Modelle werden dann noch geschwind mit einem toten Schaf aufgepeppt (wussten Sie, dass sich Felle selbst reinigen?) – und schon ist er konfiguriert, der Traumwagen für Weltverbesserer.

Die vierte Elterngruppe – zu der wir uns übrigens zählen – ist total modern und lässig und beginnt Sätze mit: «Bevor das Kind kam, sind wir um die Welt gereist.» Diese Spezies entscheidet sich auffallend häufig für Wagen mit klingenden Namen wie «Urbaner Dschungel» oder «Mistral». Heisst im Prinzip nichts anderes als: Wir möchten zwar cool bleiben, aber das Wägeli muss alle Annehmlichkeiten bieten und auf dem neuesten Stand der Technik sein. Natürlich darf es eine Stange Geld kosten, aber man darf es dem Gefährt nicht so ansehen.

Damals, als die kleine Ida in meinem Bauch heranwuchs, fuhren wir mindestens zehn Mal in den Babyfachmarkt unseres Vertrauens, um Mini-Boliden probezuschubsen. Bis wir uns endlich auf ein Modell einigen konnten, verging viel Zeit. Am Schluss machte ein dreirädriger Allrounder namens Spirit das Rennen. Kosten: 1400 Franken!

Obwohl wir uns sehr bemüht hatten, den idealen Kinderwagen zu finden, hätte Ida ihn scheinbar schon wenige Tage nach ihrer Geburt lieber umgetauscht. Vielleicht fand Sie ihn viel zu teuer? Als wir ihr den Wunsch abschlugen, beschloss sie, die Karre von nun an zu schonen. Immer wenn eine Spazierfahrt anstand, entschied sich Ida lautstark gegen den fahrbaren Untersatz und liess sich lieber von ihrer Mutter tragen. In einem Tuch, das nur ein Zehntel des Kinderwagens gekostet hatte.
Fortsetzung folgt.

Autor: Bettina Leinenbach